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Auf dem Weg in sein zweites Leben: René Adler.

René Adler

„Da habe ich gespürt, wie austauschbar ich bin“

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Der Mainzer Torwart René Adler fühlt sich gewappnet für die Karriere nach der Karriere.

In dieser Woche hat sich René Adler erstmals nach seiner Knorpeltransplantation im Knie wieder auf dem Trainingsplatz von Mainz 05 bewegt. Das war am Dienstag. Mittwoch und Donnerstag gewährte der Fußball-Bundesligist dem ehemaligen Nationaltorwart großzügig zwei freie Trainingstage. Denn Adler, der im Herbst 2016 ein Sportmanagement-Fernstudium mit der Note eins abschloss, kümmert sich bereits intensiv um die Karriere nach der Karriere und besuchte deshalb den Sportbusiness-Kongress Spobis in Düsseldorf. Dort ist der 34-Jährige Stammgast – und klang in diesem Jahr nicht so, als erwarte er eine Fortsetzung seiner sportlichen Laufbahn nach Vertragsende am 30. Juni in Mainz. Vermutlich wird in diesem Sommer eine gewiss nicht idealtypische Karriere eines großen Torhüters zu Ende gehen. Adler weiß um die Schwere des Eingriffs im zuvor bereits mehrfach lädierten Knie und formuliert betont zurückhaltend: „Ob ich es nochmal schaffe, auf den Platz zurückzukommen und die Leistung zu bringen, die ich von mir erwarte, kann ich Stand jetzt nicht sagen.“

Sehr wohl mit Überzeugung sagen kann der 269-fache Bundesligaspieler jedoch, dass er an seinem Engagement beim Freiburger Torwarthandschuhhersteller „T1tan“ festhalten wird. Dort ist er vor zwei Jahren mit einer 25,1-Prozent-Beteiligung eingestiegen. Seitdem habe sich der Umsatz auf knapp drei Millionen Euro verzehnfacht, berichtet Adler stolz und ergänzt: „Ich habe zwar kein Daily Business und keinen Schreibtisch, aber ich bin aktiver Teil der Firma.“

„Mainz 05 hat drei, vier Toptorhüter“

Alsbald will er sich deshalb auch persönlich mit Oliver Kahn zusammensetzen. Der einstige Weltklassekeeper hat Adlers Startup-Unternehmen vor dem Landgericht München verklagt. Kahn, der Handschuhe unter dem Namen „Goalplay“ vertreibt, fordert die Unterlassung der Namensnutzung „T1tan“, weil er sich selbst als einzigen rechtmäßigen Titan sieht. Streitwert: 250.000 Euro. Adler sagt, er sei mit seinen Firmen-Mitstreitern „total überzeugt davon, dass wir im Recht sind“. Die Richterin hat den beiden Parteien im November den gut gemeinten Rat, sich bis März außergerichtlich zu einigen. „Das streben wir auch an“, so Adler, „ich möchte mich deshalb mit Oli treffen und eine Lösung finden.“ Soviel sei sicher: Der Prozess werde „unsere Firma nicht kaputtmachen. Wir ziehen das Ding total durch und wollen Marktführer werden“.

Das Unternehmen betreibt einen Online-Vertrieb und wirbt mit dem Slogan „Profi-Torwarthandschuhe für Amateur-Keeper“, Adler hört sich so an, als gehe er in dem Geschäft auf. Ohnehin ist er überzeugt, dass er auf dem Fußballplatz nicht großartig vermisst wird: „Mainz 05 hat drei, vier Toptorhüter und einen fantastischen Torwarttrainer.“

Der zwölffache deutsche Nationalspieler macht keinen Hehl daraus, seine persönliche Leidensgeschichte habe eine besondere Rolle dabei gespielt, dass er frühzeitig über den Fußball hinausdachte. Er habe seinen „persönlichen Rubikom-Moment“ als 26-Jähriger „in der Blüte meiner Karriere“ erlebt, als er mit einer schweren Knieverletzung monatelang ausfiel, nachdem er zuvor wegen eines Rippenbruchs schon die WM 2010 verpasst hatte und durch Manuel Neuer als neuer Nummer eins im deutschen Tor ersetzt wurde: „Da habe ich gespürt, wie austauschbar ich bin. Ich war total frustriert und habe mir gesagt: Du kannst dein Leben nicht nur auf einer Säule aufbauen.“

Der gebürtige Leipziger ist in seiner bewegten Karriere vielfach von seinem Körper im Stich gelassen worden. Nicht weniger als 16 mehrwöchige Verletzungspausen finden sich in seiner Krankenakte bei Bayer Leverkusen, dem Hamburger SV und Mainz 05. Er wäre wahrscheinlich verrückt geworden, hätte er nicht eine Technik gefunden, mit diesen Rückschlägen umzugehen. „Gerade in Zeiten, in denen die Entwicklung stagnierte, war es wichtig für mich, Themenfelder zu finden, die mich mit Energie füllen.“

Das Studium habe dann gar geholfen, als er 2015 mit dem HSV im Abstiegskampf steckte – „da habe ich mir beim Lösen von Onlineaufgaben Erfolgserlebnisse geholt, die mir Kraft gegeben haben, meine Mitspieler anzustecken und meine optimale sportliche Leistung zu bringen“. Die Unternehmensbeteiligung half nun auch zuletzt und vergangene Saison nach einem Sehnenriss im Oberschenkel. „In Verletzungspausen fehlen dir die sportlichen Erfolgserlebnisse, die habe ich mir zuletzt aus der Firma geholt und diese Energie für den Sport genutzt.“

Was seinen weiteren Lebensweg angeht, hat René Adler jedenfalls diese klare Vorstellung: „Der Profifußball ist eine fremdbestimmte Branche. Ich möchte zukünftig ein Stück selbstbestimmt sein.“ Was er noch nicht ganz genau weiß: „Finde ich was, das mir genauso viel gibt wie der Fußball?“

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