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90 000 in Barcelona? „Ein Mega-Ausrufezeichen“

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Von: Frank Hellmann

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Ziehen in Barcelona die Massen an: die Barca-Fußballerinnen.
Ziehen in Barcelona die Massen an: die Barca-Fußballerinnen. © AFP

Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des VfL Wolfsburg, über das erneut ausverkaufte Camp Nou in der Champions League der Frauen, das Vorbild Eintracht Frankfurt und das Triple von 2013

Herr Kellermann, die Frauen des VfL Wolfsburg treten am Freitag (18.45 Uhr/live Dazn) im Champions-League-Halbfinale beim FC Barcelona an. Haben die Katalanen nach dem Ausscheiden der Männer in der Europa League gegen Eintracht Frankfurt erneut zu befürchten, dass das Camp Nou wieder in deutsche Hände gerät?

Wir haben vergangenen Donnerstag alle mitgefiebert, weil es etwas Besonderes für den deutschen Fußball war. Es ist beeindruckend, was die Eintracht-Fans auf die Beine gestellt haben, aber man kann es nicht mit den Rahmenbedingungen im Frauenfußball in Wolfsburg vergleichen. Wir wollen aber ähnlich sportlich performen, denn die Rollenverteilung ist durchaus vergleichbar: Barcelona ist als Titelverteidiger und mit der Kaderbesetzung der Favorit, aber wir bringen genau wie die Männer von Eintracht Frankfurt jede Menge Optimismus, Selbstbewusstsein und Vorfreude mit.

Haben sie eigentlich mal den Eintracht-Sportdirektor Siegfried Dietrich angerufen, denn deren Frauen gehörten ja mit zur Barcelona-Reisegruppe?

Ein Austausch war in diesem Fall nicht nötig, weil es ein Unterschied ist, ob man als Zuschauer oder Aktiver im Camp Nou ist. Von der Aktion der Eintracht waren wir aber begeistert, diesen Impuls und diese Botschaft haben wir sehr positiv wahrgenommen.

Hätten Sie sich bei ihren Anfängen im Frauenfußball jemals träumen lassen, ein Europapokalspiel mit einer Kulisse von 90 000 zu erleben?

Als ich 2008 meinen Vertrag beim VfL Wolfsburg unterschrieben habe, war bereits klar, dass Wolfsburg ein Standort der Frauen-WM 2011 in Deutschland und dass das Eröffnungsspiel in einem ausverkauften Berliner Olympiastadion sein würde. Da konnte man das Potenzial aber erst erahnen. In den letzten Jahren zeichnete mit dem Engagement der großen Vereine ab, dass häufiger die Männer-Arenen genutzt werden – jetzt setzt der FC Barcelona zum zweiten Male binnen kürzester Zeit ein Mega-Ausrufezeichen.

91 553 Fans bedeuteten vor einem Monat im Clasico gegen Real Madrid einen Weltrekord für den Frauenfußball. Kann das ihr Team einschüchtern?

Ich hatte bei der WM 2011 das Gefühl, dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft nicht wirklich darauf vorbereitet war. Ich hatte hinterher von einigen Spielerinnen gehört, dass sie von der Euphorie, dem Medienrummel und den Massen völlig erschlagen waren. Ich mache mir aber jetzt gar keine Sorgen, dass irgendeine Spielerin nicht ihre Leistung abliefern wird . Es gibt nichts Schöneres, als vor solch einer Kulisse anzutreten.

Warum ist das Rückspiel in Wolfsburg noch nicht ausverkauft?

Wir haben jetzt 15 000 Karten verkauft, die Erwartung liegt bei 17 000, 18 000. Das ist klasse! Wir können uns damit auf jeden Fall auf die größte Publikumszahl in Wolfsburg für ein Frauenfußball-Spiel auf Vereinsebene freuen. Man muss die Zahl auch immer in einem prozentualen Verhältnis zur Einwohnerzahl setzen.

Haben die deutschen Klubs also keine Entwicklung verschlafen?

Mit dem VfL Wolfsburg waren wir in Deutschland ein Vorreiter, als wir 2013 und 2014 die Champions-League-Halbfinals gegen Arsenal und Turbine Potsdam in der Arena ausgetragen haben. Durch das neue Format der Champions League wird jetzt international eine Entwicklung forciert. Wir waren mit den Topvereinen und dem DFB in aussichtsreichen Gesprächen, für Ligaspiele wie zum Beispiel Frankfurt gegen Wolfsburg oder Wolfsburg gegen Bayern genau wie in England während der Länderspielpausen in die großen Arenen zu gehen – dann kam die Pandemie. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald auch in der Bundesliga Highlight-Spiele mit fünfstelligen Zuschauerzahlen haben.

