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Abgründe beim HSV

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Von: Jan Christian Müller

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HSV - ein Klub kommt nicht zur Ruhe.
HSV - ein Klub kommt nicht zur Ruhe. © dpa

Mal wieder toben in Hamburg in ihrer ungnädigsten Form Machtkämpfe, von denen dieser offenbar unregierbare Klub in unschöner Tradition heimgesucht wird. Ein Kommentar.

Bei der Trauerfeier für die verstorbene Vereinsikone Uwe Seeler hat der Sportvorstand des Hamburger SV diese Woche einen bemerkenswerten Satz formuliert. Jonas Boldt sagte bei seiner Rede, die live im Fernsehen aus dem Volksparkstadion ins ganze Land übertragen wurde: „Wir werden alles daran setzen, deine Mentalität, Menschlichkeit und deine Werte für den HSV in Ehren zu halten.“

Im Grunde handelt es sich dabei, so traurig der Anlass auch war, um ein weiteres Stück Realsatire. Denn mal wieder toben im HSV in ihrer ungnädigsten Form Machtkämpfe, von denen dieser offenbar unregierbare Klub in unschöner Tradition heimgesucht wird. Schon zu Lebzeiten hat „Uns Uwe“ ebenso verzweifelt wie überfordert wie vergeblich für Frieden sorgen wollen.

Aktuell kracht es mal wieder beispiellos heftig. Praktisch aus dem Nichts tauchte vor weniger als einem Jahr der Medizinunternehmer Thomas Wüstefeld auf und hat – unterstützt von Präsident und Ex-Nationalspieler Marcell Jansen – innerhalb kürzester Zeit einen für einen Nobody erstaunlich ungesunden Aufstieg in der Vereins- und AG-Hierarchie hingelegt. Im Oktober 2021 erlangte er 5,11 Prozent der Anteile an der HSV Fußball-AG, im November wurde er Aufsichtsratschef, im Januar dann stattdessen gar Vorstand.

Wüstefeld schaffte es schnell, sich allseits unbeliebt zu machen: beim für den Sport zuständigen Kollegen Boldt, den er wohl am liebsten vom Hof gejagt hätte; bei Trainer Tim Walter, mit dem er weithin hörbar in einen verbalen Zwist geriet; bei den HSV-Angestellten, die er mit einem Sanierungskonzept mehrheitlich arg verstörte; und schließlich auch beim Großinvestor Klaus-Michael Kühne,

Inzwischen findet Wüstefeld nämlich, er habe die Aktien vergangenen Herbst zu teuer bei Vorbesitzer Kühne eingekauft und droht deshalb mit Klage. Kühne, der ja eigentlich gar keine Lust mehr auf den HSV zu haben schien, kontert mit einer opulenten 120-Millionen-Offerte zur Übernahme von fast 40 Prozent der Profiabteilung, will dafür aber gehörig mehr Einfluss und Macht auf Entscheidungen übertragen bekommen. Was nicht ohne Gefahr ist: In der Vergangenheit traute sich das Haus des 85-jährigen Großspediteurs durchaus auch Einfluss auf Transferaktivitäten zu, die selten von Erfolg gekrönt waren.

Zwischenzeitlich geriet auch Kaderplaner Michael Mutzel schmerzhaft zwischen die Fronten. Der Ex-Profi bekam kürzlich in einem für den HSV unangenehmen Prozess vorm Arbeitsgericht Barmbek zuerkannt, dass sowohl seine Beurlaubung als auch die spätere Freistellung unwirksam sind. Als Begründung für die Trennung hatte Sportchef Boldt unter anderem kühl beschieden: „Michael funktioniert in einer Führungsrolle rund um die Mannschaft nicht.“

Am Freitagabend beriet der gespaltene Aufsichtsrat unter dem durch die delikate Personalie Wüstefeld geschwächten Marcell Jansen, wie es in einer solch angespannten atmosphärischen und finanziellen Großwetterlage weitergehen kann. Milliardär Kühne war so pfiffig, seine am Donnerstagnachmittag völlig überraschend vorgetragenen dreistelligen Millionenofferte mit der vom ihm großzügig finanzierten Umbenennung des Volksparkstadions in „Uwe-Seeler-Stadion“ zu garnieren. Das kommt an bei Fans und Wahlvolk. Aus seinem Wunsch zur Personalie Wüstefeld macht Kühne derweil kein Hehl. Der umstrittene Vorstand möge „beim HSV bald Geschichte“ sein.

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