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Gelb in der linken, Rot in der rechten Hand: Referee Felix Brych schickt den auch von Sportchef Rouven Schröder (rechts) kaum zu bändigeneden Sandro Schwarz auf die Tribüne.

Mainz - Wolfsburg

Ohne Trainer im Keller

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Mainz 05 macht beim 0:1 gegen Wolfsburg einen äußerst unfertigen Eindruck - und muss beim wegweisenden Spiel in Paderborn nun auch noch auf Coach Sandro Schwarz verzichten.

Nach der 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg hat Sandro Schwarz sich aufgemacht in die Kabine von Schiedsrichter Felix Brych. Man habe sich „in ruhigem Ton ausgesprochen“, berichtete der Trainer von Mainz 05 später. Das war ein gute Idee. Weniger gut war der Auftritt des ansonsten in der Coaching Zone oft zur Besonnenheit neigenden 40-Jährigen in der Schlussphase einer Partie, die Mainz 05 auf dem tristen vorletzten Platz der Bundesligatabelle hinterlässt.

Nach einem Freistoßpfiff des erfahrenen Referees lief Schwarz wütend schimpfend mehrere Meter aufs Spielfeld. Er sah erst die zu Saisonbeginn für Trainer neu eingeführte Gelbe Karte, beschwerte sich erneut und wurde postwendend mit Gelb-Rot bedacht; als erster Trainer der Bundesligageschichte. Das bedeutet: Mainz 05 muss kommenden Samstag beim Tabellenletzten FC Paderborn ohne Schwarz in der unmittelbaren Spielvorbereitung und Coachingzone auskommen. Für den Chefcoach wird Assistent Jan-Moritz Lichte die Verantwortung übernehmen müssen.

Der Druck ist nun immens bei den Nullfünfern. Eine Niederlage beim SC Paderborn, der am Samstag beim 2:3 gegen den FC Bayern zwölf Kilometer (!) mehr zurücklegte als die in der ersten Halbzeit auffällig lauffaulen Mainzer es gegen Wolfsburg taten, sollte tunlichst vermieden werden. Schwarz legte nach der zwar etwas unglücklichen, aber ehrlicherweise auch nicht vollkommen unverdienten Niederlage gegen die wehrhaften Wolfsburger dar, dass sein unziemliches Betreten des Platzes nicht dem Druck geschuldet gewesen sei. Er habe schlicht geglaubt, Brych habe die Partie abgepfiffen.

Wie dem auch sei. Zu einem professionellen Auftreten gehört es natürlich, derlei Fehlinterpretationen tunlichst zu vermeiden, Schwarz weiß das selbst am besten, er ist ein kluger Mann mit Sozialkompetenz, aber er wird nun auch die Fachkompetenz beweisen müssen, seine Mannschaft (und sich selbst) aus einer vertrackten Notlage zu bugsieren. Das ist ihm in der Vergangenheit schon mehrfach gelungen, aber diesmal ist die Situation womöglich noch ein bisschen schwieriger. Inklusive des Scheiterns im DFB-Pokal beim Drittligisten Kaiserslautern hätte der Saisonstart kaum schlechter verlaufen können, auch wenn die Mainzer zurecht darauf verweisen, nur beim 1:6 in München das klar schwächere Team gestellt zu haben. Fünf Niederlagen nach sechs Spieltagen hängen gleichwohl in den Klamotten.

Die Art und Weise, wie Schwarz, Sportvorstand Rouven Schröder und die Spieler mit Tabellenplatz, Niederlage und Platzverweis umgingen, erscheint immerhin vorbildlich. „Der Schiedsrichter hat das Spiel definitiv nicht zu unseren Ungunsten entschieden“, räumte Schröder ein. Schwarz monierte mangelndes Freilaufverhalten und fehlende Konsequenz in den Zweikämpfen, für die Profis sagte stellvertretend Torwart Robin Zentner: „Wir müssen im Kopf wacher sein, gefühlt haben wir in der ersten Halbzeit keinen einzigen zweiten Ball gewonnen.“ Zentner hatte Recht: Es war aus Mainzer Sicht ein Kraut-und-Rüben-Kick ohne Sinn und Verstand, zudem verschliefen die Nullfünfer beim frühen Wolfsburger Gegentor durch Marcel Tisserand (9.) eine kurz getretene Ecke der Niedersachsen.

Mit größerem Aufwand, einer personellen Änderung und neuer taktischer Formation sah das Mainzer Spiel nach dem Wechsel zwar besser aus, blieb aber weitgehend harmlos. Was auch damit zu tun hatte, dass sich Mittelstürmer Adam Szalai gegen die großgewachsenen und aufmerksamen Wolfsburger Abwehrspieler so gut wie nie durchsetzen konnte. Der Ausfall des am Meniskus operierten Mittelstürmers Jean-Philippe Mateta konnte mit den Last-Minute-Nottransfers Szalai (aus Hoffenheim) und Taiwo Awoniyi (aus Liverpool) bislang nicht kompensiert werden. Zumal es gegen Wolfsburg außer Innenverteidiger Jeremiah St. Juste, Kapitän Daniel Brosinski und Mittelfeldmann Kunde Malong kein einziger Mainzer in die Nähe seiner Normalform schaffte. Wobei noch niemand recht weiß, wo die Normalform des 7,5-Millionen-Einkaufs Edimilson Fernandes zu verorten ist. So, wie der Schweizer am Samstag und auch schon einige Male davor Fußball spielte, hilft er den Rheinhessen jedenfalls nicht. Auch der für 5,5 Millionen Euro verpflichtete Rechtsverteidiger Ronael Pierre-Gabriel scheint noch nicht ganz verstanden zu haben, was er zu tun hat.

Insgesamt wirkt das Mainzer Spiel seltsam unabgestimmt, unstet und unvollkommen, die guten Phasen sind zu kurz, um stabil zu punkten. Gerade jetzt ist ein Trainer gefragt, der die Nerven behält. Schwarz und sein Team haben in den nächsten Wochen einiges zu beweisen. Das besonnene Umfeld mit Sportvorstand Schröder und Klubchef Stefan Hofmann und einer vergleichsweise unaufgeregten Medienlandschaft dürfte dabei behilflich sein.

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