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Selbst Schuld am Pokal-Aus

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Einsamer Frust: Radoslav Zabavnik.
Einsamer Frust: Radoslav Zabavnik. © dpa

Mainz 05 bezahlt für überflüssige Attacken von Pospech und Zabavnik gegen Freiburg wie von Trainer Tuchel im Vorfeld des Spiels mit dem Pokal-Aus.

Von Jan Christian Müller

Es war schon spät geworden nach dem 2:3-Drama im Pokal-Viertelfinale zwischen dem FSV Mainz 05 und dem SC Freiburg, als Schiedsrichter Deniz Aytekin aus dem Kabinengang kam und seine Hände hinter dem Rücken faltete. Der 34-jährige Franke hatte noch eine gut zweistündige Nachtfahrt aus Mainz in seinen Wohnort Oberasbach vor sich, ehe er daheim einen Sonderbericht verfassen musste. Darin begründete er den Tribünenverweis für den Mainzer Co-Trainer Arno Michels, der sich zuvor, so Aytekin, in der Wortwahl „nicht im Rahmen des Fair Play“ verhalten hätte.

Michels hatte sich in der Pause zur Verlängerung fürchterlich über die Strafstoßentscheidung des Fifa-Referees in der vierminütigen Nachspielzeit aufgeregt. Aber die TV-Bilder bewiesen eindeutig, dass Aytekin das Foul des Mainzers Radoslav Zabavnik am Freiburger Ivan Santini zu Recht als strafstoßwürdiges Vergehen interpretiert hatte. „Wir sind glücklich, dass alle Entscheidungen richtig waren“, berichtete der Schiedsrichter nach intensivem Studium der Fernsehaufnahmen. Außerdem beharrte er darauf, „keine besondere Situation“ erlebt zu haben.

Womöglich untertreibt Aytekin dabei ein wenig. Denn natürlich hatte der überhaupt nicht konfliktscheue Mainzer Trainer Thomas Tuchel am Vortag enormen Druck aufgebaut, als er dem deutschen Schiedsrichterwesen unterstellte, zuletzt in nicht hinnehmbarer Weise gegen sein Team gepfiffen zu haben. Dass Aytekin sich dennoch traute, einen schwierigen Strafstoß zu geben, spricht für den Unparteiischen, und es spricht außerdem dafür, dass Tuchel mit seiner Beschwerde niemandem geholfen hat.

Schlechte Außenwirkung

Nachdem den Freiburgern in Überzahl durch Daniel Caligiuri nach wunderbarer Vorarbeit von Max Kruse in der Verlängerung das Siegtor gelungen war und sie somit erstmals in der Klubgeschichte im Halbfinale stehen, verzichtete Tuchel fairerweise sorgsam darauf, die Schuld beim Schiedsrichter zu suchen: „Wir haben uns das selbst zuzuschreiben.“ Sowohl sein rechter Verteidiger Zdenek Pospech bei dessen Gelb-Roter Karte in der 65. Minute, als Mainz noch 2:0 führte, als auch der linke Verteidiger Zabavnik bei der Attacke im Strafraum gegen Santini hätten die „falschen Mittel der Wahl“ getroffen. Die falschen Mittel dürfte der fachlich unumstrittene Trainer auch im Vorfeld des Spiels gewählt haben. Mainz 05 ist in der Außenwirkung auf keinem guten Weg. Es kommt im Land nicht gut an, wenn seit Wochen über Benachteiligungen genörgelt wird, seien die Vorhaltungen im Einzelfall berechtigt oder nicht. Präsident Harald Strutz fühlte sich erkennbar unwohl, als er am Dienstagabend auf Tuchels Pressekonferenz vor dem Spiel angesprochen wurde. Der Vereinschef hörte sich nicht so an, als könnte er sich mit Form und Inhalt des Trainer-Vortrags identifizieren, aber Tuchel, bemerkte Strutz in einem Anflug von Fatalismus, sei nun mal „kein Leibeigener“.

Dass der Freiburger Kollege Christian Streich über diese Vorgeschichte wenig amüsiert war, konnte jeder sehen, der ihn noch ein Stück aufgeregter am Spielfeldrand herumspringen sah, als man es von ihm ohnehin gewohnt ist. Immer wieder versuchte er mit übertriebenem Gehabe, selbst nach Bagatellentscheidungen Druck auf den souverän reagierenden Vierten Unparteiischen Günter Perl auszuüben. Für den Fall des Erreichens der Europa League sollte Streich sich besser andere Verhaltensweisen angewöhnen, sonst liefe er Gefahr, den Wettbewerb durchweg von der Tribüne aus beobachten zu müssen.

Nach der spielerisch und kämpferisch herausragenden Vorstellung seiner außergewöhnlichen Fußballmannschaft hüpfte der etwas andere Trainer dann wie aufgezogen auf die Rücken seiner Spieler, eine halbe Stunde später in der Pressekonferenz schienen die Anstrengungen des aufreibenden Abends den 47-Jährigen bereits in einen tiefen Erschöpfungszustand versetzt zu haben. Von großer Freude war da nichts mehr zu spüren. Streich, der Gutmensch aus dem Breisgau, begründete das mit seinem Mitgefühl für die Unterlegenen: „Wenn man so ein Spiel gewinnt, gibt es auch Leute, die verloren haben.“ Ein klein wenig dieser Empathie würde man sich auch am Spielfeldrand im Umgang mit den Schiedsrichtern wünschen, die Kollege Thomas Tuchel derweil mit auffälliger Zurückhaltung behandelte. Dem 39-Jährigen war sehr offenkundig daran gelegen, mit seinem Verhalten keine neuen Gräben aufzureißen.

Überforderter Pospech

Am Dienstag nützte das nichts. Es spricht viel dafür, dass Mainz am 16. oder 17. April einen Halbfinaltermin im Kalender stehen hätte, wenn statt Marco Caligiuri dessen Bruder Daniel (25) im Kader stünde. Der vier Jahre Jüngere war von vielen guten Freiburgern der Beste, er trieb den überforderten Mainzer Pospech zum Platzverweis, sorgte danach erst für den Ausgleich per Strafstoß und schließlich für den Siegtreffer. Ein aufgekratzter Präsident Fritz Keller konnte sein Glück kaum fassen: „Halbfinale ? wir wissen gar nicht, wie das geschrieben wird.“ Die Probleme mit der Orthografie sind halb so wild. Dafür können sie im Breisgau umso besser Fußball spielen.

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