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Gelb für Jubel, den es nie hätte geben dürfen: Anthony Ujah freut sich zu früh.

Mainz 05 - Hannover 96

Spiel der dicken Hälse

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Der Videoassistent steckt in der Entwicklungsphase der Dampfmaschine fest. Das erhitzt die Gemüter.

Es war offiziell als „Spiel des Herzens“ ausgerufen. Mainz 05 sammelte anlässlich der sonntäglichen Partie gegen Hannover 96 für Hilfebedürftige. Aber am Ende wurde aus der Herzensangelegenheit, für die die Fans Wollmützen und Pins erwerben konnten, eher ein Hassding. Jedenfalls auf dem Platz war das so. Fast ging dabei unter, dass es am Ende ein 1:1-Unentschieden gab, was an dieser Stelle im Namen der Gerechtigkeit ausdrücklich als gerecht beurteilt werden kann.

Es ist ja ohnehin so eine Sache mit der Gerechtigkeit, es gibt sie im Leben halt nicht, und derzeit sieht es ganz danach aus, als sollte auch der deutsche Profifußball es nicht hinbekommen mit der angepeilten absoluten Gerechtigkeit. Die Erfindung des Videoassistenten befindet sich offenbar noch in der Entwicklungsphase der Dampfmaschine. Andernfalls hätte es beim Stand von 1:0 für die in den Wochen zuvor arg gerupften Gäste aus Hannover nie und nimmer in der 86. Minute einen Strafstoß für Mainz 05 gegeben. Einen von der Sorte, den selbst die Gastgeber nur peinlich berührt annahmen.

Apropos berührt: Natürlich hatte der Hannoveraner Matthias Ostrzolek den Mainzer Angreifer Jean-Philippe Mateta irgendwie ein bisschen berührt, so sachte, dass Mateta das auch als Liebkosung hätte wahrnehmen können, wenn es nicht gerade bei einem Pflichtspiel im Strafraum passiert wäre. Und so plumpste der Franzose halt hin – und sowohl Schiedsrichter Robert Hartmann als auch der Videoassistent Patrick Ittrich fanden, dafür sei ein Strafstoß gegen Hannover die gerechte Strafe.

Der Mainzer Verteidiger Daniel Brosinski interpretierte die Chance als verspätetes Nikolauspräsent, die Niedersachsen schäumten. „Der Videobeweis ist und bleibt ein Skandal. Die Leute machen definitiv keinen guten Job“, schimpfte Gästestürmer Niclas Füllkrug, und Manager Horst Heldt fragte rhetorisch: „Warum fällt der Mateta? Wegen Altersschwäche?“ Die Antwort kannte Heldt. Die Antwort kannte Heldt, der sich wegen seiner dezidiert derben Wortwahl jetzt vorm gestrengen DFB-Kontrollausschuss verantworten muss: „Glasklare Fehlentscheidung. Das ist nicht mehr akzeptabel der ganze Scheiß.“

Mateta ist überdies erst 21 Jahre alt und somit auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Der junge Mann mit den ellenlangen Gliedmaßen bestritt vehement, er habe zugegeben, dass es sich bei seinem freiwilligen Sturz um eine Schwalbe gehandelt habe. Genau diese Version, zuvor vorgetragen von Matthias Ostrzolek, wurde also dementiert. Ostrzolek fand gar, Mateta hätte zum Schiedsrichter gehen und dort seine böse Tour zugeben müssen, „wenn er ein Mann wäre“. Ein echter Mann sollte also zu seinen Ungunsten den Videobeweis überführen. Als ob echte Männer so was tun.

Auf die Absurdität einer solchen Ehrenhaftigkeit wies auch die Runde im Sky-Studio am Sonntagabend hin, angeführt von Experte Dietmar Hamann. Der gute Didi redete sich in Rage: „Es ist Wahnsinn. Solche Sachen dürfen nicht passieren. Wenn wir hundertprozentige Entscheidungen durch den Videobeweis nicht richtig bewerten, dann brauchen wir ihn nicht mehr.“ Hamann war somit einer Meinung mit dem 96-Trainer André Breitenreiter, der im Tonfall sehr ruhig blieb, als er sagte: „So können wir den Videobeweis abschaffen. So macht es keinen Sinn, einen Assistenten einzusetzen, der für Gerechtigkeit sorgen soll.“ Wenn derart offenkundige Flugeinlagen nicht gesehen würden, stelle sich „die Qualitätsfrage“.

Horst Heldt hatte sich irgendwann dann auch wieder einigermaßen eingekriegt: „Es geht mir nicht um den Schiedsrichter, der etwas falsch bewertet. Das passiert. Was nicht funktioniert, ist der Ablauf der Korrektur. Das ist nicht mehr nachvollziehbar. Die auf dem Platz – der Schiri und die Spieler – sind die Ärmsten. Ich mache dem System einen Vorwurf.“ Präsident Martin Kind ergänzte später im NDR verärgert: „Die Verantwortlichen sollten die Saison vollumfänglich analysieren. Es müssen reproduzierbare Entscheidungen kommen. So wie es jetzt läuft, ist es nicht akzeptabel.“

Nur gut, dass der Videomann Ittrich seinen Sekundenschlaf in der zehnminütigen Nachspielzeit beendet hatte. So kam es, dass dank seines Eingreifens ein bereits heftig bejubeltes Kopfballtor von Anthony Ujah zum vermeintlichen 2:1 für Mainz 05 wieder aberkannt wurde. Ärgerlich für Ujah: Er hatte sich über seinen Treffer auf unangemessene Art und Weise gefreut und sich dabei seines Trikots entledigt. Es gab Gelb für einen Jubel, der gar nicht hätte stattfinden dürfen. Typischer Fall von dumm gelaufen.

Und weil an diesem regnerischen Abend so viel los war im nur zu zwei Dritteln gefüllten Mainzer Stadion, soll auch die Sache direkt nach der Pause nicht unterschlagen werden: Nachdem 96-Anhänger Rauchfackeln gezündet hatten, dabei den halben Platz minutenlang unter künstlichen Nebel setzten und für eine Unterbrechung sorgten, präsentierte der Mainzer Stadionsprecher Klaus Hafner eine Deeskalationsstrategie der ureigenen Art. Das lebendige 05-Maskottchen rief in sein Mikrofon, es gäbe hoffentlich noch ein paar Vernünftige im Block, die jetzt tätig werden sollten: „Am besten die Fackeln nehmen und den armseligen Kreaturen in den Hals schieben.“ Ein Aufruf zu einem Spiel der dicken Hälse sozusagen. Wurde es dann ja auch, nur anders.

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