Mainzer Aufbauarbeit: Abwehrchef Moussa Niakhaté (vorne) wird von Trainer Achim Beierlorzer getröstet. reuters
+
Mainzer Aufbauarbeit: Abwehrchef Moussa Niakhaté (vorne) wird von Trainer Achim Beierlorzer getröstet.

Abstiegskampf

Angst am Abgrund

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Der FSV Mainz 05 geht mit dem schwersten Restprogramm auf die Zielgerade der Bundesliga. Der letzte Abstieg ist 13 Jahre her und fiel in die Verantwortung von Jürgen Klopp.

Dass der Abstiegskampf immens an den Nerven zehrt, ist keine neue Erkenntnis an einem Standort wie dem FSV Mainz 05, wo das Zittern auf der Zielgeraden dazugehört wie die Karnevalsmusik im Vorprogramm. Doch wenn sich die Enttäuschung entlädt wie bei Abwehrchef Moussa Niakhaté, der nach dem Nackenschlag gegen den FC Augsburg (0:1) wild fluchend mit den Armen fuchtelte und schlussendlich noch einen Ball durchs leere Stadion bolzte, ist Gefahr im Verzug. Sportvorstand Rouven Schröder und Cheftrainer Achim Beierlorzer kümmerten sich persönlich um den 24 Jahre alten Franzosen, denn viel Zeit zum Frustschieben ist nicht: Vor dem Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund am Mittwoch hat sich die Lage fast schon dramatisch zugespitzt.

Beierlorzer, ganz der geschulte Pädagoge, betätigte sich denn gleich als Aufbauhelfer: „Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen: Sie hat teilweise gut Fußball gespielt.“ Das klang vom gebürtigen Franken zwar arg geschönt, wirkte aber verständlich eingedenk des schweren Restprogramms. Morgen in Dortmund, Samstag gegen Bremen, zum Schluss in Leverkusen: Das ist nur mit viel Zweckoptimismus zu schaffen. „Wir haben noch drei Chancen. Wir sind drei Punkte vorneweg plus das bessere Torverhältnis. Wir haben es in der eigenen Hand. Das ist die Realität“, betonte der Mainzer Übungsleiter. Jedes Spiel, führte der 52-Jährige aus, sei zum Schluss schwierig, „weil jeder unbedingt punkten will. Wir müssen das Glück absolut fordern.“ Und da sei seine Mannschaft immer noch auf dem richtigen Weg: „Es ist unheimlich wichtig, dass die Mentalität 100 Prozent intakt war. Man spürt, dass jeder das mit jeder Pore unbedingt machen will.“

Dummerweise wird der Wille in der Bundesliga selten mit Punkten belohnt. Erst fünf haben die umtriebigen, aber mitunter unbeholfenen Nullfünfer in den sechs Spielen seit dem Re-Start eingefahren, was deshalb zu wenig ist, weil der SV Werder im selben Zeitraum die doppelte Ausbeute verbuchte. Fortuna Düsseldorf sammelte einen Zähler mehr. Weil nun alle drei Kellerkinder in dieser Englischen Woche vor eher schwerlich lösbaren Aufgaben stehen – Bremen gegen Bayern (Dienstag), Düsseldorf in Leipzig (Mittwoch) – spitzt sich alles auf das kommende Wochenende zu, wenn sich Mainz und Bremen direkt duellieren. Es deutet sich ein dramatisches Finale an.

Mit der nächsten Heimniederlage könnte es den selbst ernannten Karnevalsverein 13 Jahre nach dem letzten Abstieg wieder erwischen, den damals ein gewisser Jürgen Klopp zu verantworten hatte. Nächsten Samstag richtet sich das größte Scheinwerferlicht auf die Arena am Mainzer Europakreisel, was selten genug vorkommt. Der selbst ernannte Karnevalsverein muss schon Kultfigur Klopp tränenreich vor 15 000 Menschen auf dem Gutenbergplatz verabschieden, sich vom Trainer Thomas Tuchel trennen oder eine Frau ins Rennen um den Präsidentenposten schicken, um überregional die Schlagzeilen zu bestimmen.

Macher Schröder kann oft genug betonen, dass Bundesliga-Zugehörigkeit in ununterbrochener Folge keine Mainzer Selbstverständlichkeit ist; gewürdigt wird es nicht mal in der unmittelbaren Umgebung, wie der schleichende Zuschauerschwund belegt. In Corona-Zeiten werden indes andere Mängel zum Manko: etwa zu wenig Führungskraft in einem Kader, der durch jugendliche Unbekümmertheit und sicher auch einiges Talent, aber auch fehlende Konstanz geprägt ist. Und so folgte der reifen Leistung in Frankfurt gegen Augsburg gleich mal wieder ein reichlich unrunder Auftritt. „Wir müssen aus der Vielzahl der Torchancen, wir sprechen von 17 Torschüssen, etwas machen“, klagte Beierlorzer.

Sein Team war trotz klarer Feldüberlegenheit letztlich ohne Lösungen im letzten Drittel. Flanken, Ecken, Freistöße oder Abschlüsse: Alles geriet irgendwie zu unpräzise und selten zwingend. „Wenn du kein Tor schießt, kannst du nicht gewinnen“, stellte der eingewechselte Karim Onisiwo fest, der die mit einer schweren Gehirnerschütterung ausgeschiedene Liverpool-Leihgabe Taiwo Awoniyi mindestens die nächsten zwei Spiele ersetzen muss. Der Angriff macht ohnehin gerade die meisten Sorgen: Jean-Philippe Mateta träumt zwar im Sommer von einem Wechsel zu einem großen Klub, bietet aber in der Pandemie nur kleine Leistungen an. Robin Quaison benötigt für seine raumgreifenden Sprints mehr Platz, den tief stehende Gegner nicht anbieten. Und mit Jean-Paul Boetius ergattert der beste Techniker derzeit keinen Platz in der Startelf.

Merkwürdig war noch, dass Beierlorzer so lange mit der Auswechslung des Eigengewächses Leandro Barreiro, 20, wartete, der im vierten Einsatz hintereinander sichtbar überspielt wirkte. Pierre Kunde hätte wieder eine Chance verdient. Es kommt also vieles zusammen in einem Klub, der häufig genug auf der Zielgeraden mit dem Rücken zur Wand stand. Oft gelang ein Befreiungsschlag gegen einen Gegner zu einem Zeitpunkt, als niemand mehr damit rechnete. Die Gelegenheit fürs Geisterspiel in Dortmund?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare