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Mal wieder einen Schritt zu spät: Der Mainzer Stefan Bell im Zweikampf mit dem Bremer Max Kruse.

Mainz 05

Die Mainzer Malaise

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Sieben Niederlagen in acht Spielen und ein Führungsspieler, der zu spät zum Abschlusstraining kommt: Die Nullfünfer haben einiges aufzuarbeiten.

Immerhin: Die Mainzer Anhängerschaft hat im Weserstadion ein gutes Bild abgegeben. Die Bremer Polizei, seit einem Aufsehen erregenden Urteil des Oberverwaltungsgerichts Leipzig in aller Munde, konnte entspannt die Helme im Arm tragen, den Kopf zeitweise sogar in die Frühlingssonne halten und die Schlagstöcke locker am Revers baumeln lassen. Wer in weißen T-Shirts zu einem Auswärtsspiel reist, führt nichts Böses im Schilde. Der Support aus dem oberen Teil der Westkurve wirkte fast vorbildhaft, weil friedlich.

Wenn allerdings hinterher der Sportvorstand Rouven Schröder explizit auf das Erscheinungsbild der Fans verweisen muss, um den mit Abstand gelungensten Aspekt einer Auswärtsreise herauszustellen, dann ist der wichtigste Teil der Dienstfahrt nicht geglückt. Ein 1:3 (0:1) beim SV Werder hat den Abwärtstrend mit der siebten Niederlage im achten Spiel manifestiert. „Spielerisch waren wir nicht schlechter“, konstatierte Nullfünfer-Coach Sandro Schwarz, „aber in ein, zwei, drei Sequenzen waren wir nicht konsequent.“

Sonst hätten gewiss nicht übermächtige Bremer aus mageren acht Torschüssen keine drei Wirkungstreffer angebracht, die letztlich von den Gästen begünstigt wurden. Schwarz-Kollege Florian Kohfeldt verortete das 1:0 durch den aufgedrehten Milot Rashica (3.) wegen der Vorbereitung durch Max Kruse zwar „nahe an der Weltklasse“, aber richtig gut sah Kapitän Stefan Bell bei dem Pass eben auch nicht aus. Nahezu töricht, wie später Nebenmann Moussa Niakhaté eine Flanke zu klären versuchte – der überragende Kruse bedankte sich mit dem 2:0 (36.). Und gerade als die Mainzer nach dem Anschlusstreffer durch Robin Quaison (52.) sogar an der Weser Oberwasser gewannen, schüttelte Maximilian Eggestein zwei Gegenspieler ab, steckte auf Rashica durch, der Kruse zum 3:1 (63.) bediente – fertig war Werders gefeierter Heimsieg.

Zu bieder und artig

„Wir waren nicht zwei Tore schlechter“, befand Schröder, der in seiner Zeit beim SV Werder einen Kader planen musste, in denen ein Ausnahmekönner wie Kruse noch nicht zu bezahlen war. Aus Sicht des Mainzer Sportvorstands hatte das Bremer Pokerface – der Vertrag des 31-Jährigen läuft aus – den Unterschied gemacht. „Er ist topfit und individuell eine Ausnahmeerscheinung.“ Tatsächlich hat Mainz solche Akteure nicht in seinen Reihen. Alles wirkte zwar bemüht, angestrengt, aber irgendwie auch zu bieder und artig. Schröder hätte vor dem 1:3 gerne ein taktisches Foul gesehen, „und wenn sich einer Gelb abholt in der Szene.“ Ähnlich äußerte sich Schwarz, der mit Nachdruck in der Nachbesprechung auf den Tisch haute. So könnte sich auch die Unterredung mit Jean-Philippe Gbamin zugetragen haben, der zur Unzeit eine unnötige Baustelle aufgemacht hat.

Die Verspätung des Franzosen beim Abschlusstraining am Freitag hatte dem Trainer kaum eine andere Wahl gelassen, als den laut seines Beraters abwanderungswilligen Mittelfeldabräumer zu Hause zu lassen. „Wir haben das in einem Vier-Augen-Gespräch geklärt. Er hat sein Fehlverhalten eingesehen, was aber auch nicht schwierig ist. Die Uhr kann man nicht betrügen“, erklärte Schwarz zur Verbannung des 23-Jährigen. Gbamin sei „nicht lebenslang“ ausgesperrt, sondern durfte schon am Sonntag wieder am Training teilnehmen. “ Eine Option für das Heimspiel am Freitag gegen Freiburg sei er auf jeden Fall. Kapitän Bell wollte kein Urteil über einen Mitspieler abgeben, der den Verhaltenskodex mit Füßen getreten hat: „Das ist nicht meine Aufgabe und wird intern geregelt.“

Eine Maßregelung nahm immerhin der Manager in der Öffentlichkeit vor. „Genau das brauchen wir nicht. Der Spieler hat die Mannschaft im Stich gelassen. Da müssen wir konsequent handeln. Es hat deutliche Worte gegeben“, erklärte Schröder. Irgendwie verstärkt sich der Eindruck, dass Gbamin nicht so richtig bei der Sache ist, seitdem im vergangenen Sommer sein Wechselwunsch in die Premier League verwehrt wurde. Identifikation eines vermeintlichen Führungsspielers sieht jedenfalls anders aus. Weiteres Indiz: Auch im dritten Bundesligajahr spricht der Franzose mit ivorischen Wurzeln kaum ein Wort Deutsch.

Elementarer bleibt die Ergebniskrise, die auch ein Ausdruck fehlender Effektivität ist. Eine Tatsache, die die meisten Protagonisten gerne als Nichtigkeit abtun wie ein Fremdknutschen in der Faschingszeit. Verteidiger Daniel Brosinski, als Rechtsverteidiger aktuell auch keine große Stütze, warnte jedoch davor, den Blick nicht mehr auf die Tabelle zu richten: „Wenn wir so weitermachen, sind wir ruckzuck unten drin. Wir können uns nicht auf Dauer nur darauf verlassen, dass die Konkurrenz nicht punktet.“ So oder so kommt dem Heimspiel gegen den SC Freiburg am Freitag auf einmal eine größere Bedeutung zu als ursprünglich mal gedacht.

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