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Game over

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Die DFL wollte diesen Spieltag unbedingt noch durchziehen. Doch das war unmöglich. Traurig, dass es für diese Erkenntnis so lange brauchte. Ein Kommentar.

Es ist selbst für geschulte Konsumenten der Massenmedien inzwischen unmöglich, den Überblick zu wahren. Fast minütlich wechselt die Nachrichtenlage, mit denen das Coronavirus den gesamten Sportbetrieb auf dem Globus infiziert hat. Die Riesen in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA werden von der Pandemie in die Knie gezwungen, die Formel 1 bekommt ein Stoppschild aufgestellt. Am Freitag hat die europäische Fußball-Dachorganisation Uefa nach tagelangem Zaudern und Zögern entschieden, die Europapokalwettbewerbe zu verschieben. Fortsetzung offen. 

Auch dieser Entschluss kam im Grunde nur zustande, weil zwei Leuchttürme der Champions League, Juventus Turin und Real Madrid, nicht mehr mitspielen können. Damit ist der profitabelste Wettbewerb von der als Pandemie eingestuften Erkrankung betroffen, die normalerweise jungen und gesunden Menschen nicht viel Leid antun kann, die aber dennoch wegen der hohen Ansteckungsgefahr als gefährlich eingestuft wird. 

Italien hat es besonders drastisch erwischt, dort hat die Serie A als erstes den Spielbetrieb ausgesetzt. Nun sind La Liga in Spanien gefolgt, die Ligue 1 in Frankreich ebenfalls. Und selbst die Premier League, wo die Menschenmassen noch am Mittwochabend sich an der Anfield Road beim Aus des Champions-League-Titelverteidiger FC Liverpool dicht an dicht drängten, ist über Nacht mittendrin in die Krise getaucht. Auch in England kann der Ball nicht rollen, weil Trainer und Spieler infiziert sind und ganze Vereine in Quarantäne müssen. Game over. 

Das gilt übrigens auch für die betroffenen deutschen Zweitligisten Hannover 96 und 1. FC Nürnberg. Erst deren häusliche Quarantäne veranlasste offenbar die Deutsche Fußball-Liga (DFL), am Freitag doch noch den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung einzustellen. Erst am späten Nachmittag wurde der einzige vernünftige Entschluss gefällt: Verlegung auf unbestimmte Zeit. Es geht gar nicht darum, dass die Geisterspiele am Mittwoch in Mönchengladbach (Bundesliga) oder am Donnerstag in Frankfurt oder Wolfsburg (Europa League) eigentlich allen klar gemacht hat, dass dieses Szenario nicht wirklich eine Alternative darstellt. Fanbündnisse und Fußballprofis hatten gleichermaßen aufbegehrt, dass die DFL das Ding noch als Paket von Geisterspielen durchziehen wollte. Aber der Fußball hat sich nicht wichtiger zu nehmen hat, als er ist - und jetzt muss er auch in Deutschland mal inne halten. 

Das Sonderrecht ist fraglich 

Die DFL schlägt für die Mitgliederversammlung am kommenden Montag vor, vorerst nur zum 2. April zu auszusetzen. Der deutsche Profifußball begründet seine Sonderrolle nicht nur mit sportlichen Gesichtspunkten, sondern auch mit existenzbedrohenden Konsequenzen für einige Klubs bei einer vorzeitigen Beendigung der Saison. 

Dazu kommt die Verantwortung für die zweite Reihe, also für Caterer, Sicherheitsdienste, Gastronomie und andere. Die Vereine sorgen direkt und indirekt für 56 000 Arbeitsplätze, von den 4,8 Milliarden Euro Umsatz fließen 1,4 Milliarden an Steuern ins Gemeinwohl. Alles gut, aber daraus leitet sich kein Recht ab, diesen Wirtschaftszweig gesondert zu behandeln, wo sich in anderen Bereichen ganz andere Konsequenzen abzeichnen. 

Vielen drängt sich Eindruck auf, dass es in erster Linie doch um die millionenschweren Fernsehverträge geht, die bei einem Ausfall wie ein Bumerang auf die Liga und damit die Lizenzvereine zurückfallen, sollten Regressforderungen aufploppen. Glaubwürdiger wäre es, wenn die Liga demnächst gemeinsam mit den Klubs und den Beratern über einen gemeinsamen Beitrag zum Krisenmanagement wegen der finanziellen Auswirkungen redet. Beispielsweise über eine Reduzierung der Gehälter auf einer freiwilligen Basis. 

Denn die Profis verursachen den größten Kostenblock im kickenden Betrieb: 1,43 Milliarden Euro, 37 Prozent aller Aufwendungen, flossen vergangene Bundesliga-Saison in den Personalaufwand Spielbetrieb. Würde hier eine Debatte über Verzicht entstehen, der sich womöglich noch auf andere Bereiche ausweiten lässt, wäre das ein gutes Signal. Einfach so weiterzumachen, ist mittlerweile unmöglich. Traurig, dass es für diese Erkenntnis noch so lange brauchte.

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