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Pure Willensleistung: Mainz-Stürmer Anthony Ujah (Mitte) jubelt mit seinen Kollegen über das 1:1.

Mainz 05

In zehn Minuten von Kreisklasse zu Bundesliga

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Mainz 05 gegen den FC Augsburg ist lange ein Langeweiler - bis sich in der Endphase die Ereignisse überschlagen.

Was da in den Schlusssequenzen im Mainzer Stadion geschah, entsprach genau genommen nicht mehr wirklich dem Regelwerk. Da rannten 25 Männer über den Rasen. Elf Kicker auf beiden Seiten, von den heimischen Nullfünfern und von den Gästen aus Augsburg, das ist klar. Auch ein Schiedsrichter, in diesem Fall Martin Petersen, gehört zu einem Bundesligaspiel einfach dazu. Dann aber schlichen sich noch zwei weitere Herren auf das grüne Geläuf, die dort eigentlich nichts verloren haben.

Sandro Schwarz war der eine, Manuel Baum der andere. Die beiden Trainer, sie schrien, jubelten, fluchten in der ereignisreichen Endphase des ansonsten dürftigen, ja sogar ziemlich schlechten Spiels – und das fast dauerhaft mehrere Meter auf dem Spielfeld. Geduldet vom Vierten Offiziellen, der - wer will es ihm übel nehmen - wohl auch ein bisschen aus Selbstschutz nicht handelte. Denn aufzuhalten waren die beiden Fußballlehrer in dieser hektischen Phase des Spiels ohnehin nicht mehr.

„Die Jungs haben so viele Widerstände überwunden. Das ist einfach ein gutes Gefühl, das sich richtig nach Mainz 05 anfühlt“, sagte Sandro Schwarz später immer noch spürbar unter Strom, aber vor allem „sehr glücklich“ über den 2:1 (0:0)-Heimerfolg seiner Mannschaft, der in den letzten zehn Minuten der Partie mit einer bockstarken Willensleistung erkämpft wurde. Nachdem der ehemalige Darmstädter Dong-Won Ji die Gäste aus Augsburg mit einem präzisen 25-Meter-Schuss in der 82. Minute in Führung gebracht hatte, schlugen die Mainzer durch die beiden eingewechselten Anthony Ujah (87.) und Alexandru Maxim (90.+3) doch noch zurück und sicherten sich damit bereits den zweiten Erfolg im eigenen Stadion. Mit nun sieben Zählern hätte der Start in die Saison kaum besser gelingen können - und das trotz einer über weite Strecken ziemlich unansehnlichen Vorstellung.

Nach einer knappen Stunde fasste ein Mann unfreiwillig zusammen, was so ziemlich alle Beobachter dachten. Es war der Einheizer der Mainzer Fankurve. Geschorenes Haar, rotes Shirt, kurze Hose. Dieser Mann rief den Anhängern auf der Tribüne über sein Megafon folgenden Satz zu: „Jetzt will ich aber mal Bundesliga und keine Kreisklasse mehr sehen.“

Freilich, der Vorsänger meinte damit die Fans auf der Tribüne, denn die Stimmung dümpelte vor nur 21 105 Zuschauern - Minusrekord seit Bestehen der neuen Arena - gehörig vor sich hin. Der verbale Einwurf ließ sich aber ohne große Mühe auch auf das Geschehen auf dem Rasen übertragen. Dort standen sich 80 Minuten zwei Mannschaften gegenüber, die nicht viel anzufangen wussten mit dem Ball am Fuß.

Nachdem die Augsburger in den ersten 20 Minuten ein leichtes Übergewicht hatten und ein zurecht nicht anerkanntes Abseitstor von Michael Gregoritsch erzielten (8.), waren anschließend die Mainzer das Team mit minimalen Vorteilen. Allerdings: Fehlpass reihte sich an Fehlpass. Die mit im Schnitt 23 Jahren und 273 Tagen jüngste Startelf in der Mainzer Bundesligageschichte war nervös, wirkte verständlicherweise wenig eingespielt. Einmal wurschtelte sich Robin Quaison durch, scheiterte aber am Torhüter (30.), dann beförderte Sturmpartner Jean-Philippe Mateta (45.) den Ball mit dem Unterarm über die Linie - der Treffer zählte nicht. Mehr war nicht. „Unstrukturiert“, umschrieb FSV-Sportdirektor Rouven Schröder die Leistung ziemlich nett.

Jüngstes Team der Historie

In Abschnitt zwei änderte sich anfangs wenig. Erst als der Südkoreaner Ji es acht Minuten vor dem Ende einfach mal probierte und zur Gästeführung ins linke Eck traf, kam endlich Stimmung auf. Manuel Baum, der Augsburger Trainer, ließ sich von seinen Emotionen sogar so sehr übermannen, dass er sich erst wieder ein bisschen beruhigen konnte, als er am Mittelkreis einen eigenen Spieler zum gemeinsamen Jubeln erwischte.

Der FCA war dem Auswärtssieg nun nahe, bis Fabian Giefer gleich zweimal patzte. Erst faustete der Augsburger Torhüter den Ball derart ungekonnt in die Luft, das FSV-Torjäger Ujah ihn beim Herabfallen aus einem Meter nur noch über die Torlinie befördern musste. Dann landete wenige Minuten später eine zweite Faustabwehr des FCA-Schlussmannes genau auf dem Fuß von Maxim, der zum 2:1-Endstand einschob. Bei beiden Toren hatten die Gäste in deren Entstehung jeweils Foulspiele gesehen, beide Male blieb die Pfeife von Schiedsrichter Petersen aber glücklicherweise stumm. Glücklicherweise deshalb, weil den Beobachtern im Stadion ansonsten der beste Moment des Nachmittags verwehrt geblieben worden wäre.

Denn Sandro Schwarz schaffte etwas, was eigentlich kaum zu schaffen war. Er übertrumpfte seinen Trainerkollegen Baum. Als der Ball zum 2:1 die Linie überquerte, stürmte der FSV-Coach los. Im Vollsprint. 50 Meter. Erst ausgebremst am gegnerischen Fünfmeterraum, als er die Mainzer Jubeltraube erreichte und sich mitten hineinstürzte. „Was wir nach dem Rückstand gemacht haben, war von der Mentalität her einfach herausragend“, sagte Schwarz. Er selbst war das perfekte Beispiel.

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