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Mehr Identifikation, mehr Gastfreundschaft und Sozialkompetenz geht kaum: Klaus Hafner in der Mainzer Arena.

FSV Mainz

Stadionsprecher Klaus Hafner: Abschied eines Unikums

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Nach fast 30 Jahren macht der Mainzer Kult-Stadionsprecher Klaus Hafner Schluss.

Es ist einer der ersten Tage im April vor zwei Jahren, als Klaus Hafner in aller Früh beim Telefonieren merkt, dass er plötzlich nicht mehr richtig sprechen kann. „Es kam ohne Ankündigung. Ich wusste gleich, ich habe einen Schlaganfall.“ Er fuhr noch selbst zum Hausarzt. Fünf Tage im Krankenhaus und drei Wochen Sprachtraining bei einer Logopädin später, zum letzten Saisonspiel gegen Eintracht Frankfurt Mitte Mai, war der Kult-Stadionsprecher von Mainz 05 zurück auf dem Platz. Dank seiner Selbstdiagnose hatte ihn der Notarztwagen noch zeitig in die Uniklinik bringen können.

An diesem Samstag beim Bundesligaspiel gegen die TSG Hoffenheim wird Klaus Hafner zum letzten Mal bei der Hymne „You’ll never walk alone“ andächtig mit dem Blick zur Haupttribüne mitsummen, er wird ein wenig später „Hier kommen sie“ ins Mikrofon rufen, beim Einmarsch jeden Mainzer Spieler einzeln abklatschen und den Gast „herzlich willkommen“ heißen. Und dann, 90 Minuten plus Nachspielzeit später, war es das. Aus. Schluss. Vorbei. „Ich will nicht, dass jemand sagt, jetzt geht der schon zum Sterben ins Stadion.“

Klaus Hafner - eine Mainzer Legende

Es ist der Abschied einer Mainzer Legende – nach fast drei Jahrzehnten, in dem er die Nullfünfer von der Oberliga Südwest in den hochkommerzialisierten Profifußball begleitet hat und dabei in seinem Trikot mit der Nummer 12 auf dem Rücken doch immer bei sich geblieben ist. „In der neuen Saison“ sagt er, „kann ich endlich mal rufen: Trainer raus, Vorstand weg, all das, was ich 30 Jahre nicht rufen durfte.“ Hafner lacht. War nur ein Witz. Ernster ist ihm da schon der Gedanke, „ob ich vielleicht Vorsänger der Haupttribüne werde. Das gibt’s noch nirgendwo. Da machen wir Rabatz.“ Hafner ist im Hauptberuf Eventmanager. Da kommen einem so manche Ideen.

Er muss jetzt loslassen, seinen Nachfolger Andreas Bockius arbeitet er schon die gesamte Rückrunde ein, „der macht das klasse“. Bockius und Hafner haben sich auf einer Fastnachtssitzung kennengelernt. Kein Zufall: Als Präsident des Carneval Clubs Weisenau ist der zentnerschwere Mann gerade erst in Ruhestand gegangen: „Ich bin dort 50 Jahre aktiv gewesen, jetzt mach ich nur noch in der dritten Reihe mit.“ Als CDU-Stadtrat und sportpolitischer Sprecher der Partei würde er dagegen „gern weitermachen, wenn ich gewählt werde“.

Vom Bruchweg in die neue Arena

Er weiß, dass er am Samstag traurig sein wird, wenn nach fast drei Jahrzehnten unwiderruflich Schluss ist auf dem Spielfeld der Mainzer Fußballarena. „Stadionsprecher ist für mich immer eine Herzensangelegenheit gewesen.“ Er hat nur achtmal gefehlt seit 1981, zweimal wegen des Schlaganfalls 2017. Hafner leidet zudem an Diabetes. Nach einem Knöchelbruch („Da habe ich noch die Stadioneröffnung gemacht und getanzt, danach war der Fuß so dick, dass ich die Schuhe nicht ausgekriegt habe“) trägt er Spezialschuhe, das Gehen fällt ihm schwer. Seinen Hafner-Tanz, der verdächtig an die Teletubbies erinnert, kann er nicht mehr präsentieren. Seit zwei Wochen ist er 65.

