Jeffrey Bruma (l) und Ridle Baku von Mainz wirken ratlos.
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Jeffrey Bruma (l) und Ridle Baku von Mainz wirken ratlos.

FSV Mainz 05

Mainz 05: Die Mängelliste

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Zu ungestüm, zu unstrukturiert, zu unerfahren: Vor dem Nachbarschaftsduell in Frankfurt vergrößern sich die Sorgen bei Mainz 05.

Über die Mainzelmännchen-Tribüne, wie in Mainz die Gegengerade wirklich heißt, ist im Geisterspiel-Betrieb ein riesiges Banner gespannt. „Mainz bleibt. Mainz“ steht in weißen Buchstaben auf rotem Stoff. Wer allerdings aus der Botschaft ableitet, dass der FSV Mainz 05 auch die zwölfte Saison hintereinander in der Bundesliga bleibt, könnte irren. Nur zwei magere Punkte sind seit der Wiederaufnahme dieser Saison auf die Habenseite gewandert, was zu wenig ist, um sorgenfrei auf die Zielgerade einzubiegen. Zumal noch Auswärtsspiele bei den Champions-League-Kandidaten Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen anstehen, die nicht besonders ertragreich scheinen.

Naheliegender ist – auch was die Erfolgsaussichten betrifft – der nächste Auftritt bei Eintracht Frankfurt am kommenden Samstag. Sportvorstand Rouven Schröder wollte sich nach der 0:1-Heimniederlage gegen die TSG Hoffenheim nicht lange damit aufhalten, dass Bälle an den Innenpfosten geprallt waren (Freistoß Robin Quaison) oder Schiedsrichter Sascha Stegemann keinen Elfmeter verhängt hatte (als TSG-Torwart Oliver Baumann an der Außenlinie in Taiwo Awoniyi rutschte). „Wir können nicht nach Hause gehen uns sagen, wir hätten jetzt eventuell das 1:1 schießen können oder eine Fehlentscheidung ist gefallen“, sagte Schröder. „Es wird noch schwieriger, wenn wir jetzt den Kopf hängen lassen. Noch ist niemand abgestiegen. Wir stehen noch über dem Strich, es wird aber immer enger.“

Wegweisende Partie in Frankfurt

Die nächste Ausfahrt, A3 Frankfurt-Süd, Richtung Stadion/Sportverbände, wird einen Wegweiser für den weiteren Saisonverlauf setzen: Entweder landet das Ensemble beim Nachbarn einen Befreiungsschlag oder es schleppt noch mehr Ballast ins nächste Heimspiel gegen den Mitkonkurrenten FC Augsburg (14. Juni). Dass die Mainzer Lage mitten in der Corona-Krise ziemlich misslich geworden, hat auch mit der Kaderstruktur zu tun. Schröder lockt mit Vorliebe junge französische, spanische oder niederländische Profis in die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, damit sich diese an einem mit viel Geduld ausgestatteten Standort weiterentwickeln. In Gefahr gerät das Ganze immer dann, wenn in der Mannschaft irgendwann das Gleichgewicht nicht mehr stimmt. Dass zu viel jugendliche Unbekümmertheit nicht weiterhilft, war gegen einen Gegner wie Hoffenheim, obwohl stark ersatzgeschwächt, gut zu besichtigen. Trotz aller Leidenschaft wirkte der Vortrag unreif, weil zu ungestüm und unstrukturiert. Kein Wunder: Die Startelf, in der Eigengewächse wie Ridle Baku, 22 und Leandro Barreiro, 20 standen, hatte ein Durchschnittsalter von 23,8 Jahren. Die Kapitänsbinde trug Moussa Niakhaté, 24, der erst Linksverteidiger, dann Innenverteidiger spielte, weil die Hereinnahme von Alexander Hack die brüchige Abwehr eben auch nicht stabilisierte. Erst verschuldete der hüftsteife 1,93-Meter-Mann einen Elfmeter, den Torwart Florian Müller famos hielt (27.), dann das Gegentor von Ihlas Bebou (43.). Eingedenk der wiederholt auftretenden Abwehrschwächen nützt auch die beste Mentalität wenig.

Daniel Brosinski spielt keine Rolle mehr

Es verwundert daher, dass der furchtlose Fußballlehrer Achim Beierlorzer („Angst habe ich überhaupt keine, weil sie kein guter Ratgeber ist“) für den etatmäßigen Kapitän Daniel Brosinski keine Verwendung mehr hat, obwohl der 31-Jährige sowohl rechter als auch linker Außenverteidiger spielen kann und eine gewisse Verlässlichkeit verkörpert. Eine verbale Stütze ist der gebürtige Karlsruher ohnehin: Er hat als einziger in diesem Verein seit 2014 alle Höhen und Tiefen durchlebt. Allenfalls noch mal eingewechselt zu werden, sei für ihn eine „neue Situation“, sagte Brosinski. Der Routinier will mehr als nur Reservist sein.

In der Hierarchie ist einiges durcheinandergeraten, seit der Wortführer Stefan Bell im Vorjahr in einer ähnlichen Situation unter Sandro Schwarz aus Leistungsgründen seinen Stammplatz verlor. Nachfolger Beierlorzer hat indes auf eine Grundsatzdebatte über den Mangel an Führungsfiguren für den Abstiegskampf mal gar keine Lust. „Das lasse ich einfach nicht gelten. Es gibt Spieler, die es gut machen und die es nicht gut machen“, beschied der Pädagoge im Stile des strengen Klassenlehrers, der vor versammelter Klasse eine Belehrung hält: „Es gibt jetzt gar keine Diskussion mehr, was ein Spieler für ein Typ Spieler ist. Es geht nur noch darum, Leistung abzurufen. Wir brauchen Punkte.“ Sonst bleibt Mainz zwar Mainz, aber nicht in der Bundesliga.

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