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Willkommene Abkühlung: Die Mainzer Profis im österreichischen Trainungslager.

Bundesliga-Serie

FSV Mainz 05: Ein cooler Klub - aber irgendwie nicht sexy genug

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Der FSV Mainz 05 hat eine stabile und entwicklungsfähige Bundesligamannschaft beisammen, die aber weiter um mehr öffentliche Anerkennung ringt.

Dass Mainz 05 eigentlich ein richtig cooler Verein ist, haben die geneigten Leser des „Kicker“-Sportmagazins jüngst erfahren. Das Fachblatt ging dabei der Frage nach, warum neben dem aktuellen Chefcoach Sandro Schwarz fünf weitere Fußballlehrer aus der Mainzer Trainerschule in europäischen Topligen arbeiten: Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Marco Rose, Martin Schmidt und David Wagner. Vom großen Glamour dieser Männer könnte mehr abfärben auf die Nullfünfer. Tut es aber nicht. Der Klub wird als Nischenverein im Niemandsland wahrgenommen und findet überregional kaum statt.

FSV Mainz 05: Wie ist die Stimmung?

Entspannt und vertrauensvoll. Zum Saisonauftakttraining kommt der Präsident Stefan Hofmann in kurzen Hosen und umarmt die halbe, ach was, die ganze Mannschaft samt Trainerteam. Der Sportdirektor Rouven Schröder bringt Lebensgefährtin und Tochter mit und verbindet vorbildhaft das Familiäre mit dem Geschäftlichen, die Fans beklatschen die Spieler, die Spieler im Gegenzug die Fans. Aber es könnten natürlich mehr sein, die Mainzer machen es ganz gut, werden aber irgendwie nicht als sexy angesehen. Die Mitgliederzahl stagniert, die Zuschauerzahl geht zurück. Mit einer Marketingkampagne und Kampfpreisen für die Sitztribüne steuern sie tapfer gegen. Was Mainz 05 besonders auszeichnet: die Art und Weise, wie man entgegen dem Trend im Profifußball ohne Berührungsängste und ohne Allüren auch mit der Welt da draußen umgeht. Im Trainingslager in Grassau gab es natürlich wieder den beliebten Grillabend der Profis mit ihren Fans.

Wie stark ist der Kader des FSV Mainz 05?

In der vergangenen Saison ist es weitgehend unfallfrei gelungen, fünf Neuzugänge zu absoluten Stammspielern zu befördern, ohne dabei – anders als in den Vorjahren – in konkrete Abstiegsnöte zu geraten. Dieses knappe halbe Dutzend, namentlich Jean-Philippe Mateta, Aaron Martin, Moussa Niakhaté, Pierre Kunde Malong und Jean-Paul Boetius, soll zusammen mit U21-Keeper Florian Müller und den mutmaßlich starken, derzeit aber auch unpässlichen Neuzugängen Ronael Pierre-Gabriel (rechter Verteidiger, gerade allerdings verletzt), Edimilson Fernandes (Mittelfeld, noch ein wenig fußlahm) und Dong-Won Ji (Angriff, mit Knorpelschaden wohl ein halbes Jahr raus) die Basis für eine solide Weiterentwicklung hin zu einem einstelligen Tabellenplatz bilden. Auf alle Fälle ist der Kader in seiner Tiefe mit mehr Qualität versorgt worden, auch, weil Nachwuchsmann Jonathan Burkardt einen mittlerweile passablen Stürmern gibt. Selbst die prominenten Abgänge (Tony Ujah, Giulio Donati), möglicherweise noch Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin, sind übersichtlich schmerzhaft. Für den Franzosen Gbamin hätten die Mainzer gern 40 Millionen Ablöse gehabt. So viel ist der Mittelfeldspieler aber nicht annähernd wert.

Worauf steht Trainer Sandro Schwarz?

Sandro Schwarz hat sich eine erfrischende Freundlichkeit und Direktheit auch im persönlichen Gespräch bewahrt und mit seiner klaren Haltung gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie als Schirmherr der „Sommerschwüle“ (der Mainzer Variante des Christopher Street Days) aktiv Zeichen gesetzt. Als Fußballlehrer hat er das Mainzer Umschaltspiel seines Vorgängers Martin Schmidt aus seiner Eindimensionalität geholt und im Ballbesitz und der Balleroberung variabler gestaltet. Was ihm noch nicht gelang: Dass seine Truppe in wirklich jedem Spiel Mainzer Mentalität versprüht, also Gift und Galle spuckt und den Gegnern mit flinken Tiefenläufern wehtut.

