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Sorgt sich nicht um die Wettbewerbsfähigkeit des FSV Mainz 05: Sportdirektor Rouven Schröder.

Interview Rouven Schröder

"Das Gehalt ist das Problem"

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Rouven Schröder, Sportvorstand beim FSV Mainz 05, zu seiner Frankreich-Vorliebe bei der Suche nach Spielern, seinem Beitrag auf dem Transfermarkt und seiner Meinung zur WM-Analyse.

Rouven Schröder wirkt weder getrieben noch hektisch. Bevor das Interview mit der FR startet, macht der Sportvorstand noch eine Runde bei den Journalisten, die eine Pressekonferenz des FSV Mainz 05 besucht haben. Die 56. Bundesliga-Saison beginnt für die Rheinhessen mit einem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (Sonntag 15.30 Uhr). Der 42-Jährige ist vielleicht deshalb entspannt, weil seine Hausaufgaben gemacht sind. 

Der Saisonauftakt der Fußball-Bundesliga ist gleichzeitig ein Stelldichein vieler neuer Gesichter. Viele Namen müssen sich noch einprägen. Sind Ihnen denn alle Neuzugänge der Konkurrenz geläufig, die beispielsweise am ersten Spieltag in der Startelf auftauchen könnten?
Wenn ein Spieler mir nicht bekannt ist, bilde ich mich relativ schnell fort, um ihn kennenzulernen. Grundsätzlich sind einem durch den Markt die meisten Akteure bekannt, mit denen man sich teilweise selbst beschäftigt hat. Ich finde es sogar spannend zu verstehen, warum gewisse Vereine gewisse Spieler verpflichten.
 
Lässt sich beziffern, mit wie vielen Spielerprofilen Sie sich bisher im Sommer auseinandergesetzt haben?
So etwas wird gerne als Schlagzeile genommen. Nein, das zähle ich nicht, aber es wird eher mehr als weniger, weil in dem Markt mehr Geld unterwegs ist. Dabei ist immer mehr Vorsicht geboten.


 
Es fällt auf, dass sich die Märkte verschoben haben. Frankreich scheint ein Eldorado als Einkaufsland geworden zu sein, Spanien ist immer mehr im Kommen, während Südamerika oder Afrika für die Bundesliga an Faszination eingebüßt haben. Stimmt der Eindruck?
Da sollte man von Verein zu Verein differenzieren. Wir verschließen uns generell keinem Markt, aber es stimmt: Mainz 05 hat sich auch vor meiner Zeit nicht unbedingt auf dem brasilianischen Markt bedient. Unser Anspruch ist zunächst, einen Spieler aus Deutschland zu verpflichten, aber das wird immer schwieriger, weil wir im direkten Vergleich mit wirtschaftlich stärkeren Klubs dann selbst bei Top-Zweitligaspielern finanziell nicht mithalten können.
 
Und deshalb kaufen Sie lieber in Frankreich ein? 
Wir sind von gewissen Märkten – und da gehört Frankreich dazu – einfach überzeugt. Wir haben da ein sehr gutes Gefühl, dasselbe gilt für Spanien, weil es sehr gut ausgebildete Spieler gibt, die zum einen bei uns den Weg für eine Weiterentwicklung sehen, aber zum anderen sich auch sagen: ‚Ich hätte woanders vielleicht mehr verdient, fühle mich da aber wohler‘.
 
Mit Jean-Philippe Mateta und Moussa Niakhaté kommen zwei ihrer Toptransfers aus der Weltmeisterliga, mit dem nach Dortmund verkauften Abdou Diallo und dem umworbenen Jean-Philippe Gbamin haben sie prima Erfahrungen gemacht. 
Für mich war dieser Markt schon seit längeren interessant, weil mir die Spielertypen gefallen. Die Franzosen haben sich auf die Hinterbeine gestellt, als sie nur die Fersen von vielen Nationen gesehen haben. Sie haben den breiten Zufluss durch die Kolonialstaaten in ihrer Jugend genutzt, um ganz konzentriert in den Stützpunkten zu arbeiten. In allen U-Nationalmannschaften Frankreichs steckt enorme Qualität. Dazu kommt eine natürliche Stärke durch ihre Athletik und Robustheit. Das gilt selbst für die Reservisten mancher Erstligisten.
 
Deutsche Talente sind hingegen rarer geworden?
Teilweise. Und diejenigen, die uns weiterhelfen würden, sind für uns zu teuer. Das muss man klipp und klar so sagen. Von der Ablöse könnten wir es theoretisch sogar stemmen, aber das Gehalt ist das Problem. Da zerbricht man schnell das eigene Gehaltsgefüge.

Bereitet Ihnen die rasante Verteuerung auf dem Transfermarkt Bauchschmerzen? Da werden sieben und acht Millionen Euro Ablöse für 21-Jährige aufgerufen und Sie bekommen nicht mal Nationalspieler für das Geld. 
Das ist der Markt. Und wenn wir in der Bundesliga spielen wollen, müssen wir in diesem Markt mitspielen. Dabei haben sich die Schwellen verschoben: Spieler, die vor zwei, drei Jahren zweieinhalb Millionen gekostet haben, kosten jetzt fünf Millionen. Und bei dem für fünf Millionen werden heute acht aufgerufen. Die Spirale dreht sich nach oben. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir auch investieren, was so wie wir es im Sommer bewiesen getan haben. Wir setzen auf Profis, die noch einiges an Potenzial mitbringen, und sind uns darüber bewusst, dass die Entwicklung bei dem einen oder anderen Spieler auch mal nicht wie geplant funktionieren kann. Philipp Mwene (ablösefrei vom 1. FC Kaiserslautern, Anm. d. Red.) war mit 24 Jahren unser ältester Neuzugang, die anderen stammen aus den Jahrgängen 95, 96 und 97. Trotzdem fühlen wir uns mit der Gesamtstruktur des Kaders nach der Vorbereitung und dem Pokal sehr wohl. Wir werden uns auch von verfrühten Bewertungen nicht unter Druck setzen lassen.
 
