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Die Mainzer Entdeckung gegen Leipzig: Ridle Baku. (li)

Mainz - Leipzig

Mainzer Märchen

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Das 3:0 der Mainzer gegen RB Leipzig wird zur Geschichte von Ridle Baku.

Mitunter gibt es im perfekt durchorganisierten und gewienerten Profifußball noch diese seltenen Storys, die sich nach Kreisklasse anhören und deshalb umso interessanter sind. Diese geht so: Am Sonntag saß Ridle Baku, 20 Jahre alt, in Mainz geboren und seit der E-Jugend im Verein von Mainz 05, schon mit seinen Teamkollegen aus der U23 im Omnibus zum Regionalligaspiel nach Freiburg. Kurz hinter Heidelberg erreichte den Mittelfeldspieler die Nachricht, dass er dringend für die Bundesligapartie am Sonntagnachmittag gegen RB Leipzig benötigt werde. An der Raststätte Bruchsal stieg der kleine Kerl also aus und wurde flugs zurück nach Mainz chauffiert.

Dort stand er pünktlich um 15.30 Uhr und außerdem erstmals in seinem Leben in der Fußball-Bundesliga auf dem Platz. Am Ende hatte Mainz 05 die Gäste aus Leipzig humorlos mit 3:0 (1:0) geschlagen und einen Befreiungsschlag im Abstiegskampf gelandet. Ridle Baku höchstpersönlich erzielte dabei das letzte Tor wie ein ganz Alter. Kurzer Sprint, Flachschuss in die linke Ecke. Tor.

Der sonnige Nachmittag hätte auch ziemlich anders ausgehen können für den jungen Mann, der bis vor kurzem noch Bote Baku hieß. Weil Bote aber den von seinem Vater Lutumba Baku in Anlehnung an den ehemaligen deutschen Nationalstürmer Karl-Heinz Riedle verliehenen Spitznamen Ridle viel besser fand als Bote, heißt er nun sogar seit 8. März 2018 sogar ganz offiziell Ridle. Verrückte Geschichte, fast so verrückt wie das Spiel gegen Leipzig. Weil Ridle Baku, geborener Bote Baku, eine ganze Halbzeit lang völlig neben sich stand, einen Fehlpass an den nächsten reihte und orientierungslos auf dem Platz herumlief, hätte Leipzig gut und gerne 2:0 oder gar 3:0 führen können, ehe die Mainzer überhaupt mal in die Nähe des gegnerischen Strafraums gekommen wären.

Dann bekam Mainz nach einer halben Stunde einen Elfmeter zugesprochen, den Pablo de Blasis verwandelte. Übrigens bereits der 21. Strafstoß in Folge, den Mainz 05 zu nutzen wusste. Aber auch ein glückliches Ding, denn das Foul gegen den Japaner Yoshinori Muto hatte knapp außerhalb des Strafraums stattgefunden, ohne dass die Situation mittels des Videoassistenten aufgelöst worden wäre. Dann retteten die Gastgeber den Vorsprung in die Pause, und dann drehten sie auf. Ridle Baku sah nach dem Wechsel zwar noch genauso aus wie Ridle Baku, aber er spielte nun völlig anders Fußball. „Am Anfang“, stellte Kapitän Stefan Bell hinterher fest, „hatte er so ein bisschen einen Zitterfuß.“ Baku selbst hatte das natürlich auch bemerkt: „Ich brauchte 45 Minuten, um zu wissen, wo ich überhaupt war“, berichtete er hinterher mit einem Lausbubenlächeln. Aber dann wusste er es umso besser.

Der Trainer kennt das Talent schon seit Jugendzeiten

Immer wieder überrannten die Nullfünfer nun die erste Pressinglinie der Leipzigern, und schließlich trafen der gerade eingewechselte Alexandru Maxim (85.) nach Vorlage des ebenso eingewechselten Gerrit Holtmann, ehe Baku der Angelegenheit in der ersten Minute der Nachspielzeit symbolisch eine Krone aufsetzte. Danach brachen alle Dämme, Ersatzspieler, Betreuer, Ärzte, Physios, Trainer Sandro Schwarz und Sportdirektor Rouven Schröder rannten wie wild zum Jubel Richtung Eckfahne. „Sich als junger Spieler mit so viel Energie dagegenzustemmen, das ist das größte Kompliment, das ich Ridle machen kann“, sagte Schwarz.
 

Er kennt Baku – der noch einen Zwillingsbruder hat, der früher auch für die Mainzer Jugend gekickt hat – schon lange. Denn als Schwarz die U19 trainierte, kümmerte er sich einmal in der Woche um die besten Fußballspieler der Schule aus Bretzenheim. Baku war gerade mal 13 Jahre alt. „Er ist mir durch seine gute Technik gleich aufgefallen“, erinnert sich Schwarz, der das Talent danach nie aus den Augen verlor und in dieser Saison schon einmal im DFB Pokal beim Sieg gegen den VfB Stuttgart aufgeboten hatte.

Auch Präsident Stefan Hofmann war voll des Lobes über Baku. Hofmann kennt das Zwillingspaar als ehemaliger Nachwuchs-Sportchef auch schon lange. „Ridle hat eine Toptechnik, einen tiefen Körperschwerpunkt, ist fast beidfüßig und sehr lernwillig“, berichtete der erste Mann im Verein. Aber den Abstieg haben sie mit diesem eminent wichtigen Sieg noch längst nicht verhindert. Daran erinnerte der hartnäckig mit dem Hamburger SV in Verbindung gebrachte Sportchef Schröder eindringlich: „33 Punkte reichen nicht.“ Gleichwohl sei dieser Sieg ein „wichtiges Zeichen an die Konkurrenz“ gewesen.

Am Ende sangen die Fans „Oh, wie ist das schön“ und ergänzten: „So was hat man lange nicht gesehn.“ Man müsse das verstehen, befand Bell. Eine derartige Energieleistung sei „einfach nicht Woche für Woche“ abrufbar, „das schafft man nicht.“ Für den pfiffigen Ridle Baku dürfte das ganz besonders gelten.

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