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Zieht die Konsequenzen aus einer vermaledeiten Schalker Saison: Sportvorstand Christian Heidel.

Christian Heidel

Abschied des Prellbocks

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Manager Christian Heidel zieht sich selbstbestimmt von Schalke 04 zurück – die Grundsatzprobleme der Königsblauen löst das nicht.

Christian Heidel, so viel steht mal fest, hat überaus standhaft seinen vorzeitigen Abschied beim FC Schalke 04 verkündet. Er trug ein hellblaues Hemd, darüber einen dunkelblauen Pullover und Sakko, verziert mit einem akkurat sitzenden Einstecktuch in gedecktem Rot. Das hatte königsblauen Stil bei der Botschaft, spätestens zum 30. Juni dieses Jahres – ein Jahr vor Vertragsablauf – als Vorstand Sport und Kommunikation aufzuhören.

„Die Gründe liegen auf der Hand: Ich bin gesamtverantwortlich für den sportlichen Bereich. Wir können in dieser Saison das nicht auf den Platz bringen, was wir uns vorgestellt haben“, sagte Heidel. Dass der Klub (noch)

in Champions League und DFB-Pokal vertreten ist, kann die schlechteste Bundesligasaison seit 36 Jahren nicht kaschieren. Der 55-Jährige habe sich deshalb in der Winterpause hinterfragt und schlussendlich, vergangenen Montag beim Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies um eine vorgezogene Vertragsauflösung gebeten. „Ich bin jemand, der immer konsequent ist.“

Finanzielle Nachteile nahm er billigend in Kauf: „Ich wollte keine Abfindung oder so etwas. Ich verzichte auf alles, was mir zusteht.“ Die Monologe zu einzelnen Themenkomplexen deuteten darauf hin, dass es um die Deutungshoheit in der Kardinalfrage ging, die man in Abwandlung des kürzlich verstorbenen Baumeisters Rudi Assauer so formulieren könnte: Entweder Heidel schafft Schalke oder Schalke schafft ihn. Letzteres ist nun eingetreten, aber der Manager wahrt mit seinem selbstbestimmten Abgang sein Gesicht.

Unmittelbar nach der 0:3-Pleite beim FSV Mainz 05 stellten die Knappen die Verlautbarung auf ihre Homepage. Pikanterweise an Heidels ehemaliger Wirkungsstätte entwickelte sich ein Gerücht binnen weniger Stunden zur Nachricht. „Ich bedauere diesen Schritt. Sein Entschluss hat uns überrascht“, teilte Tönnies mit. Doch die Schalker Sinnkrise sitzt zu tief, um den vor zweieinhalb Jahren „als starken Mann“ präsentierten Heidel aus der Verantwortung zu nehmen.

Nur noch im Hintergrund

Er wolle ab sofort, wenn überhaupt, nur noch im Hintergrund mitarbeiten. Dabei soll Heidel sein Büro mitsamt der Familienfotos auf dem Schreibtisch längst geräumt haben. Sein Arbeitgeber sei in seiner Strahlkraft mit seinem früheren nicht zu vergleichen gewesen, räumte er ein: „Alles ist komplizierter, zehn Nummern größer.“ Und sogar für ihn eine Nummer zu groß? Die von Heidel in sechs Transferperioden bewegten mehr als 150 Millionen Euro an Ablösen haben den Kader – Vizemeisterschaft aus dem Vorjahr hin oder her – nicht besser gemacht. Trotzdem möchte der gebürtige Mainzer die Erfahrungen nicht missen: „Schalke ist ein überragender Verein.“ Nur sollen sie bitte einen anderen Prellbock suchen. „Ich bin der Auslöser dafür, dass es Unruhe gibt.“ Dass am Berger Feld mit seinem Rückzug alsbald Ruhe einkehrt, ist gleichwohl nicht zu erwarten.

Dafür garantieren allein die Diskussionen um den bislang eher nachsichtig behandelten Trainer Domenico Tedesco, der am Freitag von Heidel in dessen Demission eingeweiht wurde. Gegen die leidenschaftlichen Hausherren, die sich durch Karim Onisiwo (18. und 84.) und Jean-Philippe Mateta (73.) belohnten, fehlte es seinem Ensemble in so erschreckendem Maße an Mentalität und Qualität, dass die geharnischten Proteste der Schalker Fans fast logisch schienen. Die Profis brachten für die Beschimpfungen sogar Verständnis auf. „Nicht akzeptabel“ fand Linksverteidiger Bastian Oczipka den beinahe leblosen Auftritt.

Tedesco wirkte an der Seitenlinie ähnlich paralysiert wie seine Spieler, die sich hatten wegdrängen lassen wie Erstklässler beim Gerangel auf dem Pausenhof um die besten Spielgeräte. Heidel hält den 33 Jahre alten Deutsch-Italiener immer noch für einen „überragenden Trainer“, aber sieht das sein Nachfolger auch so? Mit Jonas Boldt, 37, hat Heidel nach eigenem Bekunden intensive Gespräche geführt, wollte ihn bereits als Sportdirektor einbinden – deshalb seien die Vorhaltungen „völliger Quatsch“, er habe keine Macht abgeben wollen. Tönnies soll sich mit dem Ex-Leverkusener ebenfalls getroffen haben. Oder wird Heidels Vorgänger Horst Heldt umgarnt, der bei Hannover 96 nicht wirklich glücklich ist?

Heidel hat das alles nicht mehr zu kümmern. Er stehe zwar „mit Rat und Tat“ zur Seite, muss aber – anders als in Mainz – seinen Nachfolger nicht aussuchen. Bei seinen emotionalen Abschiedsworten („ich bin nicht erleichtert, aber ich habe das Gefühl, dass es richtig ist“) wirkte er insofern gelöst, weil er zuletzt Kommentare wie in der „Sportbild“ („Heidel sollte sich schämen und gehen!“) als ehrverletzend empfand: „Wenn Grenzen überschritten werden, will ich das nicht. Da habe ich keine Lust drauf.“ Letztlich hätte solche Kritik seinen Entschluss noch bestärkt.

Unangenehm war ihm nur, den kräftigen Knick seiner Karriere („habe alles erlebt in dem Geschäft“) ausgerechnet in jener Arena zu erleben, die er am Mainzer Europakreisel einst auf einer Ackerfläche mit erschaffen hat. „Jeder andere Ort wäre mir lieber gewesen.“ In Mainz, wo er einst als leitender Angestellte eines Autohauses nebenberuflich bei einem darbenden Zweitligisten begann, den er 2016 als etablierten, kerngesunden Erstligisten übergab, sinnierte Heidel bereits darüber, dass er sich auch vorstellen könne, noch mal etwas ganz anderes zu machen. „Rentner werde ich noch nicht.“ Vorerst aber müsse er sich „ein bisschen sammeln und alles sacken lassen“. Denn: „Das ist ein anstrengender Job, den ich 28 Jahre lang ohne einen Tag Pause gemacht habe.“

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