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Fußball-WM in Katar: Von Hürden und Bürden

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Von: Ronny Blaschke

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„Durch den Sport kann ich mich ausdrücken“: Mariam Farid bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2019 im Stadion von Doha.
„Durch den Sport kann ich mich ausdrücken“: Mariam Farid bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2019 im Stadion von Doha. © AFP

Katar, das Gastgeberland der Fußball-WM, steht wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Die katarische Leichtathletin Mariam Farid fordert einen differenzierten Blick auf ihre Heimat – und dient, ob sie will oder nicht, als politische Vorzeigefrau

Die Leichtathletin Mariam Farid braucht einige Minuten, um sich auf den Gesprächspartner aus Europa einzulassen. Vielleicht liegt das an der hektischen Umgebung. Das Interview soll in einem Krankenhaus stattfinden, in der Nähe liegt eine beliebte Shopping Mall von Doha. Im Korridor schiebt ein Pfleger medizinisches Gerät zum Fahrstuhl. Aus den Lautsprechern ertönt eine Durchsage. Mariam Farid richtet sich kurz auf und hört hin. Die 24-Jährige ist im Krankenhaus hauptberuflich für die Pressearbeit zuständig. Sie weiß, wie man Inhalte nach draußen kommuniziert. Sie hat gelernt, ihr Image zu kontrollieren, wie so viele andere in Katar auch.

„Seit Jahren verlangt man in Europa, dass wir uns hier in Katar öffnen und dass wir Fortschritte erzielen sollen“, sagt Mariam Farid und tippt mit der flachen Hand nachdrücklich auf das Sofa, auf dem sie sitzt. „Wenn wir dann Reformen durchsetzen, will das leider fast niemand anerkennen.“ Hinter ihr an der Wand hängen Fotos, die ihren Vater, einen anerkannten Zahnarzt, mit einflussreichen Persönlichkeiten zeigen, auch mit dem Emir Tamim bin Hamad Al Thani, dem mächtigen Herrscher Katars. „Viele Katarer wollen nicht mehr wirklich mit westlichen Journalisten sprechen“, sagt Farid. „Aber ich möchte mich für einen differenzierten Blick auf unser Land starkmachen.“

In nicht mal mehr einem Monat ist es soweit: Am 20. November beginnt im kleinen Katar die Fußball-Weltmeisterschaft. Das Turnier wurde vor zwölf Jahren an den Persischen Golf vergeben. Seitdem berichten Medien aus Westeuropa vor allem über Menschenrechtsverletzungen, über die Ausbeutung der Gastarbeitenden oder die Verfolgung von Homosexuellen. Im Demokratieindex des Magazins „The Economist“ belegt Katar von 167 bewerteten Staaten Rang 114. Bedrückende Zahlen wie diese lassen in Europa Abneigung gegenüber Katar wachsen.

Fußball-WM in Katar: Niemand will über Sport sprechen

Doch auch in Katar möchten sich viele Menschen nicht auf das politische System reduzieren lassen, in dem sie leben. Von den rund 2,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern besitzen nur 300 000 die katarische Staatsbürgerschaft. Durch die hohen Erdgasvorkommen sind die meisten Menschen in Katar auf Jahre hinaus finanziell abgesichert. „Das bedeutet aber nicht, dass wir uns zurücklehnen“, sagt Mariam Farid.

Sie stammt aus einer sportbegeisterten Familie, probierte schon während der Schulzeit etliche Sportarten aus, Schwimmen, Fußball, Hürdenläufe. Als Einzige in der Familie zog es sie in den Leistungssport. Farid trainierte drei, vier Stunden am Tag. Die Sprinterin bestritt 2014 ihr ersten Wettkämpfe, sie wurde von Jahr zu Jahr besser, reiste bald in andere Länder. „Ich habe meine körperlichen Grenzen immer weiter verschoben.“ Sie wirkt stolz und scheint den Geräuschpegel des Krankenhauses kaum noch wahrzunehmen. „Durch den Sport kann ich mich ausdrücken.“ Doch gerade bei internationalen Wettbewerben wollte die Presse kaum mit ihr über Sport sprechen.

