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Mainzer Glückseligkeit: Torschütze Pierre Kunde Malong (links) jubelt mit Jean-Paul Boetius. 

Mainz 05

Einfach mal wachgeküsst

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Mit einer simplen taktischen Umstellung löst Achim Beierlorzer die Blockaden beim FSV Mainz 05. Jetzt will er gegen Eintracht Frankfurt nachlegen.

Vermutlich haben die glücklichen Protagonisten des 1. FSV Mainz 05 am Sonntagabend gar nicht mitbekommen, welch passende akustische Untermalung ihnen die Stadionregie in Sinsheim bot. „Ist da jemand“, schepperte aus den Lautsprechern, als sich die Spieler mit ihrem neuen Trainer Achim Beierlorzer für einen unerwarteten Überraschungscoup, einen 5:1-Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim, abklatschten. Der einfühlsame Popsong von Adel Tawil fasste die Gemengelage der Gäste insofern gut zusammen, als darin das Lebensgefühl einer Generation besungen wird, deren Welt aus den Fugen geraten zu sein scheint. So ähnlich hatte sich das bei den Rheinhessen zuletzt auch angefühlt.

Mit mehreren missratenen Auftritten war die heile Fußball-Welt kaputt gegangen, in deren Folge der gebürtige Mainzer und ehemalige Profi Sandro Schwarz seinen Trainerjob verlor, obwohl ihn menschlich eigentlich alle dufte fanden. Woraufhin Sportvorstand Rouven Schröder auf die Idee kam, als Nachfolger den beim 1. FC Köln nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Hoffenheim entlassenen Fußballlehrer Beierlorzer zu verpflichten. Und jetzt ist da jemand, der mit Blickrichtung auf das Derby gegen Eintracht Frankfurt am kommenden Montag frohgemut verkünden konnte, man wolle „nachlegen“.

Zum Debüt hatte der kernige Franke mit der klaren Stimme kleine Handgriffe mit großer Wirkung vorgenommen. Eine Dreierkette half, den wackligen Defensivverbund zu stabilisieren. Zudem tauchten weder Kapitän Danny Latza noch sein Stellvertreter Daniel Brosinski in der Startelf auf, weil beide in den krisenhaften Wochen viel zu viel mit sich selbst zu tun hatten. Die Binde trug dafür der junge Moussa Niakhaté, Führungskraft aus der frankophonen Fraktion, den das Mehr an Verantwortung zu beflügeln schien. Dass Beierlorzer direkt gegen denselben Gegner reüssierte, der ihn vor zwei Wochen um den Job brachte, bereicherte die Bundesliga um ein kurioses Kapitel. Oder wie Schröder sagte: „Im Endeffekt haben alle gespürt, dass Fußball manchmal nicht zu beschreiben ist. Wir lieben diesen Sport auch, weil manche Dinge nicht in Worte zu fassen sind.“

Der 44-Jährige versuchte es dann doch: Beierlorzer habe „Teamgedanke, Mut und Leidenschaft“ belebt. Und: „Durch den neuen Trainer war der Konkurrenzkampf neu entbrannt.“ Aber insgesamt war beim Fünferpack im Kraichgau fast alles für die Nullfünfer gelaufen. Schröder registrierte mit Wohlgefallen, dass Beierlorzer jede Verklärung seines Wirkens fern lag und die Verdienste seines Vorgängers Schwarz würdigte: „Die Arbeit wurde vorher gemacht. Ich bin erst gut eine Woche da.“ Er vergaß auch keinesfalls zu erwähnen, dass das Matchglück – symbolisch beim kuriosen Kopfball-Eigentor von Pavel Kaderabek zum 0:2 (52.) zu besichtigen – auf seiner Seite stand. „Mit Köln bekommen wir in der 98. Minute einen Elfmeter gegen uns“, erinnerte sich der 52-Jährige an gegensätzliche Verläufe, als er noch rheinabwärts coachte. „Die Charakteristik eines Fußballspiels“, sinnierte er, „ist nicht vorhersehbar“.

Mainz wirkte wie wachgeküsst – und bestach beim höchsten Saisonsieg mit Effizienz. Beierlorzer lobte zu Recht die „sensationelle Disziplin und klasse Umschaltmomente“. Nach dem 1:0 durch den zum Rechtsverteidiger umfunktionierten Levin Öztunali (33.) folgten selbst in Unterzahl noch weitere blitzsaubere Kontertore. Der zu Recht von Schiedsrichter Bastian Dankert nachträglich mit Rot geahndete Tritt von Ridle Baku gegen Nationalspieler Sebastian Rudy (45.+2) blieb damit folgenlos. „Er wollte ein Zeichen setzen, aber das darf nicht sein, dass man so gegen den Fuß des Gegners geht“, räumte Beierlorzer ein. Der Platzverweis sei korrekt gewesen. Baku wurde gestern zwei Ligaspiele gesperrt.

Beierlorzers Team fing den Ausfall im Kollektiv ohne Wehklagen auf, weil sich auf einmal viele Stützen zeigten. Der überragende Taktgeber Jean-Paul Boetius, der beim vierten Treffer halb Hoffenheim austrickste (90.), der bienenfleißige Stürmer Karim Onisiwo, der dynamische Doppeltorschützen Kunde Pierre Malong (62. und 90.+3), der bärenstarke Abwehrchef Jeremiah St. Juste oder der tüchtige Tormann Robin Zentner, der mit katzenhafter Gewandtheit bei kräftiger Statur verblüffte: Sie könnten die Gesichter des Aufschwungs werden. Damit wäre auch die aufkeimende Kritik an der Kaderzusammenstellung gekontert, die Schröder nicht geschmeckt haben kann. Der gebürtige Sauerländer stellte ohne rechthaberischen Unterton fest: „Man sieht, dass bei uns Potenzial drin steckt. Das heißt aber auch, es dauerhaft abzurufen. Deshalb ist der Anspruch fürs nächste Heimspiel gegen Frankfurt enorm hoch.“ Damit hat er seinem Trainer auch gleich einen Auftrag übermittelt.

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