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WM 1982: Das Drama der Nacht von Sevilla

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Von: Günter Klein, Frank Hellmann

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Das Foul: Torwart Toni Schumacher springt Patrick Battiston an, schlägt ihm dabei sogar Zähne aus – und wird vom Schiedsrichter nicht bestraft.
Das Foul: Torwart Toni Schumacher springt Patrick Battiston an, schlägt ihm dabei sogar Zähne aus – und wird vom Schiedsrichter nicht bestraft. © imago sportfotodienst

Wer 1982 die Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien sah, kann gar nicht anders, als sich an dieses Spiel zu erinnern: 8. Juli, Halbfinale Deutschland gegen Frankreich. Vor allem das brutale Foul von Schumacher an Battiston bleibt im Gedächtnis. Die Partie belastete lange Zeit auch die Beziehung beider Länder

Stephan Klemm geht es wie so vielen aus seiner Generation, die in dieser Nacht vor dem Fernseher saßen und sich im Laufe des WM-Halbfinals 1982 zwischen Deutschland und Frankreich (5:4 nach Elfmeterschießen, 3:3 nach Verlängerung) auf einer Achterbahn der Gefühle wähnten. „Ich war damals 14 Jahre alt. Mich hat dieses Spiel nie mehr losgelassen“, erzählt der Sportredakteur vom „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Als Jugendlicher war ich natürlich froh, dass die Deutschen weitergekommen waren, aber die ganzen Begleitumstände habe ich nicht erfasst.“ Wie denn auch? Heute gilt als sicher: Mögen in der Bedeutung einige legendäre WM-Spiele, vor allem das Finale 1954 („Wunder von Bern“) einen höheren Rang einnehmen, hat dieser spektakuläre Schlagabtausch mit dem Helden und Antihelden Harald „Toni“ Schumacher im Album der großen Spiele einen ganz besonderen Platz.

Darüber hat Klemm ein Buch mit dem gleichnamigen Titel („Die Nacht von Sevilla ‘82 – ein deutsch-französisches Fußballdrama“) geschrieben. Das im kleinen, aber feinen Verlag Eriks Buchregal erschienene Werk ist in fünf Akte (Vorspiel, Anbahnung, Sevilla, Nachspiel, Abschied) gegliedert, eingerahmt von Prolog und Epilog. Der fließend Französisch sprechende 54-Jährige hat mit allen 13 eingesetzten deutschen und einigen französischen Spielern gesprochen. Er hat ihnen allen die wichtigsten Szenen des Spiels gezeigt, die einige erstmals nach langer Zeit wiedergesehen haben. „Für einige war die Ansicht der Bilder der Zungenöffner.“ So beleuchtet er in bemerkenswerter Detailschärfe, was im Spiel, aber vor allem auch vorher und nachher, passierte. Und Klemm gelingt es, den historischen Kontext zu erfassen, weil in beiden Nationen die Ereignisse so unterschiedlich wahrgenommen und bewertet worden sind.

WM 1982: Jupp Derwalls tolle Truppe

Jener 8. Juli 1982 liefert viele Geschichten, und jede der seinerzeit beteiligten beiden Seiten hat ihnen einen anderen Rang zugeordnet. Für Deutschland ist die Nacht von Sevilla ein aufreibendes Spiel, das ein schleppend begonnenes Turnier doch noch zum Erfolg bringt. Die Vorbereitung unter Bundestrainer Jupp Derwall am Schwarzwälder Schluchsee geriet zum disziplinarischen Desaster, später machte in Anspielung auf feuchte Pokernächte der Begriff vom „Schlucksee“ die Runde. Die Nationalmannschaft mit prägenden Persönlichkeiten wie dem Verteidiger Manfred Kaltz, den Brüdern Bernd und Karlheinz Förster, den Mittelfeldlenkern Felix Magath und Paul Breitner, dem Trickser Pierre Littbarski und Stürmern wie Klaus Fischer, Horst Hrubesch und Karl-Heinz Rummenigge ging also schlecht vorbereitet in die WM, verlor gegen Algerien (1:2) und empörte die Welt durch das einvernehmliche Ballgeschiebe mit den Österreichern (1:0), das als „Schande von Gijon“ ebenfalls seinen Platz in der Fußballgeschichte beansprucht.

