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Entscheidung in Mainz: Der Leverkusener Lucas Alario drückt die Vorlage von Kevin Volland ins Tor. Die Mainzer Pierre Kunde Malong und Torwart Robin Zentner (hinten) sind machtlos. Hübner

Mainz 05

Nur der Trainer ist urlaubsreif

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Mainz 05 verliert nach einer der besten Saisonleistungen in der Nachspielzeit gegen Bayer Leverkusen – und saugt Kraft daraus.

Rudi Völler kam gar nicht mehr aus dem breitesten Lächeln raus. Und auch eine Spur Erleichterung war dem großen, etwas älteren Mann des deutschen Fußballs anzumerken. Der Sportchef von Bayer Leverkusen wusste ja nach dem 1:0-Sieg seiner Mannschaft bei Mainz 05, dass die Angelegenheit ebenso gut auch genau andersrum hätte ausgehen können. Es wäre dann die dritte Niederlage nach den schmerzlichen Pleiten in Köln und gegen Hertha BSC gewesen – mit entsprechend unangenehmen Folgen für das Binnenklima.

Am Ende rollten die Konter abwechselnd wie Sturmwellen nach links und rechts, und schließlich landete eine dieser Wellen im Tor. Und zwar im Mainzer Tor, was nun bedeutet, dass Bayer Leverkusen wieder Anschluss nach vorn gefunden hat. Und dass Mainz 05 trotz einer der besten Saisonleistungen mittendrin ist im Rattenrennen um den Klassenerhalt. Sportvorstand Rouven Schröder wusste die ärgerliche Niederlage entsprechend präzise einzuschätzen: „Die Mannschaft ist auf einem richtig guten Weg. Da steckt so viel drin. Das hat man gesehen.“

Man hat aber auch gesehen, dass eine gewisse und ja auch nachvollziehbare Unreife in dieser jungen Mainzer Mannschaft steckt. Eine routiniertere Truppe hätte den Punkt in Überzahl nach dem Platzverweis des Brasilianers Wendell in der 72. Minute nach dessen zweiter Gelben Karte mindestens gehalten. „Wir wollten am Ende zu viel“, monierte Torwart Robin Zentner, der beste Rhetoriker im Team, „wir müssen lernen, einen Punkt wertzuschätzen.“

Der Keeper fand das, was er mit einer Klasseparade fast noch verhindert hätte, das Gegentor des eingewechselten Lucas Alario in der Nachspielzeit nämlich, vor allem „dumm, überflüssig und ärgerlich“. Eine Meinung, die keinerlei Widerspruch erlaubte.

Wahr ist aber auch, dass Trainer Achim Beierlorzer in den sechs Partien mit 9:9 Punkten unter seiner Führung neue Energie in der Mainzer Mannschaft entwickelt hat. Die Leverkusener lobten die Gastgeber nicht ohne Grund, Mittelfeldspieler Nadiem Amiri hatte mehrfach den Eindruck gehabt, es stürzten sich nicht weniger als elf Mainzer auf ihn. Auch der mutige und überaus sympathische Leverkusener Trainer Peter Bosz vergaß nicht, dem intensiven Spiel der Mainzer zu huldigen: „Das ist eine Mannschaft mit sehr viel Energie.“

Diese Energie werden die Nullfünfer auch benötigen, um im Abstiegskampf zu bestehen. Es ist eng geworden dort unten, auch, weil Beierlorzers vorheriger Verein 1. FC Köln neuen Drive unter Nachfolger Markus Gisdol bekommen hat. Der 52-jährige Beierlorzer hat dennoch keine Sekunde bereut, so schnell nach der Demission in der lärmigen Domstadt knapp 140 Kilometer rheinaufwärts in einer etwas kleineren und betulicheren Domstadt angeheuert zu haben. Er fühle sich mit der Philosophie, die Mainz 05 vorlebe, etwas wohler, „als dass in Köln der Fall war“, sagte der Trainer, der nach einem unruhigen Jahr in drei Klubs (Regensburg, Köln, Mainz) nun gottfroh über die kurze Weihnachtspause ist. „Wissen Sie, was so ein Jahr mit einem macht?“, fragte er am Samstagabend vor der Weihnachtsfeier in einem Mainzer Szeneschuppen in die Journalistenrunde. „Ich bin so froh, dass es erstmal nicht weitergeht.“

Das war natürlich persönlich gemeint, die Mainzer Mannschaft spielte gegen Leverkusen (und davor beim 5:0 in Bremen ja auch) so Fußball, als benötige sie die Winterpause nicht. „Diese sehr gute Leistung nehmen wir mit, leider nicht die drei Punkte“, beschrieb Beierlorzer die etwas unentschiedene Stimmung – und ärgerte sich dann noch mal so richtig aus: „Wenn man unsere Chancen auflistet – das ist der Wahnsinn.“

Tatsächlich hätten der eingewechselte Jean-Philippe Mateta und der wiederum gute Jean-Paul Boetuis den Deckel in der Schlussphase eigentlich draufmachen müssen. Sogar unbedingt. Ironie des selbst verschuldeten Schicksals: Mateta hätte nur auf den freien Robin Quaison abspielen müssen, Boetius ein wenig später besser freistehend selbst geschossen, als in den Rücken von Levin Öztunali querzulegen. Man kann das Pech nennen, aber es ist natürlich auch eine Frage der Qualität im Torabschluss.

Letztlich ärgerte sich Fußballlehrer Beierlorzer aber am Ende mehr über den missglückten Chipball von Kapitän Moussa Niakathé an den gegnerischen Strafraum, der den entscheidenden Leverkusener Konter einleitete. Der arme Franzose bekam noch auf dem Feld vom Vorgesetzten sehr genau erklärt, dass der so einen Ball am liebsten nie, nie, nie noch einmal sehen will. „Das war sicher kein Winnerball. Nein, das war ein Loser“, sagte Beierlorzer hinterher unverblümt.

Die Idee, die dezimierten Gäste über die Außenpositionen aufzureißen, war so missglückt. Insgesamt aber befindet sich Mainz 05 dennoch in einem unübersehbaren Aufwind. Beierlorzer, der die Seinen ab 3. Januar wieder um sich versammelt, ist „überzeugt, dass wir eine bessere Rückrunde spielen können.“ 18 Punkte wie in der Hinserie könnten am Ende nämlich tatsächlich zu wenig sein.

Bayer Leverkusen geht derweil beschwingt in die Winterpause. Rudi Völler nutzte seine innere Freude noch zu einer Grundsatzerläuterung. Die Bundesliga, so der einstige Weltklassemann, sei spannend wie selten. „Aber wenn die Bayern mal ein bisschen schwächeln, schaffen es nur wir Deutschen, uns darüber zu mokieren, dass sie nicht Weihnachten zehn Punkte Vorsprung haben und Ostern schon Meister sind.“

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