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Zu spät: Der Mainzer Daniel Brosinski (r.) im Duell mit dem Ingolstädter Mathew Leckie.

Mainz - Ingolstadt

Mainz 05 völlig planlos

Gegen den frechen Aufsteiger FC Ingolstadt präsentiert sich der etablierte Erstligist taktisch, läuferisch, technisch, körperlich und mental unterlegen. Um sich in Zukunft auch mit langen Bällen besser wehren zu können, wird die Suche nach einem hochgewachsenen Stürmer noch einmal intensiviert.

Von Jan Christian Müller

Es gehört zu den Ausnahmen in Mainz, dass die Spieler selbst nach Niederlagen von ihren Fans unangenehme Misstöne zu hören bekommen. Gellende Pfiffe etwa. Aber gänzlich ausgeschlossen ist das natürlich auch in dem Refugium am Rhein nicht. Zumindest dann nicht, wenn die eigene Mannschaft eine derart erschreckende Vorstellung abliefert wie beim Saisonauftakt gegen den Aufsteiger FC Ingolstadt. Bis auf eine viertelstündige Phase nach der Pause, als die Gastgeber zumindest rudimentär so etwas wie Druck aufzubauen wussten, war der etablierte Erstligist Mainz 05 den ausnahmslos mit Spielern der Aufstiegsmannschaft angetretenen Bayern sowohl taktisch, läuferisch, technisch, körperlich und mental unterlegen.

So war es nur folgerichtig, dass am Ende eine 0:1-Niederlage stand, ein karges Ergebnis, das die noch viel kargere Leistung nur unzureichend darstellt. Dem Österreicher Lukas Hinterseer, Neffe des Volksmusikers und Ex-Skirennläufers Hansi Hinterseer, reichte eine einfache Körpertäuschung, um sich in der 65. Minute gegen den Mainzer Verteidiger Niko Bungert durchzusetzen und das erste Bundesligator für den FC Ingolstadt zu erzielen.

Die Gäste feierten das historische Ereignis entsprechend ausgelassen, was ihnen niemand verübeln konnte. Für die Gastgeber sprach Präsident Harald Strutz Klartext. Er sei das Gefühl nicht losgeworden, die Mainzer Spieler hätten „Blei in den Beinen“ gehabt, so, wie die Mannschaft aufgetreten sei, „geht’s halt nicht“. Dem ist nicht zu widersprechen. Ingolstadt traute sich, die Mainzer Spieler in ihren Aufbaubemühungen stetig früh zu pressen. Die Gastgeber waren nicht in der Lage, sich spielerisch mit flachen Pässen vom Druck zu lösen. Stattdessen bolzten sie den Ball regelmäßig planlos nach vorn.

Malli zu selten am Ball

Dort konnte einem der einzige Stürmer, der aus der zweiten Liga aus Heidenheim verpflichtete Florian Niederlechner, leidtun. Die körperlich überlegenen bayerischen Abwehrspieler Benjamin Hübner, Sohn des Eintracht-Sportchefs Bruno Hübner, und Marvin Matip, Bruder des Schalkers Joel Matip, gewannen die Luftduelle mühelos. Im zentralen offensiven Mittelfeld kam der Mainzer Spielmacher Yunus Malli viel zu selten an den Ball, um für Gefahr zu sorgen, die Bälle flogen in der Regel in beiden Richtungen hoch über den Deutsch-Türken. Die Ingolstädter hatten das so geplant, die überforderten Rheinhessen waren dazu gezwungen worden.

Im defensiven Mainzer Mittelfeld tat sich die Lücke, die der für mehr als zehn Millionen Euro zu Schalke 04 transferierte Johannes Geis gerissen hat, so tief auf wie eine Schlucht. Der als Geis-Ersatz verpflichtete Schweizer Fabian Frei erwies sich bei seinem Bundesligadebüt als gänzlich überfordert. Er gewann kaum Zweikämpfe, weil er mangels Tempohärte gar nicht erst in Zweikämpfe gelangte, seine Pässe kamen zudem gar nicht erst an oder waren leicht vorhersehbar. Kapitän Julian Baumgartlinger fehlte so jemand an seiner Seite, der ihn in allen Bereichen hätte entlasten können. So präsentierte sich auch der Österreicher fahrig.

Kommt der Schwede Toivonen?

Trainer Martin Schmidt war es nicht gelungen, seiner Mannschaft die nötige Körperspannung zu vermitteln, die notwendig ist, um Fußballspiele erfolgreich zu gestalten. Der Schweizer monierte vor allem „fehlende Leidenschaft“. Aber auch taktisch war die Mainzer Präsentation ein Armutszeugnis, wenngleich der Videoanalyse zur Pause, zu der Schmidt vier Profis hinzugezogen hatte, zumindest kurzfristig Taten folgten. Aber auf einen geordneten Spielaufbau wird Mainz 05 künftig dringend wieder mehr Augenmerk legen müssen, nur mit Hauruck-Fußball dürfte es problematisch werden, den erwünschten Platz in der Tabellenmitte zu erreichen.

Um sich in Zukunft auch mit langen Bällen besser wehren zu können, ist die Suche nach einem hochgewachsenen Stürmer noch einmal intensiviert worden. Laut „Allgemeiner Zeitung“ soll Mainz verstärktes Interesse am Schweden Ola Toivonen von Stade Rennes bekundet haben. Der Nationalstürmer ist allerdings schon 29 Jahre alt und passt deshalb nicht so recht ins Mainzer Konzept, Perspektivspieler zu entwickeln. Aber aktuell geht es notgedrungen um Soforthilfe. Die Suche nach einem „Wandspieler ist schon weit fortgeschritten“, bestätigt Schmidt. Erleichtert sah er dabei am Samstagabend noch nicht aus.

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