Glückliches Ende: Deutschland siegt 8:7 nach Elfmeterschießen.
Glückliches Ende: Deutschland siegt 8:7 nach Elfmeterschießen. © IMAGO/Sven Simon

Die Spieler um die bayrische Leitfigur Breitner, der sich vor dem Turnier zu Werbezwecken seinen Vollbart abrasiert hatte, brachten sich mit Extratraining in Schwung und über eine Zwischenrunde (0:0 gegen England, 2:1 über Spanien) ins Halbfinale. Das erlebte die Deutschen in ihrer typischen Turniermentalität. 1:1 nach 90 Minuten, schnell geriet die DFB-Elf in der Verlängerung zwar ins Hintertreffen (1:3), doch sie konnte durch den eingewechselten Rummenigge – er schleppte sich mit Muskelverletzung durch die WM – und einen unnachahmlichen Fallrückzieher von Fischer ausgleichen. Im Elfmeterschießen vergab der untröstliche Uli Stielike, aber das machte nichts, weil Toni Schumacher im deutschen Kasten zwei Schüsse der Franzosen hielt. Deutschland jubelte, Frankreich trauerte – und zürnte.

Vorgeschichte und Spielverlauf waren schon Drama genug, doch es gab einen noch stärker nachwirkenden Erzählstrang. In ihm nahm Schumacher, aus sportlicher Warte der Held, die Rolle des Schurken ein, der aus Verlierersicht einer begabten Generation um den grandiosen Michel Platini, aber auch Akteuren wie Jena Tigana, Alain Giresse oder Marius Trésor, mit einem bösen Foul alles nahm, obwohl auch Frankreichs Nationaltrainer Michel Hildalgo entscheidende Fehler machte.

Toni Schumacher: „Ich bezahl‘ Battiston die Jacketkronen“

Aber spielte das eine Rolle gegenüber der Szene nach gut einer Stunde? Da stürzte Schumacher fast wie ein Raubtier aus seinem Tor heraus, dem kurz zuvor für Bernard Genghini eingewechselten Patrick Battiston entgegen, drehte sich in der Luft, erwischte den Franzosen mit seiner Hüfte mit voller Körperwucht. Battiston blieb bewusstlos liegen, erst nach geraumer Zeit kamen die Sanitäter aufs Feld gesprintet.

Er wurde vom Platz getragen, während Deutschlands Torwart in der Nähe stand und den Ball jonglierte, als wäre ihm langweilig. Als nach dem Spiel klar wurde, dass Battiston sich schwer verletzt hatte, sagte Schumacher: „Ich bezahl‘ ihm die Jacketkronen.“ Weil dem niederländischen Schiedsrichter Charles Corver das Foul des deutschen Torhüters entgangen war, durfte Schumacher weiterspielen. Die Rote Karte wäre zwingend gewesen – und auch ein Elfmeter. Damals gab es nur eine kurze Zeitlupe, erst recht keinen Videobeweis.

WM 1982: Patrick Battiston erlitt schwere Verletzungen

„So facettenreich war keine Begegnung“, sagt Stephan Klemm und verweist nicht allein auf die Wiedergeburt der Deutschen. Auch ihm geht es vor allem um die zwielichtige Rolle Schumachers. „Er hat sich danach wirklich katastrophal verhalten, indem er sich überhaupt nicht um den Spieler gekümmert hat.“ Der Buchautor saß mit dem damals für den 1. FC Köln spielenden und heute noch immer für den Klub arbeitenden Torhüter im Esszimmer der Schumachers in Sürth bei Köln. Redete lange mit einem reuigen und eigentlich ja recht warmherzigen Menschen, dem im Nachhinein sein eigenes Verhalten fremd war. Er wusste lange nicht, welche Spätfolgen Battiston bis heute beschäftigen: depressive Verstimmungen, Kopfschmerzen und Sehstörungen, insgesamt sechs Zahnoperationen, weil die Vorderzähne wegen Zahnfleischproblemen mehrfach ausgetauscht werden mussten. Das sind Spuren fürs Leben.