FSV Mainz 05: Wo hapert’s noch?

Nach dem Abschied des langjährigen Kapitäns Niko Bungert und der Versetzung von dessen Stellvertreter Stefan Bell auf die Bank oder gar Tribüne muss sich eine neue Führungsstruktur herausbilden. Zumal auch der dritte und der vierte Kapitän, Daniel Brosinski und Danny Latza, um ihre Plätze in der Startelf bangen müssen. Sportchef Schröder sieht die Debatte um die Führungskräfte entspannt: „Wir brauchen vor allem Qualitätsspieler.“ Die glaubt er gefunden zu haben. Bis auf einen Innenverteidiger, der für die Stabilität enorm wichtig wäre. Die Mainzer wähnen sich längst einig mit Mister X. Aber um sich fix mit dessen aktuellem Arbeitgeber einig zu werden, müssten sie mehr Geld ausgeben, als sie können. Deshalb warten sie wohl oder übel noch ab. Und hoffen, dass sich die Geduld auszahlt.

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Wer sticht beim FSV Mainz 05 heraus?

Um ehrlich zu sein: niemand. Die Mainzer sind, positiv gesprochen, eine Fußballmannschaft im besten Sinne, negativ beschrieben: ein Team der nahezu Namenlosen, das außerhalb der Stadtgrenzen zwar Anerkennung einheimst, aber keine Begeisterungsstürme entfacht. Auch Mittelstürmer Mateta, mit dem der Vertrag im Sommer klugerweise zur Absicherung einer hohen Ablösesumme verlängert wurde, hat zwar gut eingeschlagen, fürwahr aber keine Übersaison gespielt. Torwart Florian Müller, immerhin Kadermitglied der U21 bei der EM, schaffte es noch nicht mal in die „Kicker“-Rangliste, der Österreicher Karim Onisiwo und der Niederländer Jean-Paul Boetius haben die größten Entwicklungsschritte gemacht.

Wie geht’s dem Schatzmeister des FSV Mainz 05?

Der schläft ruhig. Nach einem Rekordumsatz von 114 Millionen Euro und einem Gewinn von 3,3 Millionen Euro für die Saison 2017/18 erwarten die Nullfünfer für die vergangene Spielzeit erneute Rekordwerte bei Einnahmen von mehr als 140 Millionen Euro und einen Rekord-Jahresüberschuss von mehr als 18 Millionen Euro, der das Eigenkapital auf mehr als 50 Millionen Euro steigern dürfte. Das größte (und kostspielige) Projekt ist nun die Zusammenführung von Geschäftsstelle und Trainingszentrum an einem Ort. Momentan sind ein paar Kilometer Distanz dazwischen – mit entsprechenden Reibungsverlusten.

FSV Mainz 05: Was ist drin?

Mannschaft und Trainer sind so weit zusammengewachsen, das Spielsystem und die Ansprüche an Mainzer Tugenden also verinnerlicht, dass angesichts der Verstärkungen und der personellen und taktischen Stabilität im Kader eine Steigerung vom Platz zwölf der abgelaufenen Saison den eigenen Erwartungen und denen der Fans entsprechen würde. Wenn viel zusammenpasst, könnte gar Platz sieben angepeilt werden, wenn es irgendwie blöd läuft, aber auch gezittert werden. In Mainz kennt man beides zur Genüge.

Zu- und Abgänge bei Mainz 05

Zugänge:  Ronael Pierre-Gabriel (AS Monaco), Cyrill Akono (Preußen Münster), Omer Hanin (Hapoel Hadera), Edimilson Fernandes (West Ham United), Jonathan Meier (FC Bayern München II), Dong-Won Ji (FC Augsburg), Aaron Martin (Espanyol Barcelona, nach Leihe fest verpflichtet), Jose Rodriguez (Fortuna Sittard, Leihe beendet), Aaron Seydel (Holstein Kiel, Leihe beendet)

Abgänge:  Gerrit Holtmann (SC Paderborn, Leihe), Anthony Ujah (Union Berlin), Issah Abass (FC Utrecht, Leihe), Emil Berggreen (unbekannt), Gaetan Bussmann (unbekannt), Giulio Donati (unbekannt), Jannik Huth (SC Paderborn), Marin Sverko (1. FSV Mainz 05 II), Rene Adler (Karriereende), Niko Bungert (Karriereende)

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