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Der Mainzer Vorstand Jan Lehmann (links) und Projektentwickler Matthias Willenbacher.

Soziales Engagement

Mehr als nur Fußball

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St. Pauli-Manager Andreas Rettig fordert ein neues Denken und Handeln im Profifußball über den Rasen hinaus, und Mainz 05 zeigt sich dabei besonders aufgeschlossen.

Sportlich hat die Fußballabteilung von Mainz 05 in dieser gerade angelaufenen Bundesligasaison bislang stabil Tristesse verbreitet: letzter Platz mit null Punkten und 2:12 Toren auf dem Konto vor dem Kellerduell mit dem Vorletzten Hertha BSC am Samstag (15.30 Uhr). Schlechter mit noch betrüblicherer Tordifferenz waren in fünfeinhalb Jahrzehnten Bundesliga nach drei Spieltagen historisch nur der Karlsruher SC 1963 und Fortuna Düsseldorf 1986. Der KSC rettete sich, die Fortuna stieg ab.

Im operativen Kerngeschäft könnte es also kaum unangenehmer zugehen für Mainz 05. Strategisch dagegen stellen sich die Rheinhessen gerade auf einem breiteren Feld zukunftsträchtig auf. Sie werkeln fleißig daran, ihren ohnehin schon guten Ruf auf den Gebieten Nachhaltigkeit und soziales Engagement weiter aufzupolieren – und handeln damit in einer Art Vorbildfunktion für die Fußball-Bundesliga. Jedenfalls für jenen Teil der Vereine, die nicht nur aus Marketinggründen über das Rasengeviert hinausdenken. Alle Bundesligisten engagieren sich zwar mit unterschiedlicher Hingabe in eigenen Initiativen oder über die DFL-Stiftung für gute Zwecke. Aber reicht das? Sollte nicht mehr Druck auf den Kessel kommen? Und noch mehr Überzeugung?

Findet Andreas Rettig durchaus. Gerade erst hat der am Monatsende scheidende Geschäftsführer des FC St. Pauli bei einem Fußballkongress in Hamburg seine Idee einer verantwortungsvollen Vereinspolitik formuliert und dabei auch das auf wirtschaftliche Kennzahlen, Organisations- und Sicherheitsfragen ausgerichtete Lizenzierungsverfahren der Deutschen Fußball-Liga kritisiert. Rettig glaubt, die DFL sollte weniger hinter der Premier League herhecheln, die Engländer seien finanziell ohnehin uneinholbar weit weg: „Wir sollten lieber eine andere DNA des Profifußballs in Deutschland entwickeln: nachhaltigste, sozialste, emotionalste, fannahste Liga der Welt.“ Denn der langjährige Bundesligamanager fürchtet: „Wir sind dabei, die Generation Z, die unter 23-Jährigen, zu verlieren. Viele Fans entfremden sich emotional vom Profifußball.“

Allen voran Mainz 05 hat eine solche Entwicklung zuletzt besonders unangenehm zu spüren bekommen, die durchschnittliche Besucherzahl pro Heimspiel ist zuletzt stetig gesunken, von 32 143 in der Eröffnungssaison der neuen Arena im Spieljahr 2011/12 auf 26 111 in der vergangenen Spielzeit. Ein schmerzlicher Rückgang um 20 Prozent, den in dieser Form kein anderer Bundesligist erleben musste.

Die Nullfünfer wollen dem nicht tatenlos zusehen. „Mainz 05 ist der Leuchtturm des Sports in Mainz und Rheinland-Pfalz“, sagt Präsident Stefan Hofmann, „das wollen wir nutzen, auch andere Felder zu bespielen“ – und so gleichzeitig das eigene Image zu stärken.

