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König der Lüfte: Niko Bungert wird zum Karriereende von Mitspielern gefeiert.

Mainz 05

Mainz schenkt der Eintracht die Europa League

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An einem Nachmittag voller Emotionen zerlegen die Nullfünfer Hoffenheim in Einzelteile.

Wer hätte jemals gedacht, dass Fans von Eintracht Frankfurt daheim vorm Fernseher sitzen und vom Auswärtsspiel ihrer Mannschaft bei Bayern München beim Bezahlsender Sky wegschalten zu einem Heimspiel von Mainz 05 gegen die TSG Hoffenheim. Eigentlich ist ein solches Umschaltverhalten weit unter der Würde eines echten Adlerträgers. Mainz, igitt. Hoffenheim, igitigitt. Zwerge gegen Dorftrottel, unerheblich, lässlich, kann im Grunde vollkommen ignoriert werden.

Am Samstag, so ab zirka 16.55 Uhr, als die Bayern uneinholbar 4:1 gegen die kraftlose Eintracht führten und Mainz gegen die dezimierten Hoffenheimer den 1:2-Anschluss hergestellt hatten, war das völlig anders. Da wurden Frankfurter Fans plötzlich zu Daumendrückern von Mainz 05. Denn in deren Arena musste unbedingt noch mindestens ein Tor für die Gastgeber fallen, um so der Eintracht das Tor nach Europa zu öffnen, für das sie selbst längst den Schlüssel verloren hatte.

Und siehe da: Die Nullfünfer, für die es um nichts mehr ging, ließen sich auch durch einen vom Videobeweis richtigerweise wegen Handspiels zurückgenommenen Treffer nicht aus der Spur bringen und zerlegten die Gäste aus dem Kraichgau gnadenlos in deren Einzelteile. Drei Tore zwischen der 83. Minute und dem Ende der Nachspielzeit, 2:2, 3:2, 4:2 - die Mainzer feierten ihre Treffer, als seien sie selbst in die Europa League eingezogen, und auf den Sofas in Frankfurter Eigenheimen und den Kneipen der Stadt lagen sich die Eintracht-Fans selig in den Armen. Teile derselben Fans übrigens, die eine Woche zuvor noch reichlich gefüllte Bierbecher auf die in der Frankfurter Arena siegreichen Rheinhessen geworfen hatten. So ist das manchmal im Leben eines gemeinen Fußballfans.

Eintracht Frankfurt bedankt sich prompt via Twitter bei Mainz

Tatsächlich hat Mainz 05 zum Ende einer Saison, die am Nischenstandort beileibe nicht nur Lichtblicke bot, ein Vorbild an Sportsgeist und Hartnäckigkeit offenbart. Eine Mannschaft mit weniger Mentalität hätte nach einem 0:2-Rückstand bis tief in die zweite Halbzeit hinein Dienst nach Vorschrift geschoben. Stattdessen schnürten die Mainzer Hoffenheim wie ein hilfloses Bündel in deren Hälfte ein, schlossen dazu in Gestalt des überragenden Jean-Paul Boetius noch sehr ökonomisch ab und bescherten Eintracht Frankfurt so eine weitere Chance auf Europa. Die Eintracht bedankte sich prompt via Twitter: „Hey 1. FSV Mainz 05, ihr seid super.“ Bei Instagram wurden die wackeren Mainzer von der dankbaren Eintracht sogar als „Ehrenmänner“ betitelt. Völlig verrückt, dieser Profifußball.

Der Mainzer Trainer Sandro Schwarz, wohnhaft in, na klar: Frankfurt, wies nach getaner Arbeit ehrlicherweise darauf hin: „Es war jetzt kein Anker für uns, der Eintracht was Gutes zu tun.“ Es sei vielmehr darum gegangen, sich selbst etwas zu beweisen. Zum Beispiel, dass sie inzwischen in der Lage sind, ansehnlichen Ballbesitzfußball zu präsentieren. „Das war eine Werbung für Mainz 05. Die Brust wird größer“, jubelte Sportchef Rouven Schröder und drückte dabei sinnigerweise seinen mächtigen Brustkorb noch ein Stückchen weiter vor.

Stadionsprecher Hafner und Bungert verabschiedet

Zuvor hatte der Sportvorstand eindrucksvolles Talent als Stadionsprecher präsentiert, als er sechs scheidende Mainzer Profis gebührend via Stadionmikrofon verabschiedete. Allen voran den Kapitän Niko Bungert, der elf Jahre lang in treuen Diensten der Nullfünfer gestanden hatte und um sich um ein Haar mit einem Tor des Jahrzehnts verabschiedet hätte. Sein spektakulärer Volleyhackenschuss wurde vom Hoffenheimer Torwart Oliver Baumann in der 90. Minute heroisch entschärft. Es wäre eine unfassbare Krönung einer Fußballkarriere gewesen, die Bungert – einer der aufrechtesten Fußballprofis der Neuzeit – sich selbst „nie wirklich“ zugetraut hatte.

Der 32-Jährige vergoss reichlich Tränen – besonders, als Thomas Tuchel über die Videowände die bewegende Huldigung eines „sehr besonderen Spielers“ vornahm – und war damit nicht allein. Stadionsprecher Klaus Hafner, eine lebende Legende, weinte bei seiner Verabschiedung durch den Ex-Präsidenten Harald Strutz und dessen Nachfolger Stefan Hofmann tief ergriffen Rotz und Wasser. Es war fürwahr ein Nachmittag voller großer Emotionen in Mainz, die ausnahmsweise einmal bis nach Frankfurt ausstrahlten.

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