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Abschied mit Signalen

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Die Kommunikationspannen beim FC Bayern rund um den Rücktritt von Philipp Lahm weisen auch auf Differenzen zwischen Präsident Hoeneß und Vorstandschef Rummenigge hin.

Von Maik Rosner

Mit einem Blumenstrauß im Arm für seinen 500. Profieinsatz beim FC Bayern am Samstag gegen den FC Schalke ging Philipp Lahm später schnellen Schrittes von dannen. Es war ein Bild, das man sich so ähnlich am Saisonende vorstellen kann, nach dem letzten Spiel, das der 33-Jährige 22 Jahre nach seinen Anfängen beim FC Bayern bestreiten wird. Noch ist unklar, welches Spiel das sein wird. Ob am 20. Mai in der Bundesliga gegen den SC Freiburg. Im Pokalfinale eine Woche später, dem sich die Münchner durch den müden 1:0-Sieg im Achtelfinale gegen den VfL Wolfsburg am Dienstag angenähert haben. Oder bestenfalls erst am 3. Juni, wenn das Finale der Champions League in Cardiff steigt.

Maximal knapp vier Monate also noch, dann wird der Weltmeister von 2014, Champions-League-Gewinner von 2013, bisher siebenmalige deutsche Meister und sechsmalige Pokalsieger endgültig Servus sagen. Vorsichtshalber hat der Kapitän am Dienstagabend, nachdem er seinen Rücktritt zum Saisonende verkündet hatte, auf die Frage, wann man ihn beim Branchenführer wiedersehen werde, an das Spiel in der Bundesliga am Samstag beim FC Ingolstadt erinnert. Doch die Antwort auf die Fragen zu seiner mittelfristigen Zukunft nach der aktiven Kickerkarriere bleibt vorerst aus.

Die Wucht von Lahms Verkündung entfaltete sich weniger dadurch, dass er seinen bis Juni 2018 laufenden Profivertrag nicht erfüllen wird. Das stand schon länger im Raum, weil Lahm als Leistungsträger gehen will und nicht als gealterter Mitläufer. Sondern vielmehr durch den Umstand, den angebotenen Job als Sportdirektor nicht zu übernehmen – und dies im Alleingang mitzuteilen. Nach insgesamt vier Gesprächen darüber „habe ich für mich beschlossen, dass es für mich jetzt nicht der beste Zeitpunkt ist, beim FC Bayern danach einzusteigen“, sagte Lahm, „für mich steht fest, dass ich ab Sommer sozusagen Privatier bin. Ich kann mich noch mehr um andere Dinge kümmern, ich kann mich selbst ein bisschen umschauen, umhören, mich mit anderen Leuten treffen. Das will ich auch. Dann wird man weitersehen. Ich bin so lange in dem Verein, man wird sehen, was dann in Zukunft passiert.“

Es ist ein konsequenter Abschied, genauso konsequent, wie ihn Lahm bei seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft kurz nach dem WM-Titel in Brasilien vollzogen hatte. Anders als damals ist der Abschied diesmal aber auch von Signalen unterfüttert, die die gesamte Vereinsführung und besonders Präsident Uli Hoeneß schlecht aussehen lassen. Dieser war von Lahms Erklärung ebenso überrumpelt worden wie der gesamte Verein. Das machte auch jene Pressemitteilung deutlich, die der FC Bayern am Mittwoch im Namen von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge abgab.

„Der FC Bayern München ist überrascht über das Vorgehen Philipp Lahms und seines Beraters“, hieß es darin pikiert, „bis gestern sind wir davon ausgegangen, dass es zu dieser Entscheidung eine gemeinsame Erklärung Philipp Lahms und des FC Bayern München geben wird.“ Lahm habe nach „offenen, intensiven und konstruktiven Gesprächen“ in den vergangenen Monaten „über seine mögliche Einbindung in das Management unseres Klubs“ am Freitag seinen Entschluss mitgeteilt, „dass er derzeit nicht für eine Position in der sportlichen Leitung zur Verfügung stehen möchte“. Dennoch stünden für Lahm „die Türen beim FC Bayern München auch künftig offen“. Dies zu betonen, damit beeilte sich auch Hoeneß am Mittwoch.

Die Kommunikationspannen beim FC Bayern in der Causa Lahm weisen zugleich auf Differenzen zwischen Hoeneß und Rummenigge hin. Der Vorstandschef hatte sich schon klar für Lahm in der sportlichen Leitung bei jener Jahreshauptversammlung am 25. November ausgesprochen, bei der Hoeneß nach seiner Auszeit wegen der Steuer-Haftstrafe wieder zum Präsidenten gekürt worden war. Rummenigge hätte sich nun vermutlich schon durchringen können, Lahm den seit Matthias Sammers Ausscheiden vakanten Posten als Sportvorstand zu übertragen. Diese einflussreichere Stelle war offenbar Lahms Bedingung gewesen, um, wie angedacht, am 1. Januar 2018 anzutreten.

Hoeneß hatte jedoch direkt nach seiner Präsidenten-Kür durchblicken lassen, dass er Lahms Zukunft defensiver angehen will. Der Funke-Mediengruppe sagte er am Mittwoch, bereits im November sei im Aufsichtsrat über Lahms künftige Rolle „kontrovers diskutiert“ worden. Ein sofortiger Einstieg in den Vorstand sei dabei ausgeschlossen worden. „Bei uns im Aufsichtsrat sitzen Dax-Vorstände. Für die kommt nicht infrage, dass jemand ohne Berufserfahrung im Vorstand anfängt. Auch Christian Nerlinger war Sportdirektor und nicht Vorstand. Bei Matthias Sammer war das anders. Er war vorher beim DFB“, sagte Hoeneß. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Hoeneß, seit Montag wieder Vorsitzender des neunköpfigen Aufsichtsrats, mit seinem Einfluss in dem Gremium kaum Probleme gehabt hätte, Lahm als Sportvorstand durchzudrücken. Wenn er denn gewollt hätte.

Lahm hat registriert, dass dies nicht der Fall ist. Er hat daraus die Konsequenzen gezogen, wie gewohnt im Alleingang. Er hinterlässt dem FC Bayern nun die Aufgaben, zur kommenden Saison einen Rechtsverteidiger mit internationaler Klasse zu finden und den Sportdirektoren-Posten im Sinne von Hoeneß zu besetzen. Dessen Intimus Max Eberl von Borussia Mönchengladbach gilt nun als Topkandidat. Vorbereitet werden muss kurz- bis mittelfristig zugleich der Generationswechsel in der Mannschaft, ebenso wie mittel- bis langfristig in der Vereinsführung. Letztere Aufgabe dürfte die schwierigste werden. Lahm hätte sich das vermutlich zugetraut. Vielleicht aber ist dies nur verjährt.

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