So hat der 05-Vorstand entschieden, den globalen Klimastreik der „Fridays for Future“-Bewegung am 20. September aktiv zu unterstützen. Diejenigen 05-Mitarbeiter, die nicht beim Spiel am selben Abend bei Schalke 04 benötigt werden, bekommen für die Teilnahme an „Fridays for Future“-Kundgebungen frei. „Mainz 05 setzt sich in seinen Projekten und Partnerschaften für Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein. Daher unterstützen wir ausdrücklich die Ziele von Fridays for Future“, sagt Vorstand Jan Lehmann und ergänzt: „Bei uns ist das Bewusstsein da, nicht nur Fußball zu spielen, sondern auch eine gesellschaftliche Rolle zu spielen.“

Das ist eine Geisteshaltung, die der Noch-St.Paulianer Rettig gut findet und die der Zweitligist auch offiziell bei der DFL schriftlich hinterlegt hat als Vorschlag zum Umdenken und Umsteuern. Rettigs Fundamentalkritik: Zwar würde man sich in der Liga „Gedanken um ausreichend Medienarbeitsplätze und um die richtige Lux-Zahl der Fluchtlichtmasten“ machen, „aber wir fragen nicht, ob es genügend Elektro-Ladestationen im Stadion gibt, ob wir Solardächer haben und was am Ende des Spieltags mit den Lebensmitteln aus den VIP-Räumen passiert.“ Es gäbe „tausend Themen, und ich sage: Es ist an der Zeit, dass das mal jemanden interessiert.“

Mainz 05 ist interessiert, ähnlich wie in der ersten Liga im Besonderen noch die TSG Hoffenheim und Werder Bremen. Die Nullfünfer haben sich schon vor geraumer Zeit mit ihrer leistungsstarken Solaranlage auf dem Stadiondach zum ersten klimaneutralen Verein der Bundesliga ernannt und an der Arena vier Bienenvölker angesiedelt.

Zum Heimauftakt haben sie zudem eine „Gründerloge“ in ihrer Arena eingeweiht. Das Ziel: Startup-Unternehmen vor allem aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz eine Plattform zu bieten, auf der die jungen Firmen sich potenziellen Investoren präsentieren und ein Netzwerk bilden können. „Damit wollen wir Vorreiter sein“, sagt Klubchef Hofmann.

Der Verein ist dazu in diesem Sommer eine Kooperation mit Matthias Willenbacher und dessen Crowdfunding-Plattform Wiwin eingegangen. Überzeugungstäter Willenbacher ist seit Jahrzehnten als Projektentwickler für erneuerbare Energie tätig und hatte es dabei mit seiner Firma Juwi AG zwischenzeitlich zu einiger Berühmtheit gebracht. Er sagt: „Wir wollen Menschen motivieren, in nachhaltige Projekte zu investieren.“

05-Vorstand Jan Lehmann hofft, dass durch das Engagement des Klubs „die Gründerszene in Mainz mehr zusammenwächst“. Zukünftig kann er sich auch „Beteiligungen von Mainz 05 an Startups vorstellen“, so wie es Eintracht Frankfurt in der Digitalbranche bereits in ersten Schritten tut.

Ein Thema bei den Mainzern ist auch die Tatsache, dass nach Spielen im Businessbereich laut Lehmann „unheimlich viel Essen übrigbleibt“. Denn die Erwartungshaltung der zahlenden Gäste ist: Das Buffet darf niemals auch nur annähernd leergeräumt sein. Also wird mehr vorbereitet, als jemals konsumiert wird. „Wir haben wahnsinnig viel Energie aufgewendet, übriggebliebenes Essen der Pfarrer-Landvogt-Hilfe e.V. zur Verfügung zu stellen“, berichtet Lehmann. Der Verein, der den Menschen am Rande der Gesellschaft unterstützt, verteilt die Reste vom Buffet an Bedürftige.

Raphael Fellmer, als Aktivist gegen den Überfluss in der Konsumgesellschaft erster Gast in der Mainzer Gründerloge, hofft, „dass in den nächsten zwei Jahren alle Bundesligisten nachziehen“. Und so ein Zeichen dagegen setzen, „dass jedes Jahr Lebensmittel im Wert von 1200 Milliarden Dollar weggeworfen werden“. Ein Thema, das auch Fans der Bundesliga, abseits vom Punktesammeln, berühren könnte.

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