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Hüpfen ohne Hüpfburg: ausgelassene Spieler des FSV Mainz 05 nach dem Sieg gegen Werder Bremen.

FSV Mainz 05

Das gute alte Mainz-05-Gefühl

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Die Nullfünfer feiern mal wieder ausgelassen, aber die Sportliche Leitung mahnt bereits.

Selten haben Vergangenheit und Gegenwart beim FSV Mainz 05 mal wieder so gut zusammengepasst wie am Sonntagabend: Erst empfingen 27 ältere Mitglieder in der Arena am Europakreisel eine Ehrung für langjährige Vereinstreue, dann erlebten 25 105 Zuschauer beim hochverdienten 2:1 (1:0)-Heimerfolg gegen Werder Bremen am Ende eine Atmosphäre, die an die stimmungsvollen Zeiten im alten Bruchwegstadion erinnerte.

Vereinschef Stefan Hofmann hat für 80-jährige Zugehörigkeit beispielsweise Heinz Tronser ausgezeichnet, der fürs Vereinsarchiv die Phase vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Oder der seit sieben Jahrzehnten gebundene Otto Schedler, der einst in der Oberliga das Tor hütete. Aktuell lautet das Motto „Unser Traum lebt“, weil zehn Jahre Bundesliga-Zugehörigkeit nacheinander an diesem Standort eben keine Selbstverständlichkeit sein dürfen.

Es dürfte eine weitere Erstligasaison dazukommen, sollten die Nullfünfer konstant solche Leistungen wie am zehnten Spieltag anbieten. Die Klatschparaden inklusive Ehrenrunde erinnerten an die Ära Jürgen Klopp, als der selbsternannte Karnevalsverein seine Gegner mit großer Leidenschaft niedergerungen hatte. Die Feierlichkeiten im losgelösten Mainz-wie-es-singt-und-lacht-Stile bezeugten nun vor allem die Erleichterung, die sich nach sieben sieglosen Pflichtspielen ausbreitete. Der Hausherr fuhr die herbeigesehnte Belohnung ein. Sportvorstand Rouven Schröder freute sich über „fußballerisch eine der besten Halbzeiten seit langem“. Der 43-Jährige hatte noch auf der Mitgliederversammlung ausgerufen, dass man „richtig was reißen“ könne. Was stimmt, wenn die junge Mannschaft so auftritt wie gegen einen pomadigen Europapokalaspiranten in der ersten Hälfte. „Wir waren sehr strukturiert und haben das erste Tor gemacht“, lobte Trainer Schwarz. „Ab der 70. Minute hat die Ruhe gefehlt. Dann haben wir angefangen zu überlegen.“

Es spricht für den Reflexionsgrad der Sportlichen Leitung, dass sich weder Schröder noch Schwarz vom Überschwang leiten ließen. Der Sportchef wollte erst gar nicht auf die Wiederbelebung des Mainz-05-Gefühls eingehen, weil der 43-Jährige als ehemaliger Mitarbeiter beim SV Werder – dort war er zwei Jahre lang Direktor Profifußball und Scouting – ja genau wusste, wie gut der Gegner sein Potenzial versteckt hatte. Aber eines konnte Schröder festhalten: „So stellen wir uns vor, Fußball zu spielen.“

Lackmustest Freiburg

Schwarz stellte explizit die Laufleistung mit fast 124 Kilometern als Beleg für die Willensstärke heraus, war aber auch bemüht, den Ball flach zu halten. „Wir können glücklich über die Art und Weise sein, wie wir das Spiel gewonnen haben, aber: Wir dürfen nicht in Selbstzufriedenheit reinkommen.“ Seine Botschaft: Bloß nicht glauben, „wir haben zwölf Punkte und alles ist in Ordnung.“ Das Auswärtsspiel beim SC Freiburg wird für den Chefcoach zum Lackmustest, ob bei den Rheinhessen wirklich eine Aufwärtsentwicklung vor der Länderspielpause ausgemacht werden kann. Der 40-Jährige erneuerte seine These: „In der Mannschaft steckt viel Potenzial.“ Und für ihre Lernfähigkeit spricht, dass sich die drei vor dem Pokalspiel beim FC Augsburg bestraften Profis, die zu spät zu einer Mannschaftssitzung erschienen, diesmal besonders anstrengten. Aarón Martin, dank einer Kaufoption nach dem zehnten Pflichtspiel nunmehr fix bis 2023 gebunden, lieferte eine grundsolide Vorstellung als Linksverteidiger ab, Pierre Kunde Malong gefiel als kampfstarker Mittelfeldabräumer, und Jean-Paul Boëtius schwang sich auf der Zehnerposition zum laufstärksten Akteur auf.

Die Tore gingen auf das Konto zweier Akteure aus dem Weltmeisterland: Der französische U21-Nationalstürmer Jean-Philippe Mateta erzielte in bester Torjägermanier das 1:0 (25.), Mittelfeldantreiber Jean-Philippe Gbamin knallte die Kugel zum 2:0 mit links ins kurze Eck (51.). Gerade Matetas Erfolgserlebnis löste bei Schwarz besondere Anteilnahme aus, weil der Fußballlehrer sich seinen noch nicht ausgereiften Mittelstürmer vorher zum Einzelgespräch zur Seite genommen hatte. „Ich habe ihm gesagt, es gibt drei wichtige Dinge im Leben: Gesundheit und Familie, hart individuell arbeiten und Spiele gewinnen.“ Der in der Vorsaison noch in der zweiten französischen Liga in Le Havre spielende 21-Jährige könne zufrieden sein: „Jetzt hat er hart gearbeitet, dazu beigetragen, dass wir das Spiel gewinnen – und seiner Familie geht es auch gut.“

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