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Niedergeschlagen: Der Mainzer Jean-Paul Boetius.

Mainz 05

Vom Chaos verschluckt

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Mainz 05 macht in Freiburg ein gutes Spiel und verliert trotzdem 0:3.

Sandro Schwarz sah etwas derangiert aus am Ende eines aufregenden Nachmittags, aber auch das war irgendwie Interpretationssache. Ja, das Hemd, das er unter einem Sweater trug, hing ihm aus der Hose raus, allerdings hatte das ausschließlich modische Gründen. Und ja, dicke Schweißperlen standen dem Trainer des FSV Mainz 05 auf der Stirn, später, als er die Niederlage seines Teams in Freiburg zu erklären versuchte. Was aber ebenfalls weniger mit dem vorangegangenen Spiel zu tun hatte als mit dem Umstand, dass der Presseraum im Freiburger Stadion mitunter einer Sauna gleicht.

Erkläungen für das Erlebte fielen schwer an diesem Samstag, und so wirkten die Mainzer hinterher recht ratlos, wie um Himmels Willen sie dieses Spiel beim SC Freiburg mit 0:3 (0:0) hatten verlieren können. Obwohl sie gewiss nicht die schlechtere Mannschaft waren beim Auftakt in die neue Saison. Obwohl sie selbst hätten gewinnen können, und niemand hätte sich gewundert. „Das war hier definitiv kein Verlierspiel“, sagte Schwarz in der ihm eigenen Sprache, „sondern im Gegenteil: Es wäre möglich gewesen, das Ding zu ziehen.“ Gezogen haben das Ding aber die Freiburger, alles ganz zum Schluss, als die Mainzer ansatzlos vom Chaos verschluckt wurden innerhalb von wenigen Minuten. Lucas Höler (82.), Jonathan Schmid (84.) und Luca Waldschmidt per Foulelfmeter (87.) trafen für den Sport-Club.

Alles war ins Rutschen gekommen, als zwei Minuten vor dem ersten Tor drei Mainzer Spieler mit Schmerzen auf dem Boden lagen. „Sehr kurios“ sei das gewesen, sagte Schwarz, „und wir hatten dann eine kurze Unordnung im Spiel, und Freiburg hat das gnadenlos ausgenutzt, auch mit individueller Qualität.“ Höler verpasste erst dem Innenverteidiger Alexander Hack einen Beinschuss, dann, mit etwas Glück, auch dem Torwart Florian Müller, und nach dem Spiel lieferte er den Satz des Tages, als er wahrheitsgemäß sagte: „Der Tunnel kann auch in die Hose gehen.“

Der eingewechselte Höler war insgesamt das passende Gesicht für ein intensives, schräges Spiel, dessen Entwicklung nie absehbar war, das hin und her wogte, mal waren die Freiburger etwas besser, mal die Mainzer. Einst war der 25-jährige Stürmer nicht gut genug für die Mainzer Profis, spielte von 2014 und 2016 ausschließlich für die U23 der Rheinhessen, die meiste Zeit davon übrigens unter dem Trainer Sandro Schwarz. Über den SV Sandhausen, zweite Liga, landete er schließlich in Freiburg im vergangenen Jahr, wo er sich seitdem stetig verbessert beim Trainer Christian Streich.

Auch St. Juste verletzt sich

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Beim FSV wird man jedoch eher keine Zeit finden, darüber zu sinnieren, ob man das Potential Hölers einst falsch einschätzte. Man hat gerade genug mit sich selbst zu tun und der Aktualität der Ereignisse. Nimmt man das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal beim Drittligisten 1. FC Kaiserlautern (0:2) eine Woche zuvor mit dazu, nimmt sich der erste Eindruck der neuen Saison alles andere als positiv aus, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick haben die Nullfünfer zweimal sehr ordentlich Fußball gespielt – nur eben ohne einen einzigen Torerfolg. Sandro Schwarz findet, der zweite Blick ist wichtig. „Wir dürfen jetzt auf keinen Fall in Selbstmitleid verfallen oder mit dem Schicksal hadern“, sagte er in Freiburg, „dürfen uns in kein Stimmungstief reinquatschen lassen, sondern müssen mit klarem Kopf die Spiele bewerten, auch unabhängig vom Ergebnis.“ Zurecht lobte Schwarz die Struktur, die die Mainzer in Angriff und Abwehr zeigten über weite Strecken und verwies immer wieder auf die „Widerstände“, die es im Moment gebe. Gemeint war die Verletztenmisere, die sich weiter verschärfte.

Die Angreifer Jean-Philippe Mateta und Dong-Won Ji fallen mit Knieverletzungen noch bis in den Herbst aus, genau wie Innenverteidiger Stefan Bell, der sich in Kaiserlautern eine Knöchelverletzung zugezogen hatte, die nun in Basel operiert wurde. In Freiburg nun stürzte der neuen Abwehrspieler Jeremiah St. Juste bei seinem Bundesligadebüt zehn Minuten vor Schluss auf den Oberarm und musste mit starken Schmerzen ausgewechselt werden. „Dem ist die Schulter rausgeknallt“, erklärte Schwarz, eine genauere Diagnose wird es erst in den nächsten Tagen geben. Eine längere Ausfallzeit ist dennoch zu befürchten. „Das passt gerade bisschen ins Momentum, das nicht auf unserer Seite ist.“ Dass der Mainzer Trainer bei diesem Satz etwas geknickt aussah, war übrigens keine Interpretationssache.

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