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Thomas Hitzlsperger, Sportvorstand des VfB Stuttgart: Absurdes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.

Finanzkennzahlen

Die 100-Millionen-Relegation

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Die DFL veröffentlicht Finanzkennzahlen: Der FC Bayern stemmt einen Personalaufwand jenseits der 300 Millionen Euro, der BVB zahlt fast 41 Millionen an Berater.

Schatzsucher könnten demnächst auf die Idee kommen, am Mittellandkanal in Sichtweite der werkseigenen Arena nach einem versunkenen Tresor zu fahnden. Irgendwo müsste sich doch ein Geldspeicher befinden, in dem die VfL Wolfsburg Fußball GmbH die vielen Millionen Euro vermutlich leichter hätte versenken können, statt sie an seine Bundesliga-Fußballer auszuschütten. Das absurde Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, immer mal wieder vermutet, ist nun innerhalb des deutschen Profifußballs schwarz auf weiß belegt, nachdem die Deutsche Fußball-Liga (DFL) am Mittwoch die Finanzkennzahlen aller 36 Klubs veröffentlichte. In der Saison 2017/2018 stemmte der Werksverein unter dem VW-Dach einen Personalaufwand von sage und schreibe 127,8 Millionen Euro, von denen rund 100 Millionen an den Profikader flossen.

Damit hätten die Niedersachsen eigentlich Dritter werden müssen, denn auf diesem Sektor gaben nur Borussia Dortmund (186,7) und natürlich Bayern München (315) mehr aus, dessen Dauerabonnement auf die deutsche Meisterschaft aufgrund des gewaltigen finanziellen Vorsprung leicht erklärbar ist. Heraus kam in besagter Spielzeit nur der drittletzte Rang – und die zweite Rettung in der Relegation. „Uns ist bewusst, dass diese Zahl nicht gering ist und nicht einhergegangen ist mit dem sportlichen Erfolg. Wir hatten einen Kader, der für einen Relegationsplatz zu teuer war“, teilte der für Finanzen zuständige Geschäftsführer Tim Schumacher mit. Unter dem Strich stand auch noch ein negatives Jahresergebnis von 19,7 Millionen Euro, für das der VW-Konzern einstehen musste. Inzwischen redet Schumacher von einer „wirtschaftlichen Konsolidierung“, die eingesetzt habe.

Das Eingeständnis ist Folge einer „zusätzlichen Transparenz“, die sich der deutsche Profifußball selbst verordnet hat. Auf der Mitgliederversammlung Ende vergangenen Jahres sprachen sich die Vereine mit einer Zweidrittelmehrheit dafür aus, die relevanten Zahlen (Bilanzsumme, Eigenkapital, Verbindlichkeiten, Jahresergebnis) preiszugeben, die sich auf die Spielzeit 2017/2018 oder das Kalenderjahr 2018 beziehen. Klub wie RB Leipzig hätten am liebsten weiter ein Geheimnis gerade aus ihrem Gehaltsblock gemacht.

Zu viele sind überbezahlt

Vorstandschef Oliver Mintzlaff bekräftigte erst kürzlich, dass er keinen Sinn darin erkenne, „jeden einzelnen Posten zu kommunizieren.“ Nun kann jeder erkennen, dass die Champions-League-Qualifikationen in Leverkusen und Leipzig eben auch mit ordentlichen Gehältern erkauft sind. Der Personalaufwand von 110 Millionen Euro unter dem Bayer-Kreuz (2018) bzw. 105 Millionen in der Red-Bull-Welt (2017/2018) dürften sich in der abgelaufenen Saison weiter erhöht haben, die erst zum 30. Juni bilanziert wird.

Nichtsdestotrotz haben die beiden fremd bezuschussten Vereine viel besser gewirtschaftet als der FC Schalke 04, der mit seinen 124,8 Millionen Euro Personalaufwand eigentlich zu den Top vier gehören müsste. Ein weiteres Beispiel für Missmanagement gibt der Absteiger VfB Stuttgart ab, der sich mit seinen 83,7 Millionen für Gehälter zumindest wirtschaftlich bereits in der oberen Tabellenhälfte bewegt hat.

Eintracht Frankfurt machte in der Saison 2017/2018 einen Umsatz von 97,53 Millionen Euro und einen Gewinn von 6,5 Millionen Euro. Allerdings waren damals die Ausgaben für das Personal auf 72,2 Millionen Euro angewachsen. In der angelaufenen Runde rechnet die Eintracht, je nach Transfererlösen, sogar mit einem Umsatz von rund 200 Millionen Euro.

Erstaunlich, was die Klubs an Beraterprovisionen ausgeben, was ebenfalls zum ersten Mal im Detail aufgeschlüsselt wird. Den Vogel hat hier Borussia Dortmund mit 40,9 Millionen abgeschossen. Bei der umfangreichen Shoppingtour im Sommer 2017 mit den Verpflichtungen von Ömer Toprak, Jeremy Toljan, Maximilian Philipp, Jadon Sancho, Andrej Jarmolenko oder Manuel Akanji zahlte der BVB allein an Agentenhonorar mehr als der SC Freiburg an alle Angestellten. Auch von Bayer Leverkusen (22,6), Bayern München (22,3) und VfL Wolfsburg (21,6) konnten die Berater prima leben, die summa summarum von den 18 Erstligisten annähernd 200 Millionen Euro abgezweigt haben. Niemand scheint gewillt, diesem Wildwuchs einen Riegel vorzuschieben. Für Spielerberater griffen die Frankfurter deutlich weniger tief in die Tasche, nämlich mit 3,574 Millionen Euro und damit liegen sie auf dem 14. Platz. Lediglich die Aufsteiger Paderborn und Union Berlin sowie Augsburg und Düsseldorf zahlten den Beratern weniger.

Die Pflicht zur Offenlegung betraf nach dem Uefa-Reglement im Kontext des Financial Fairplay eigentlich nur die Teilnehmer an europäischen Klubwettbewerben. Nun sorgen alle Vereine für eine gewisse Vergleichbarkeit, wobei beim Personalaufwand zu berücksichtigen ist, dass der Posten Personalaufwand auch Mitarbeiter fürs Merchandising, Ticketing oder in den Tochterfirmen umfasst. Doch das Gros wandert immer noch an die Spieler. Und so bildet das Gehaltsvolumen auch die Kenngröße für sportliche Schlagkraft, so dass alle Debatten künftig eine fundierte Grundlage erhalten. Und letztlich kann auch das Management beurteilt werden. In Wolfsburg sind die Verantwortlichen für ein überbezahltes Ensemble, nämlich Klaus Allofs und Olaf Rebbe, übrigens längst entlassen.

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