Mariam Farid stammt aus einem Land, das erst seit 2009 über ein Nationalteam der Fußballerinnen verfügt und erst seit 2012 Frauen zu den Olympischen Spielen entsendet. Farid wird häufig auf die katarische Gesetzgebung und die Staatsreligion angesprochen. Katar wird, ähnlich wie Saudi-Arabien, durch den Wahhabismus geprägt, eine traditionalistische Auslegung des sunnitischen Islam. Noch immer müssen Frauen für etliche Anliegen die Erlaubnis eines männlichen Vormunds einholen. Etwa wenn sie heiraten, in einem öffentlichen Job arbeiten oder im Ausland studieren wollen. Jahrzehntelang hatte es in Katar kaum Räume gegeben, in denen sich Frauen ohne traditionelle Bekleidung körperlich betätigen konnten.

Fußball-WM in Katar: Mehr als nur die Politik des Emir

Die Stimme von Mariam Farid klingt nun fester, sie beugt sich ein Stück nach vorne, berichtet von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019, die in ihrer Heimatstadt Doha stattfanden. Lange hatte sie darüber nachgedacht, wie dieser Höhepunkt ihrer Laufbahn wohl aussehen würde. Freunde auf den Tribünen, die Familie im Zielbereich, die Gelegenheit für internationalen Austausch. Im Hürdenlauf der WM erreichte Farid dann im Vorlauf ihre Bestleistung, doch sie schied aus. Einige Minuten später in den Katakomben war sie von der Presse umringt. Immer wieder habe sie dieselben Fragen gehört: Wie funktioniere das überhaupt, mit einem Kopftuch zu laufen? Wie fühle es sich an, die moderne Botschafterin für einen konservativen Staat zu sein? Später schaute Mariam Farid ins Internet. Ein angesehenes Medium titelte: „Verhüllt vom Kopf bis zu den Zehen.“

Es ist weiterhin wichtig für deutsche und internationale Medien, auf die Menschenrechtsverletzungen in Katar hinzuweisen. Mariam Farid will das gar nicht abstreiten, sie kennt sich mit der Branche aus, sie hat Kommunikationswissenschaften studiert. Doch sie sagt auch, dass europäische Journalistinnen und Journalisten häufig durch ein „orientalisches Prisma“ auf die Golfregion blickten. Sie kann ohne Zögern Schlagzeilen zitieren, die aus den immer gleichen Bausteinen zusammengesetzt sind, mit Begriffen wie „Wüste“ oder „Scheich“. Sie hat Fotostrecken in Erinnerung, die Sanddünen, Kamele oder die moderne Skyline von Doha zeigen.

Mariam Farid möchte diesen Eindrücken etwas entgegensetzen; der Alltag der meisten Menschen in Katar habe damit wenig zu tun. Auf Instagram, wo ihr mehr als 100 000 Menschen folgen, veröffentlicht sie Schnappschüsse, zeigt sich auf Reisen, beim Einkaufen, im Café und vor allem: beim Training. Farid möchte keine politischen Fragen zur Monarchie beantworten. Und doch ist ihre Präsenz in sozialen Medien politisch. Das autokratische Herrscherhaus rüstet sich für eine Zukunft ohne lukrative Gasexporte und will neue Wirtschaftszweige etablieren. Auf der Suche nach westlichen Investoren, Touristen und Fachkräften pflegt das Regime das Narrativ der „starken Frau“. Ob sie will und oder nicht – Mariam Farid ist eine Botschafterin für diesen Kurs.

Katar will sich bei der Fußball-WM offen präsentieren

Und nicht nur das: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO leben 17 Prozent der Menschen in Katar mit Diabetes und mehr als 70 Prozent mit Übergewicht. Auch Herzleiden und Gefäßkrankheiten werden das Gesundheitssystem langfristig belasten. Die Herrscherfamilie will die Kosten in Grenzen halten, auch mit Breitensport als Prävention. Seit 2012 begeht Katar jährlich einen nationalen Sporttag. Der Emir und seine Angehörigen lassen sich beim Laufen oder Tennis filmen. Es entstehen Radwege, Fitnessstudios, Sporthallen. Über das Thema Sport kommt man mit vielen schnell ins Gespräch. In einem Staat, der stark über auf Überwachung setzt, gilt Sport als relativ unverdächtig.

