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Abschied eines Pioniers

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Von: Frank Hellmann

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Hat sich rund um die Uhr für den Frauenfußball eingesetzt, jetzt macht er Schluss: Siegfried Dietrich.
Hat sich rund um die Uhr für den Frauenfußball eingesetzt, jetzt macht er Schluss: Siegfried Dietrich. © Peter Hartenfelser/Imago

Zum Jahresende legt mit Siegfried Dietrich einer der fleißigsten Funktionäre alle Ämter nieder. Die Gesundheit hat bei dem Mann nicht mehr mitgespielt, dem der deutsche Frauenfußball vielleicht am meisten zu verdanken hat.

Dumme Sprüche oder ausfällige Bemerkungen gab es früher reichlich. Noch zur Jahrtausendwende begleiteten weite Teile der Gesellschaft, Fans und Medien den Frauenfußball bestenfalls aus sicherer Distanz. Die Vorbehalte haben Siegfried Dietrich nie wirklich gekümmert. „Ich habe an die Entwicklung geglaubt und einfach unbeirrt weitergemacht.“ Diejenigen, die anfangs die Nase rümpften, klopften ihm später auf die Schulter: Neider wurden zu Gönnern, Lästerer zu Bewunderern. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem dank des herzerfrischenden Auftritts deutscher Fußballerinnen bei der EM in England die größten Fortschritte zu verzeichnen waren, muss der Akkordarbeiter und Allesmacher einen Schlussstrich ziehen.

Gesundheitliche Gründe zwingen den 65-Jährigen dazu, seine Tätigkeit als Generalbevollmächtigter der Eintracht Frankfurt Fußball AG, Sportdirektor der Frauen sowie als Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen zum Jahresende abzugeben. Der Verband verliert einen seiner fleißigsten Funktionäre, der in einem Abschiedsinterview auf der DFB-Homepage sagte: „Der Weg bis zur heutigen Popularität des Frauenfußballs war ein wahrlich sehr langer und steiniger.“ Der Waldorfschüler hat fast drei Jahrzehnte dicke Felsbrocken beiseite geräumt. Als Pionier und Visionär, der mit missionarischem Eifer voranging.

Dietrich hat schon früh darauf hingewiesen, dass Vereine es als gesellschaftliche Verantwortung und lohnendes Investment betrachten sollten, Männern wie Frauen eine professionelle Bühne zu bieten. Heute rät er dringend dazu, dass DFB und DFL ihre Kräfte bündeln, um sportlich, medial und wirtschaftlich die nächsten Schritte zu unternehmen: „Ich erwarte, dass die Verantwortlichen der Vereine und des DFB in der Zukunft noch mehr im Einklang mit der DFL zusammenarbeiten.“ Eine Vergrößerung der Liga auf 16 oder sogar 18 Vereine sei spätestens für die übernächste TV-Rechteperiode ab 2027 notwendig – und mit einer Dauerpräsenz in den elektronischen Medien würden die ersten Frauen-Bundesligisten in fünf Jahren auch schwarze Zahlen schreiben. Dann sollte ein Vollprofitum für alle Spielerinnen möglich sein.

Das ist der Wunsch eines Mannes, der eher zufällig zum Frauenfußball kam. Zunächst knetete der Sohn eines Theologie-Professors als Sportphysiotherapeut die Muskeln von Tennisstars wie Boris Becker und Gabriela Sabatini, ehe Dietrich eine Agentur gründete, um gemeinsam mit Katarina Witt Eiskunstlauf-Galas zu veranstalten. Aus einem Tennismatch mit Monika Staab, der damaligen Trainerin der Bundesligafußballerinnen SG Praunheim, entstand der nächste Schlüsselmoment: Beim Besuch eines Heimspiels fiel dem Vermarktungsprofi auf, dass Werbebanden fehlten. Dietrich besorgte den ersten Sponsor. Danach war er für ein Miteinander „verhaftet“, wie er sagt.

Mit dem 1998 gegründeten 1. FFC Frankfurt erschufen die beiden ein international bewundertes Flaggschiff. Der Frauenfußballverein holte in 22 Jahren vier Europapokalsiege, sieben deutsche Meisterschaften und neun Pokalsiege. Dietrich verdingte sich in Personalunion als Vereinsmanager, Investor und Spielerberater. Bei den Männern zwar undenkbar, aber bei den Frauen war man damals froh, dass wenigstens einer richtig anpackt. In seinem Agenturbüro in Frankfurt-Heddernheim war an den Namen der akkurat beschrifteten Aktenordner sein Einfluss abzulesen: Birgit Prinz, Nia Künzer, Renate Lingor oder Steffi Jones. Deren Karrieren hat der häufig auch aneckende Impresario mit gefördert, geplant und gestaltet. Das Frankfurter Erfolgsmodell stieß erst an Grenzen, als das Investment von Lizenzvereinen wie dem VfL Wolfsburg und FC Bayern – wozu Dietrich immer aufgefordert hatte – die Machtverhältnisse verschob.

Der Strippenzieher gab noch einmal alles, um sein liebstes Kind wieder konkurrenzfähig zu machen. Kaum hatte Dietrich 2020 die Fusion mit Eintracht Frankfurt vollzogen, da sendeten Körper und Geist untrügliche Zeichen der Erschöpfung aus. Er, bis dahin gefühlt immer und überall erreichbar, musste sich zurücknehmen. Seine erste Auszeit dauerte vier Monate; die einen wirkten überrumpelt, die anderen waren überrascht, dass er so lange durchgehalten hatte. Nur Anfang jeden Jahres hatte der gebürtige Marburger beim Golfspielen in Südafrika entspannt.

Er hat sich nach eigenem Bekunden „in jedem Jahr 365 Tage 24/7“ für die Professionalisierung des Frauenfußballs eingesetzt. Vielleicht auch, weil seine Rückkehr in eine Phase fiel, in der sich vieles erfüllte, woran zwischenzeitlich vielleicht nur er noch geglaubt hatte, war der Grad der Überforderung bald wieder erreicht. Vor zweieinhalb Monaten teilte Eintracht Frankfurt mit, dass sich Dietrich aus dem Tagesgeschäft zurückziehe. Inzwischen wird Katharina Kiel als Technische Direktorin für einen Teil von Dietrichs Aufgaben eingearbeitet. Niemand wird die 30-Jährige, die mit einem Stipendium von DFB und DFL Sportmanagement studierte, mit ihrem Vorgänger vergleichen, der mitunter auch mal Nervensäge war.

Dietrich hat ja stets mitgeredet und mitgemischt. Er findet, dass sich insbesondere der VfL Wolfsburg hierzulande einen Vorsprung „von zwei bis drei Jahren“ erarbeitet habe, doch biete der Zusammenschluss unter dem Adlerdach („vielleicht sogar der wichtigste Titel in meiner aktiven Laufbahn“) auch Frankfurt wieder gute Perspektiven. Dann kann er doch ruhigen Gewissens aufhören? Auf eine solche Frage hätte „Siggi“ einfach mit „Ja“ antworten können. Aber das hätte nicht zu ihm gepasst, zu diesem Macher, der so viel für den Frauenfußball getan hat wie kaum ein anderer – und leider auch einen hohen Preis gezahlt hat.

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