Aber noch mal zur Preistreiberei: Sie haben also keine Möglichkeit grundsätzlich aus dem Pokerspiel auszusteigen?
Ich glaube, dass wir für eine gewisse Qualität einfach bezahlen müssen. Und die abgebenden Vereine gehen nicht ans Telefon und sagen: ‚Die armen Mainzer, denen kommen wir mal entgegen‘. Wer zehn Jahre Bundesliga am Stück spielt, wird auf dem Markt als vollwertiges Mitglied angesehen. Das wollen wir übrigens auch. Dann ist es ein ganz normaler Prozess, dass wir nach gewissen Ablösen gefragt werden – ohne, dass wir deswegen alles mitmachen.
 
Aber wenn vor zwei Jahren der Präsident des FC Metz für seinen 22 Jahre alten Innenverteidiger am Telefon acht Millionen Euro verlangt hätte, hätten Sie doch sofort wieder aufgelegt.
Ja, weil wir das Budget einhalten müssen. In diesem Sommer hatten wir eine besondere Situation (durch den Verkauf von Abdou Diallo für 28 Millionen zu Borussia Dortmund, Anm. d. Red), dass wir auch mehr ausgeben konnten.

Und Sie konnten beim noch höher taxierten Mega-Angebot für Gbamin sogar Nein sagen. 
Das war ein Kompliment für den Gesamtverein, bei solch einem Angebot den Spieler nicht gehen zu lassen. Das war ein Statement und auch ein Signal für Mainz 05: Wir hätten einen gut integrierten, ganz wichtigen Spieler auf der Sechser Position verloren. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass wir mit dem Geld für Gbamin nicht glücklich geworden wären.
 
Wer aus der Vogelperspektive draufschaut, könnte den Eindruck gewinnen, dass Heribert Bruchhagen Recht behält mit seiner These, dass die Flut alle Boote hebt?
Ja, trotz allem sollte man immer einen Anker im Boot haben! Was ich sagen will: Wir können uns mit nach oben entwickeln, müssen aber bodenständig bleiben. Gerade hier in Mainz.


 
Ihr nächster Rekordtransfer könnte 2019 der von Espanyol ausgeliehene Linksverteidiger Aaron Martín Caricol werden, bei dem einen Kaufoption vereinbart ist. Sie sehen in ihm einen kommenden spanischen A-Nationalspieler. Wieso verirrt so einer sich nach Mainz?
Seine Verpflichtung war ein begleitender Prozess von mehreren Monaten. Man sieht bei ihm runde Abläufe, gute Technik, schnelle Passfolgen – aber er muss körperlich zulegen. Wir haben ihn zum richtigen Zeitpunkt an die Strippe bekommen, und Spieler und Management sind stabil geblieben, als es andere Angebote gab. Bei ihm muss der erste Schritt ins Ausland sitzen, um seine Karriere jetzt anzuschieben. Er kann sich bei uns in aller Ruhe integrieren und akklimatisieren und muss keine Angst haben, dass wir Stoppschilder aufstellen, wenn er sich entsprechend weiterentwickelt.

Haben Sie in den Verhandlungen registriert, dass das Ansehen der Bundesliga durch die WM gelitten hat?
Nein.
 
Klare Aussage.
Die Bundesliga hat durch die WM nicht an Attraktivität verloren. Das ist meine Erfahrung aus den Gesprächen, aber auch mein eigenes Gefühl.
 
Endzeitszenarien wie sie Stefan Effenberg entwirft, sind also fehl am Platze?
Das sind plakative Aussagen, die jetzt erst einmal im Raum stehen. Und sicherlich werden die Sinne geschärft. Nochmal: Wir haben ein gutes Niveau und Jahr für Jahr gute Spieler, die in unsere Liga kommen. Natürlich wissen wir, dass die Primera Division eine herausragende Arbeit macht und aus meiner Sicht zu unrecht im Schatten der Premier League steht. Vielleicht kam dieser Schuss vor den Bug zur rechten Zeit, weil uns klar wird, dass wir nicht der Nabel der Welt sind. 
 
Haben Sie sich eigentlich in die WM-Aufarbeitung in irgendeiner Form eingebracht? Zehn Klubmanager waren immerhin am Dienstag dabei, als Bundestrainer Joachim Löw zum Gipfeltreffen in die DFL-Zentrale kam.
Ich habe genügend Aufgaben vor Ort zu erledigen und volles Vertrauen in die Verantwortlichen. Es wird wieder bessere Momente bei der Nationalmannschaft geben, und wir werden wieder zu alter Stärke zurückfinden. Der Hunger und die Gier müssen wiederkommen. Ich bin wie jeder deutsche Fan enttäuscht gewesen, aber das gehört zum Sport eben auch dazu. Um alles komplett zu hinterfragen – von der Vorbereitung bis zur Nachbereitung – war es sicherlich gar nicht verkehrt, dass wir nach der Vorrunde Letzter waren. Aber ich bin nicht so gestrickt, dass ich da jetzt öffentliche Ratschläge erteile.
 
Interview: Frank Hellmann

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