Und Folgen einer Szene, die beim Anblick der Zeitlupe auch 40 Jahre später nur hartgesottene Zeitgenossen vertragen. Es gab nicht viele Zusammenstöße auf der großen Fußballbühne, die brutaler erscheinen als dieser. Deshalb lohnt es sich, was Battiston vor 20 Jahren in einem französischen Dokumentarfilm von Emilio Maillé sagte, als er einmal in Sevilla in jenem Stadion, in dem Eintracht Frankfurt am 18. Mai dieses Jahres den Europa-League-Triumph gegen die Glasgow Rangers feierte, genau jenen Weg beschritt, den er damals im Spiel genommen hatte. Mit jedem Schritt schienen die Erinnerungen klarer zu werden.

Buchtipp

Stephan Klemm, Historiker und Sport-Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“, hat mit vielen Spielern von damals gesprochen. Er zeichnet die Spuren nach, die das Spiel bis heute in Frankreich hinterlassen hat: „Sie verzweifeln weiterhin daran, trotz ihrer Fußballkunst noch verloren zu haben.“

„Die Nacht von Sevilla ’82“ von Stephan Klemm, Verlag Eriks Buchregal, 192 Seiten, 24,90 Euro.

Im ruhigen Ton erzählte er von den Sekunden, die für ihn zu Ewigkeitsmomenten wurden: „Ich hatte den Eindruck, der Ball steigt in die Luft und verharrt dort einen langen Moment. Ich laufe, ich sehe niemanden. Ich versuche den Ball, der in der Luft schwebt, zu erfassen. Ich habe mir überlegt: Wie werde ich ihn annehmen? Das spielte sich sehr, sehr schnell ab. Das Gehirn arbeitete. Ich habe mich entschieden, den Ball mit links anzunehmen. Kurz vor der Annahme hebe ich meinen Kopf hoch – und nehme eine dunkle Masse wahr.“ Pause. Battiston lächelte. Nach den weiteren Schilderungen schloss er wieder die Augen.

Es dauerte weitere zehn Jahre, bis er für sich realisierte: „30 Jahre hatte ich geglaubt, dass der Pass mich aus der Luft erreicht hat. Aber nein, der Ball war aufgesprungen.“ Der 65 Jahre alte Battiston gibt heute keine Interviews mehr zum Thema; auch Klemm erteilte er eine Absage. „Er hatte mich sogar eingeladen, dass wir zusammen essen gehen und Wein trinken können. Wir hätten über alles reden können. Aber nicht über das Foul.“ Der herzensgute Franzose will nicht darauf reduziert werden, und ohnehin hat er sich stets dagegen verwahrt, dass man den Vorfall im damals noch problematischeren politischen Verhältnis zwischen den Nationen, die im Zweiten Weltkrieg Feinde waren, ausschlachtet. Er wollte sich wie ein perfekter Gentleman verhalten, um eine beruhigende Wirkung auf den Volkszorn zu haben. Dafür, dass er die antideutschen Ressentiments ruhen ließ, betont Klemm, kann man Battiston nicht oft genug loben. Eine Entschuldigung hatte er exakt eine Woche nach Sevilla akzeptiert. Schumacher hatte Battiston dafür extra in dessen Heimat Metz besucht. Die schnelle Versöhnung hat geholfen, die auf vielen Ebenen und in mehreren Generationen greifende deutsch-französische Freundschaft zu leben.

WM 1982, Halbfinale: „Frankreich hat eine Schwäche für Verlierer“

Was die Geschehnisse für Frankreich bedeuteten, deren Equipe Tricolore im Jahr 1982 einen stilprägenden, eleganten Fußball aufführte, voller Ideen und Inspiration, gesegnet mit einem in dieser Zusammensetzung vielleicht einmaligen Mittelfeld mit Giresse, Genghini, Tigana und Platini, davon hat Klemm erst erfahren, als er in den 1990er Jahren im Rahmen seines Geschichtsstudiums für ein Jahr nach Aix-en-Provence ging. Später als Reporter bei der Tour de France tauchte er noch tiefer in ein Land ein, das die Ereignisse bis heute aus einer völlig anderen Blickrichtung betrachtet. Und vielleicht auch betrachten muss, um sie zu verarbeiten.

