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Da war er noch Präsident: Wolfgang Dietrich bei der missglückten Mitgliederversammlung am Sonntag.

Stuttgart

Abschied eines Unbelehrbaren

VfB-Präsident Wolfgang Dietrich gibt den Kritikern Schuld an seinem Scheitern.

Wolfgang Dietrich hat sich mit einer persönlichen Generalabrechnung vom Präsidentenposten zurückgezogen. „Ich kann und will nicht mehr verantwortlich für alles gemacht werden, was beim VfB Stuttgart berechtigt oder unberechtigt nicht gut funktioniert“, schrieb der 70-Jährige am Montag auf seiner Facebook-Seite. Damit überrumpelte der höchst umstrittene Dietrich wohl auch die Führungsriege des Fußball-Zweitligisten, der erst rund eine Stunde nach Dietrichs Statement eine kurze Mitteilung auf seiner Vereinshomepage veröffentlichte.

Dietrich reagierte damit auf die am Sonntag wegen einer technischen Panne abgebrochene Mitgliederversammlung des VfB. Weil das WLAN im Stuttgarter Stadion nicht funktioniert hatte, konnte keine Abstimmung über eine Abwahl des Klubchefs stattfinden. Was er auf der Mitgliederversammlung an „Feindseligkeit und Häme“ erlebt habe, hätte er „nicht für möglich gehalten“, schrieb Dietrich und offenbarte dabei eine erstaunliche Weltfremdheit.

Mit ihren Handys hätten sich die rund 4500 anwesenden Stimmberechtigten in das extra eingerichtete WLAN einloggen sollen, um unter anderem über Dietrichs Zukunft abstimmen zu können. Nachdem Dietrich die Veranstaltung unter lautstarken Pfiffen und Protesten abgebrochen hatte, wurde er von Personenschützern aus dem Innenbereich des Stadions begleitet.

Adrions Fundamentalkritik

Dietrichs Rücktritt sei „konsequent“, sagte Rainer Adrion, „in der Summe wurde es einfach zu viel“. Der frühere VfB-Profi und -Trainer hatte am Sonntag mit einer bemerkenswerten Rede für Aufsehen gesorgt. „Die Philosophie der letzten Jahre war ein Zickzackkurs, das war Management bei Versuch und Irrtum ohne Nachhaltigkeit“, sagt Adrion, „es gibt keine DNA, keine Identität. Das ist das Kernproblem.“

Dietrich war ursprünglich bis 2020 gewählt, stand aber seit Monaten massiv in der Kritik. Fans warfen ihm nicht nur die Entlassung des Baumeisters des Wiederaufstiegs, Jan Schindelmeiser, und Verpflichtung des im vergangenen Februar wieder abberufenen Ex-Sportvorstands Michael Reschke vor. Auch Dietrichs frühere Verflechtungen mit dem Unternehmen Quattrex, das Fußballklubs und auch direkten Konkurrenten des VfB, unter anderem dem in der Relegation gegen die Stuttgarter siegreichen FC Union Berlin, Kredite gewährt hatte, sorgte für Fragezeichen und Ärger.

„Ich lasse mir meine Würde und Ehre nicht von denjenigen nehmen, die ihre Macht lautstark und mit verbaler Gewalt demonstrieren“, polterte Dietrich am Montag. In zahlreichen Redebeiträgen war er auf der Veranstaltung von den VfB-Mitgliedern kritisiert worden. Zuvor hatte der gesamte VfB-Vorstand um Sportchef Thomas Hitzlsperger auf Plädoyers pro Dietrich verzichtet. Offenbar hatten sie die Zeichen der Zeit erkannt, Dietrich folgte Montag mit Verspätung.

Wie es nun an der Spitze des schwäbischen Traditionsklubs weitergeht, blieb zunächst offen. „Der Vereinsbeirat wird kurzfristig entsprechend seiner satzungsgemäßen Aufgaben zusammentreten, um eine kommissarische Besetzung des Präsidiums bis zur nächsten Mitgliederversammlung herbeizuführen“, heißt es in der VfB-Mitteilung. Da Vizepräsident Bernd Gaiser als einziges Präsidiumsmitglied übrig ist, dürfte er den Klub zunächst führen. Wann die nächste Mitgliederversammlung stattfindet, blieb ebenfalls zunächst unklar. (dpa/sid/jcm)

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