Eine Berühmtheit ist Klaus Hafner geworden, weil er in Mainz etwas durchgesetzt hat, was es, wie er beteuert, „in ganz Europa nicht gibt“. Gemeinsam mit dem Gästeblock präsentiert er bei jedem Heimspiel die Aufstellung des Gastvereins, ohne dass das von Missfallenkundgebungen der eigenen Anhänger gestört würde. Hinterher schenkt er regelmäßig „den Gästefans ein Dankeschön“. Die in der Bundesliga gepflegte Tradition, den Gegner herabzuwürdigen, ist Hafner ein Gräuel. „Da habe ich mich gegen Widerstände durchgesetzt, das war nicht ganz einfach“, berichtet das Schwergewicht. „Ich habe unseren Fans gesagt: Hier heißt niemand Arschloch. Diejenigen, die das am lautesten rufen, brauchen wir hier bei Mainz 05 nicht.“ Warum das woanders nicht so ist? „Weil andere Stadionsprecher das bei ihren Fans nicht durchkriegen“, glaubt das Unikum der Nullfünfer.

Über die Fairplaywertung in den Uefa-Cup

Er hat für seine Haltung den Fairplaypreis des deutschen Fußballs in Empfang nehmen dürfen, und er hat dafür gesorgt, dass die Atmosphäre in Mainz auch dem europäischen Verband aufgefallen ist. 2005 rutschte Mainz 05 über die Fairplaywertung in den Uefa-Cup. Klaus Hafner hat eine Menge Grund, stolz auf sich zu sein. Aber manchmal gab es auch Ärger. Seine Unterstützung für die eigene Mannschaft, gerade in Schlussphasen enger Spiele, hat schon mal zu Beschwerden des Gegners geführt, Hafner entschuldigt sich glaubhaft und humorvoll. Es handele sich dabei stets um „emotionale Ausbrüche, die leider nicht steuerbar sind“. Etwa zuletzt beim 3:3 gegen Leipzig: Da rief er so laut es ging: „Alle mal hoch jetzt, verdammte Hacke, und unser Team nach vorne pushen.“ Er kenne seine Grenzen: „Wir werden genau beobachtet. Wenn wir irgendetwas machen, das daneben ist, gibt’s sofort eine Meldung bei der DFL.“

Hafner kann auch zu einer rustikaleren Sprache greifen. Neulich zum Beispiel, beim Spiel gegen Hannover, als 96-Anhänger mit Rauchnebel eine Spielunterbrechung provozierten, da rief er ins Mikrofon: „Es wird ja ein paar Vernünftige bei euch geben. Fackel abnehmen und denen in den Hals stecken.“ Im Nachhinein findet er das selbst zu hart formuliert, er weiß ohnehin, dass nicht jeder ihn mag: „Manche sagen: Gott sei dank hört der uff, manche sagen: Schad!“

Mats Hummels und Manuel Neuer verabschieden sich persönlich

Zum Beispiel Mats Hummels und Manuel Neuer, die sich beide persönlich vom Ur-Mainzer verabschiedet haben. „Das hat mir was bedeutet, die Bayernspieler waren immer okay.“ Als damals die Bayernfans ihren neuen Torwart Neuer in Mainz auspfiffen, hat Hafner am Mikrofon reagiert. „Da habe ich gesagt: ‚So blöd müssen Fans mal sein. Ihr habt den besten Torwart Europas und pfeift den aus.‘ Das hat Neuer mitgekriegt und nie vergessen.“

Hafners Markenzeichen, die Freundlichkeit und das Einstehen für Schwächere, ist nicht aufgesetzt, es kommt von innen und macht an den Kreidelinien des Stadions nicht Halt. „Wenn mich jemand aus dem sozialen Bereich anruft, bin ich sofort dabei.“ Moderation beim Flüchtlingsspiel bei Ente Bagdad, Schirmherr der Aktion Funkelstern für benachteiligte Kinder, Einsatz für die Leukämiestiftung oder für Menschen mit Multipler Sklerose, „ich mach das mit Leib und Seele. Jeder hat eine soziale Verantwortung, gerade wir, die wir im Rampenlicht stehen, sind dazu geradezu verpflichtet.“

Hafner hat am Spielfeldrand eine Menge mitgekriegt in all den Jahrzehnten und viel über die Menschen und das Leben gelernt. Besonders beeindruckt hat ihn Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus als Vierte Offizielle: „Total cool – sie hat sogar den Thomas Tuchel mit seinem rustikalen Charme in den Griff bekommen, als der gerade loslegen wollte.“ Die meisten Geschichten aber trägt er im Herzen, nicht auf der Zunge. „Mainz 05“, sagt er, „hat mir eine tolle Zeit geschenkt.“ Und er hat viel zurückgegeben.

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