Inzwischen sind dem Sport, vor allem der Fußball-WM, sogar Exponate im Nationalmuseum gewidmet. Es ist ein Gebäude, das wie vieles in Katar auf Überwältigung setzt. Die verschachtelte Konstruktion aus Beton, Glas und Stahl soll an eine Sandrose erinnern. In den riesigen Innenräumen vermitteln Leinwände, historische Kleidung und Kino-Sound die Erzählung vom politischen Aufstieg: Katar, seit Ende des 18. Jahrhunderts unter bahrainischer, osmanischer und schließlich britischer Kontrolle, hatte im Jahr seiner Unabhängigkeit 1971 gerade mal 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Mit der Entdeckung eines der weltweit größten Erdgasfelder brach über die beduinisch geprägte Gesellschaft der Reichtum herein. Seitdem hat der Staat schrittweise seine Modernisierung organisiert, mit der Fußball-Weltmeisterschaft als vorläufigem Höhepunkt.

Fußball-WM in Katar: Arbeitsbedingungen verbessert

Doch die Menschen, die diese Modernisierung umgesetzt haben, gehen im Nationalmuseum unter. Fast 60 Prozent der Einwohner:innen stammen aus Indien, Bangladesch, Nepal, Pakistan und Sri Lanka, sie arbeiten auf dem Bau, in der Gastronomie, als Hausangestellte. Wer mit ihnen ins Gespräch kommen will, muss an einem Freitagvormittag etwa 20 Minuten vom Nationalmuseum Richtung Westen laufen. An der Corniche, der Uferpromenade von Doha, haben Familien ihre Decken ausgebreitet. Für viele von ihnen ist es der einzige freie Tag in der Woche. Einige junge Männer wirken erschöpft in ihren Klappstühlen, andere spielen Kricket.

Viele von ihnen wollen nichts Schlechtes über Katar sagen, trotz enger, dreckiger, überwachter Unterkünfte. Krishna zum Beispiel, ein junger Nepalese, musste sich schon vor seiner Ankunft in Katar verschulden. 3000 Dollar zahlte er an eine Rekrutierungsagentur, um eine Anstellung in Doha zu finden. In seiner Heimat Nepal sind fast 60 Prozent der Haushalte von Arbeitsmigration abhängig. Geldeingänge aus dem Ausland machen ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes aus. Allein in Katar arbeiten rund 350 000 Nepales:innen. „In Katar geht es mir nicht gut“, sagt Krishna. „Aber in Nepal ging es mir noch schlechter.“ Die Fußball-WM verdeutlicht nicht nur Probleme in Katar, sondern auch in der globalen Migration.

„Vieles zu sehr vereinfacht“: Kommunikationsforscherin Susan Dun.
„Vieles zu sehr vereinfacht“: Kommunikationsforscherin Susan Dun. © Ronny Blaschke

Es gibt aber eine Minderheit in Katar, die mit Migration Wohlstand verbindet. Rund 40 000 US-Amerikaner:innen, 20 000 Brit:innen und fast 2000 Deutsche leben in Doha. Viele von ihnen haben prestigeträchtige Posten in der Medizin, im Dienstleistungssektor, in der Wissenschaft. Eine von ihnen ist die Kommunikationswissenschaftlerin Susan Dun. Sie gehört zu den dienstältesten Forschern in der „Education City“, einem Campus mit Außenstellen westlicher Unis in Doha. „In vielen europäischen Medien werden komplexe Themen in Katar stark vereinfacht.“, sagt Susan Dun, die an der Northwestern University lehrt „Es gibt in Katar Probleme, aber auch Fortschritte sollten beschrieben werden.“

Susan Dun lädt zu einem Rundgang durch das futuristische Universitätsgebäude. Vorbei an gläsernen Besprechungsräumen und einem funkelnden TV-Studio, in dem sich Studierende mit dem Fernsehhandwerk vertraut machen. Auch die Leichtathletin Mariam Farid hat an der Northwestern studiert und sich intensiv mit kritischem Journalismus beschäftigt. Doch hier wird es – wie so oft in Katar – wieder einmal kompliziert. In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ liegt Katar von 180 bewerteten Staaten auf Platz 119. Das Pressegesetz von 1979 gestattet dem Staat eine Vorzensur. Für katarische Staatsbürger:innen wie Mariam Farid ist öffentliche Kritik am Herrscherhaus ein Tabu. Und trotzdem kann sie zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen.

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