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Der Mainzer Trainer Sandro Schwarz. 

Mainz 05

Handkantenschläge am Kaffeetisch

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Wie der Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz vor der Partie am Samstag gegen Schalke 04 mit der aktuell schlechtesten Mannschaft der Liga umgeht. 

Es kommt selten vor, dass Sandro Schwarz beim wöchentlich meist dienstags stattfindenden Trainergespräch mit der Presse im Mainzer Mediencontainer gleich zehn Hände mehr oder weniger unabhängiger Berichterstatter schütteln muss. Der Chefcoach von Mainz 05 pflegt seine Gäste stets persönlich per Handschlag zu begrüßen, ganz egal, wie gut seine Stimmung gerade ist. Momentan ist sie, nun ja, eher ausbaufähig. In seinem zweiten Jahr im Fußball-Oberhaus ist der 40-Jährige Medienprofi genug, drei Niederlagen nacheinander mit der beschämenden Quote von 1:11 Toren souverän zu moderieren. An einem Standort wie Mainz ist das allerdings auch einfacher als an aufgeregteren Plätzen dieser Republik.

0:3, 1:5, 0:3 – das hätte anderswo zu Kapriolen geführt, die einen Cheftrainer nicht mehr ruhig schlafen lassen. Vor dem Pleitentrio schien Mainz eine Mannschaft werden zu können, die sich heimlich, still und leise in Richtung Europa aufmacht. Jetzt ist sie vor der Partie am Samstag gegen Schalke 04 und dem Wiedersehen mit dem alten Freund Christian Heidel plötzlich eine aktuelle Gurkentruppe, die schlechteste Gurkentruppe in der Drei-Spiele-Statistik, sogar noch schlechter als Augsburg, Nürnberg, Schalke und Stuttgart, die allesamt mindestens einen Punkt geholt haben in dieser Zeit. Der ortsansässige Meinungsführer „Allgemeine Zeitung“ ist gleichwohl sicher: „Misere ja, Krise nein“. Klingt irgendwie beides verdächtig ähnlich und verdächtig trübe. Jedenfalls ruht, auch angesichts der relativ komfortablen Tabellensituation mit einem vollen Dutzend Punkten Abstand zur prekären Zone, still der Krisensee. Für einen Trainer ist das angesichts der Umstände angenehm.

Sandro Schwarz ist der entscheidende Mann, der für eine Fortentwicklung seiner Mannschaft verantwortlich ist. Daran muss er sich messen lassen, er hat viele Dinge gut angeschoben, ein abschließendes Urteil für diese Saison kann jetzt kein Mensch sprechen, klar ist aber auch, dass seit der Winterpause eine Rückentwicklung sichtbar ist, mal, wie neulich in Augsburg, wegen eines kollektiven Blackouts, mal, wie gegen Leverkusen, stürmisch und vielleicht auch ein bisschen naiv, mal, wie in Wolfsburg, schludrig in den großen Räumen nach vorn.

Schwarz erwartet jetzt von seinen Männern, dass sie ihren „Frust in Energie kanalisieren“, er selbst geht mit gutem Beispiel voran und verpasst bei seiner Analyse der Gegenwart dem armen Kaffeetisch ein paar Handkantenschläge, als sei dieser Schuld am Negativ-Dreierpack. Und, uiuiui, immer wieder erhebt er dabei auch die Stimme, bis auch der letzte Reporter auf dem roten Sofa aus dem Dämmerschlaf erwacht ist und merkt, dass dieser Trainer die Dinge fest im Griff hat und bei der Aufarbeitung des intensiv auch auf Video Gesehenen die Dinge beim Namen nennt. Passqualität, Freilaufverhalten, Zweikampfführung, Wachheit, Laufduelle – alles bemängelnswert, also im Grunde mangelhaft. Note 5.

Viele Einzelgespräche geführt

Aber Schwarz ist weit davon entfernt, seine Mannschaft deshalb in Bausch und Bogen zu verdammen, so was kommt öffentlich über die Zeitung ohnehin nicht gut an bei Fußballprofis an, Schwarz weiß das natürlich, und außerdem lehnt er das „Alibigequatsche von der angeblich mangelnden Einstellung“ aus voller Überzeugung ab.

Vielmehr glaubt er, dass seine noch relativ jungen Spieler „auch mal Dinge vergessen“, die eigentlich zum Grundwissen eines Fußballprofis gehören. Zum Beispiel, dass man sich als Stürmer vor einer Flanke von seinem Gegenspieler lösen sollte und nicht an diesem kleben bleibt wie ein altes Kaugummi. Mit der Eigenverantwortung ist es im gemeinen Profileben halt nicht so furchtbar weit her. Der eine oder andere muss ergo stetig erinnert werden, was zu tun ist, Schwarz hat deshalb auch in dieser Woche wieder viele persönliche Gespräche geführt.

Noch immer mächtig aufregen kann sich der Chefcoach über die Handspiel-Entscheidungen gegen sein Team in Augsburg (Brosinski und Niakhaté) sowie in Wolfsburg (Gbamin) unter Einfluss des Videobeweises. Dass manche Abwehrspieler inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Arme hinter dem Rücken zu verbergen, um strafbare Handspiele zu vermeiden, empfindet er viel mehr als unnatürliche Handbewegung als manches wegen angeblich unnatürlicher Armhaltung bestrafte Handspiel. „Du brauchts deine Arme doch zum Laufen und zum Schwungholen. Ich glaube, die Schiedsrichter fühlen sich derzeit auch unwohl.“

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