Der VfL Wolfsburg hat zuletzt reihenweise sportliche Höhepunkte angeboten: 6:0 in der Liga gegen den FC Bayern, 3:1 in München im DFB-Pokal oder 2:0 in der Champions League gegen den FC Arsenal.

So wie es jetzt läuft, war es nicht unbedingt zu erwarten. Ich bin sicher keiner, der tiefstapelt, aber ich habe vor der Saison nicht grundlos gesagt, dass wir Zeit benötigen, weil wir in den letzten Jahren wichtige Spielerinnen verloren und ein nahezu komplett neues Trainerteam geholt haben.

Welchen Anteil hat der neue Cheftrainer Tommy Stroot an der Entwicklung?

Dass wir so gut dastehen, ist ein großes Verdienst von Tommy und seinem gesamten Team. Ich bin extrem beeindruckt, wie er seinen kompletten Staff (mit der ehemaligen Frankfurterin Kim Kulig als Co-Trainerin, Anm. d. Red.) führt. Sie ticken ähnlich wie ich; sie leben für den Fußball und investieren sehr viel Zeit. Dazu haben sie eine besonders gute Kommunikation zur Mannschaft aufgebaut. Bei der Trainersuche kam mir natürlich entgegen, dass ich von Stephan Lerch bereits im Sommer 2020, zehn Monate vor Vertragsende wusste, dass er aufhört. Und genauso wie wir junge Spielerinnen sichten, beobachten wir auch die Entwicklung von Trainern. Tommy war derjenige, bei dem ich am meisten überzeugt war , dass er mit seiner Arbeitsweise und seinem Spielstil bei Twente Enschede auch zu uns passen würde. Er ist ein absoluter Glücksgriff.

In ihrem Büro hängt eine Collage vom Triple 2013. Ist dieser Coup jetzt zu wiederholen?

(Dreht sich zu seinem Bild um.) Das Triple ist natürlich wieder möglich, aber das möchte ich gar nicht groß thematisieren. Wir werden aber keine Spielerin bremsen, sich zu einem möglichen Triple zu äußern.

Wäre ein solcher Triumph jetzt höher einzuschätzen als damals?

2013 war eine Sensation, weil wir mit einem international unbekannten Kader erstmals teilgenommen haben. Ich habe vor Jahren das Triple für einen Frauen-Bundesligisten aufgrund der Leistungsdichte und dem Spielplan ausgeschlossen – und zu dieser Meinung stehe ich eigentlich noch. Es ist verwunderlich, dass Manchester City in der Qualifikation gegen Real Madrid, Chelsea in der Gruppenphase und Arsenal im Viertelfinale gegen uns ausgeschieden sind, wenn man sich die Strahlkraft und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der englischen Vereine anschaut. Wir merken gerade in den Vertragsgesprächen, wie wichtig für uns diese Erfolge sind. Wenn man im Konzert der finanzstarken internationalen Schwergewichte mitspielen möchte, müssen wir mindestens bis zum Viertelfinale dabei sein.

Es ist zu hören, dass die VfL Wolfsburg Fußball GmbH als 100-prozentige VW-Tochter mit deutlich weniger Geld auskommen muss, weil die Folgen des Ukraine-Krieges auf den Konzern durchschlagen. Müssen Sie nächste Saison mit einem geringeren Budget planen?

Die Gespräche über das Budget für die Kaderplanung haben wir schon vor Monaten geführt. Stand heute gehe ich davon aus, dass wir so wie besprochen ins nächste Jahr gehen können. Wir werden außer Almuth Schult voraussichtlich keine Leistungsträgerin verlieren, und einige Neuzugänge haben hier schon Verträge unterschrieben.

Toptalent Jule Brand von der TSG Hoffenheim und Nationaltorhüterin Merle Frohms von Eintracht Frankfurt. Wie schwierig waren solche Transfers?

Wenn Jule Brand schon bereit gewesen wäre fürs Ausland, würde sie nicht ab Sommer für den VfL Wolfsburg spielen. Ihr lagen Angebote auf dem Tisch, da wäre es um ein Vielfaches gegangen. Sie sieht aber, wie Lena Lattwein und Tabea Waßmuth, zwei ehemalige Hoffenheimerinnen, oder auch Lena Oberdorf sich hier auf hohem Niveau entwickelt haben. Merle Frohms war bereits als 15-Jährige am Elsterweg, sie möchte unbedingt Champions League spielen und ist sehr heimatverbunden. Nun wird der Platz im Tor durch Almuth Schults Weggang frei – uns haben auch hier verschiedene Faktoren in die Karten gespielt.

Interview: Frank Hellmann

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