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Zurück auf den Platz an der Sonne: Achim Beierlorzer.

Training wieder aufgenommen

Mainz 05 und die schönen Seiten der Krise

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Der Mainzer Trainer Achim Beierlorzer hat seine Spieler ganz neu kennengelernt.

Was macht ein Fußballtrainer, wenn er von einem arglistigen Virus ins Homeoffice gedrängt wurde? Und wie nimmt er danach wieder die Arbeit auf dem Platz auf? Achim Beierlorzer, Chefcoach des Bundesligisten Mainz 05, hat darüber jetzt in einer Skype-Konferenzschaltung Auskunft gegeben. Und man spürte dabei: Beierlorzer, der es höchstselbst als Spieler nicht zum Vollprofi brachte und zunächst einen gänzlich anderen Berufsweg verfolgte, verfügt über eine Wahrnehmung, die über den Radius vieler Branchenkollegen herausragt.

Drei Wochen lang hat der 52-Jährige seine Spieler nicht gesehen. Seit Dienstag findet bei Mainz 05 wieder ein Training auf dem Fußballplatz statt, wenn auch in arg gebremster Form. Auf zwei nebeneinander liegenden Plätzen weit verteilte Kleingruppen von höchstens sechs Spielern haben den Mindestabstand von zwei Metern konsequent einzuhalten, Kopfbälle sind verboten, nur die Torhüter dürfen in ihren Handschuhen Hand anlegen an die Bälle. Die Materialien werden von den Trainern und Betreuern in Handschuhen aufs Feld und zurück geschleppt. „Die Spieler“, berichtet Beierlorzer, „haben das erst schriftlich erklärt bekommen und jetzt auch noch mal in einer riesengroßen Runde mit mehr als einer Spannweite Abstand zueinander mündlich.“

Holpriges Passspiel

Mainz 05 hatte den örtlichen Gesundheitsbehörden ein dezidiertes Konzept vorgelegt, um die Erlaubnis für die Wiederaufnahme solcher Übungseinheiten gewährt zu bekommen. „Das sind natürlich keine Inhalte, die man mit dem vergleichen könnte, wie wir vor Corona trainiert haben“, so der Trainer, „sondern im Grunde nur ein bisschen Bewegung mit dem Ball.“ Jeden Tag um 15 Uhr. Beim Auftakttraining hat Beierlorzer „schon gemerkt, dass die Jungs drei Wochen lang nicht am Ball waren“. Ging alles noch etwas holpriger zu, als man das selbst bei Mainz 05 gewohnt ist.

Die drei Wochen ohne operative Aufgaben auf dem Trainingsplatz hat Beierlorzer in seiner Heimat verbracht, in einem kleinen Dorf in Unterfranken, wo er fast jeden Morgen mit der Frau und den beiden Hunden einen ausgedehnten Spaziergang unternommen hat und sich mehr mit den beiden jüngeren Söhnen (17 und 22) beschäftigen konnte. Außerdem gab es Anlass und Zeit zu reichlich Gartenarbeit. Seinen Schreibtisch, den er als ehemalige Gymnasiallehrer einst täglich benötigte, hatte Achim Beierlorzer zwischenzeitlich der lieben Gattin überlassen. „Jetzt habe ich ihn wieder besetzt.“ Denn es galt unter anderem, Stärken-Schwächen-Profile der Mainzer Profis mit den Assistenten zu entwickeln, „damit wir jeden einzelnen vielleicht noch auf ein anderes Niveau heben können“.

Zudem fand der Fußballlehrer auch Zeit, mit den eigenen Spielern mal ganz anders und viel intensiver zu sprechen, wenn auch nur am Handy. „Ich habe jeden einzelnen abtelefoniert und dabei von einer ganz anderen Seite kennengelernt.“ Ohnehin glaubt er, dass die aktuelle Corona-Krise „die Menschen zusammenbringt“, er spüre, „dass sie viel häufiger und intensiver miteinander kommunizieren“. Das sei auch unter den Mannschaftskameraden der Fall gewesen: „Die haben sich viel öfter mal gegenseitig gefragt; ,Wie geht´s dir eigentlich?’“

Die schönen Seiten der Krise.

Achim Beierlorzer macht sich freilich nichts vor. Die gut gemeinten Hoffnungen, der Profifußball werde sich auch moralisch tiefgreifend regenerieren und die „Blase Profifußball“ platzen, teilt er nicht. Im Großen und Ganzen würde sich nicht viel ändern. „Wenn ich drei oder vier Jahre nach vorne blicke, sehe ich dafür keinen Grund. Die Blase an sich, die wird bleiben.“

Fußball und Moral

Auch was die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Geisterspielen angeht, die wohl rund 20 000 Coronavirus-Tests binnen der beiden Monate Mai und Juni bei allen Spielern, Trainern und Betreuern notwendig machen würde, hat Beierlorzer eine klare Meinung: Derzeit sei es aufgrund der arg begrenzten Kapazitäten und zur Neige gehenden Reagenzien in den Laboren „moralisch nicht umsetzbar“, unter diesen Bedingungen Profifußball zu spielen. Der Fußball habe kein Anrecht, sich in seiner Bedeutung über die Gesellschaft zu heben, fügt er hinzu. Aber, gibt der Mainzer Trainer auch zu bedenken, natürlich sei es Aufgabe der Verantwortlichen in der Deutschen Fußball-Liga und den Klubs, sich intensive Gedanken darüber zu machen, welche denkbaren Szenarien es geben könnte, um die Saison zu Ende zu bringen. Momentan sei es so: „Wenn wir in Zweikämpfe gehen würden, müssten wir in innere Quarantäne gehen.“ Aber was ist in zwei oder drei Wochen?

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