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Ganz allein, aber hochmotiviert: Bundestrainer Joachim Löw.

Nationalmannschaft

Ab in die Isolation

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die deutsche Nationalmannschaft startet unter besonderen Vorzeichen in den Vorlauf auf das erste Länderspiel seit 289 Tagen.

Not macht erfinderisch. Weil Berührungspunkte zwischen Profifußballern und Fans in Corona-Zeiten auf absehbare Zeit unmöglich sind, bietet der Fan Club Nationalmannschaft ein spezielles Gewinnspiel an. Der Preis besteht aus einem „digitalen Meet & Greet“, bei dem eine Person am Dienstag einem Nationalspieler Fragen stellen darf. Nur auf virtuellem Wege versteht sich. „Wir versuchen, den Kontakt vor allem auf digitalem Wege irgendwie zu meistern, soweit das geht. Ansonsten versuchen wir, vor allem durch erfolgreichen Fußball die Herzen wieder zu gewinnen“, sagt Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff.

Der Auftakt der Nations League der Nationalmannschaft gegen Spanien (Donnerstag 20.45 Uhr/ live ZDF) steht unter ganz speziellen Vorzeichen. Denn trotz der Vorfreude auf das erste Länderspiel seit 289 Tagen von Bundestrainer Joachim Löw („Ich kehre hochmotiviert zurück“) sind die Glücksgefühle vermutlich eher rar. Bereits am Sonntag sind Trainer und Betreuer nach Stuttgart-Degerloch ins Waldhotel gereist, um sich mit den Hygieneregeln vertraut zu machen. Die 22 Spieler folgen am Montag bis zur Mittagszeit, wobei mit Ankunft gleich ein erster Corona-Test ansteht. Bis zum Resultat haben sich die Akteure alleine auf die Hotelzimmer zurückzuziehen. Erst wenn die Testresultate negativ sind, kann Löw am Montagabend zum ersten Training auf dem Vereinsgelände des VfB Stuttgart bitten. Der Aufenthalt steht unter strengen Vorgaben der Isolation. Keine Besuche, keine Einkäufe.

Der Vorwurf, der die Mannschaft vor allem nach der missratenen WM 2018 in Russland traf, sei jetzt unabdingbar, erklärt Bierhoff: in einer Blase zu leben. Nicht mal 500 systemrelevante Pfleger oder Ärzte, die der DFB eigentlich für ihren Einsatz belohnen wollte, sind als Mini-Kulisse am Spieltag in Stuttgart erlaubt. Löw betritt nicht nur mit einem Geisterspiel in seiner Trainerkarriere völliges Neuland, er muss für den Doppelpack in der Nations League – am Sonntag geht es in Basel gegen die Schweiz – auch in wenigen Trainingseinheiten ein Team aus Spielern formen, „bei denen die Voraussetzungen unterschiedlicher nicht sein können“ (Löw). Beispiel die einzigen Repräsentanten des Triple-Siegers FC Bayern: Niklas Süle hat zwar beim Champions-League-Triumph in der finalen Phase mitgewirkt, kommt aber wie sein neuer Klubkamerad Leroy Sané aus einer langen Phase des Aufbautrainings. Beide spielen in Löws Langzeitplanungen tragende Rollen.

Der Dokumentarfilm zu Toni Kroos auf Arte: „Kroos" (Montag, 31. August 2020, 20.15 Uhr)

Die meisten starten aus einer langen Vorbereitung ohne Pflichtspiel. Auch die Neulinge Robin Gosens (Atalanta Bergamo), Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach) und Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) wissen nicht so recht, wo sie stehen. Denn Löw kann sich nicht erinnern, dass die Nationalelf vor der Bundesliga beginnt. Für DFB-Präsident Fritz Keller ist der Re-Start seines Aushängeschilds alternativlos. „Der DFB, die Nationalmannschaft, aber auch die Uefa hat zurückgesteckt, um den Ligen den Vorrang zu geben. Jetzt würde ich sagen, sind wir dran. Wenn wir das nicht machen würden, kämen wir in eine finanziell sehr schwierige Lage.“

Löw ist bekannt dafür, in der Kommunikation mit den Klubs größtmögliche Kompromissbereitschaft zu zeigen. Der Verzicht auf ein halbes Dutzend Leistungsträger aus München und Leipzig war ein klares Signal, die Belastung der acht angesetzten Länderspiele von September bis November auf möglichst viele Schulter zu verteilen. Was nichts an den hohen Zielen ändert. „Die oberste Priorität hat die EM im nächsten Jahr“, sagt der 60-Jährige, „weil ich erfahrungsgemäß weiß, was so ein Turnier mit sich bringt.“

Interessant, dass Bierhoff die Pandemie als Chance ansieht, den Standortvorteil Deutschland zu nutzen, um den Rückstand auf die Weltspitze zu verkürzen. Jede Nation habe gerade zu kämpfen. „Man merkt das auch in Ländern wie Spanien, Italien oder England, die weitaus größere Probleme als Deutschland hatten, mit der Corona-Krise umzugehen“, sagte der DFB-Direktor im DW-Interview. „Ich glaube, der deutsche Fußball hat jetzt die Chance, die starke Position wieder zu gewinnen, die wir zwischen 2010 und 2016 hatten. Wir haben natürlich noch ein anderes klares Ziel: Bei der Europameisterschaft 2024 zu Hause wollen wir mit einer ganz starken Mannschaft antreten. Dafür sind die EM 2021 und die WM 2022 ganz wichtige Schritte.“

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