„Dazu kommt: Die Franzosen haben eine Schwäche für Verlierer“, sagt Klemm, „sie haben sich vor allem mit dem Foul an Battiston befasst.“ Er hat nach dem Schreiben des Buches („dafür habe ich mir 2020 eine kleine Auszeit genommen“) auch eine Roadshow mit zwei Terminen in näherer Umgebung („darunter auch der Tennisclub meiner Frau“) mit seinem Freund Georg Scholl von der Humboldt-Stiftung als Moderator abgehalten.

Akrobatik: Klaus Fischer trifft per Fallrückzieher zum 3:3-Ausgleich.
Akrobatik: Klaus Fischer trifft per Fallrückzieher zum 3:3-Ausgleich. © imago sportfotodienst

Inzwischen ist der Historiker und Journalist selbst ein vielgefragter Zeitzeuge. Das ZDF plant eine größere Dokumentation, beim Deutschlandfunk hat er zusammen mit dem Soziologen Albrecht Sonntag gesprochen, der seit mehr als 30 Jahren in Frankreich lebt und sowohl die deutsche als auch die französische Staatsbürgerschaft hat. Der Professor für Europastudien an der Wirtschaftshochschule ESSCA sagt zur Faszination dieser Begegnung: „Dieses unglaubliche Drama, in dem der Fußball alles hervorgezaubert hat, was er an Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit auf den Platz bringen kann.“ Anders als in Hollywoodfilmen habe sich das Drama aber nicht zum Guten gewendet, so Sonntag, sondern zugunsten des Bösen, in dem Falle der Deutschen.

Die Partie, verrät Klemm in dem Gespräch, sei noch im Jahr 2021 von der französischen Fachzeitschrift „France Football“ zur Nummer eins unter 50 Spielen gewählt worden. Sonntag erklärt das so: „Vielleicht sind es ja die tragischen Niederlagen, die sich viel stärker niederschlagen im kollektiven Gedächtnis. Vielleicht sind die Erinnerungen an die gemeinsame Traurigkeit weniger vergänglich als die Erinnerungen an zahlreiche gemeinsame Triumphe.“ In Deutschland beschäftigten sich die Zeitungen bereits am Tag danach mit dem Finale, während Frankreich sich dem Foul Schumachers und der Verletzung Battistons widmete.

Toni Schumacher bekam sogar Morddrohungen nach dem Foul an Battiston

Der Torwart Schumacher, der durch sein Enthüllungsbuch „Anpfiff“ 1987 seine aktive Karriere im Grunde selbst abpfiff, musste die Sache ebenfalls verarbeiten, vielleicht ist auch bei dem heute 68-Jährigen dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Damals verlor ein für seine Zeit herausragender Keeper für Monate seine Form, denn dass er nun der Inbegriff des hässlichen Deutschen war, ging nicht einfach an ihm vorüber.

„Das war die schlimmste Situation meines Lebens. Es gab Morddrohungen, ich bekam viele Briefe und stand unter Personenschutz. Solch ein Spiel gibt es in einem Jahrhundert vielleicht ein, zwei oder dreimal“, sagte Schumacher erst wieder am vergangenen Mittwochabend, als im Beisein zahlreicher Altstars im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund die Sonderausstellung „Nacht von Sevilla“ eröffnet wurde. Neben ihm waren auch Breitner, Littbarski, Stielike und Fischer gekommen, um sich zu erinnern. In zwei nachgebauten Wohnzimmern auf einer 360-Grad-Bühne mit digitalen Medieninstallationen werden für das Publikum die Erinnerungen an das Fußball-Drama noch einmal lebendig – sowohl aus deutscher als auch aus französischer Perspektive.

„Das tut gut, ich habe es mir mit großer Begeisterung angesehen“, sagte Breitner, dessen Alphatier-Rolle in einer gewiss nicht vorbildhaften deutschen Nationalmannschaft in Klemms Buch ebenfalls kritisch ausgeleuchtet wird. Die Ausstellung ist bis zum 12. Oktober im Fußballmuseum zu sehen.

Weltmeister wurde Deutschland 1982 übrigens nicht, das Finale gegen Italien um den entfesselten Paolo Rossi war eine aussichtslose Angelegenheit (1:3). Die Nacht vom 11. Juli 1982 in Madrid ist – zumindest in Deutschland – keine Erinnerung wert.

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