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Jeremiah St. Juste (rechts),

FSV Mainz 05

Schlafen ohne Nachspielzeit

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Der Niederländer Jeremiah St. Juste geht ungewöhnliche Wege, um in Mainz zum Leistungsträger aufzusteigen.

Den Nikolaustag 2017 wird Jeremiah St. Juste so schnell nicht vergessen. Definitiv war es einer seiner emotionalsten Tage als Fußballer. Feyenoord Rotterdam hatte sich damals für die Champions League qualifiziert und bis zum letzten Gruppenspieltag nur Lehrgeld gezahlt. Trotzdem strömten wieder mehr als 36 000 Zuschauer in die Kultstätte De Kuip, um ihre Lieblinge gegen den SSC Neapel wenigsten einmal siegen zu sehen. Es sollte dann tatsächlich der damals erst 21 Jahre Innenverteidiger sein, der zuvor alle Jugendnationalmannschaften des niederländischen Verbandes durchlaufen hatte, der Feyenoord in der Nachspielzeit den einzige Erfolg schenkte. Und am 6. Dezember 2017 fast eine Explosion der Gefühle auslöste.

Wer diesem Spieler, der älter als 23 Jahre wirkt, beim FSV Mainz 05 zuletzt zugesehen hat, konnte endlich mehr als nur Ansätze erkennen, warum St. Juste für stolze acht Millionen Euro bei den Rheinhessen anheuerte und von Sportvorstand Rouven Schröder als absolute Verstärkung für die Defensive gepriesen wurde.

Fokussiert und konzentriert, lustvoll und leidenschaftlich verteidigte die Nummer vier. Keine Frage: St. Juste ist eine Entdeckung bei der Neuausrichtung unter Achim Beierlorzer, der im Auswärtsspiel beim FC Augsburg (15.30 Uhr) als neuer Trainer den dritten Sieg im dritten Spiel feiern kann. St. Juste ist einer seiner Säulen: Als rechtes Glied der Dreierkette ist ihm die Verdichtung des Zentrums besonders gut bekommen. Und im Montagsspiel gegen Eintracht Frankfurt (2:1) schaltete sich der 1,83 große Modellathlet nach der Pause in Überzahl immer wieder in die Offensive ein.

Nicht umsonst führte sein Vorstoß zum wichtigen 1:1, nachdem erst Karim Onisiwo und dann Martin Hinteregger den Ball abfälschten. St. Juste schien das Nachbarschaftsduell so zu gefallen, dass er leicht angeschlagen nach 65 Minuten gar nicht ausgewechselt werden wollte.

Beierlorzer nahm die Weigerung später fast humorvoll hin. Der kernige Franke mag kantige Typen wie den Niederländer, die in den entscheidenden Momenten vor Ehrgeiz nur strotzen. St. Juste pflegt an den Beruf als Fußballprofi eine verblüffende Herangehensweise, weil er sich Optimierungsmöglichkeiten in allen Lebenslagen sucht. Er hat sich Gedanken gemacht über Biorhythmus, Ernährung und Schlaf – und hat konsequenterweise viel verändert. „Ich esse seit anderthalb Jahren kein Fleisch mehr und keine Produkte, die Lactose erhalten. Damit geht es mir besser“, erzählte er jüngst der Stadionzeitung „Nullfünfer“.

In Mainz hat er sich schnell eine Ernährungsberaterin gesucht. Und dann ist da ja auch noch die Geschichte mit dem Schlaf: Er findet es am besten, jede Nacht neun Stunden zu schlafen und dabei auf die Zyklen zu achten, wobei jeder Zyklus die Länge eines Fußballspiels ohne Nachspielzeit hat. Wenn es mal siebeneinhalb Stunden werden, ist es auch okay; bloß nicht wieder einschlummern für wenige Minuten, das wäre schlecht.

St. Juste gilt als aufgeweckter, lebensfroher Zeitgenosse, der im Ensemble gut integriert ist. Türöffner war dabei Landsmann Jean-Paul Boetius, der ebenfalls bei Feyenoord gespielt hat. Die Freundschaft zwischen den beiden besteht seit vielen Jahren.

Wichtiger ist ihm nur die Familie. Während die Mutter noch in Holland lebt, gibt es zum Vater, der vom Inselstaat St. Kitts in der Karibik stammt, keinen Kontakt. Aufgewachsen ist St. Juste bei der Mutter und den Großeltern. Die Familienbande ist eng, davon zeugt ein Tattoo. Die Insignien „HYNB“ als die Anfangsbuchstaben seiner Mutter und seiner drei Geschwister hat er sich auf den rechten Arm ritzen lassen. Seine Brüder Joshua und Benjamin, die lieber Futsal als Fußball spielten, fungieren als Berater, seine im Kunstgeschäft tätige Schwester Naomi managt den Social-Media-Bereich. Aktuell steht bei Instagram von ihm ein Bild, da schreit er im Mainz-Trikot seine ganze Freude heraus. Wie einst 2017.

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