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Dramatischer Klassenerhalt mit Verspätung

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Von: Jan Christian Müller

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Pablo de Blasis bejubelt seinen Treffer.
Pablo de Blasis bejubelt seinen Treffer. © rtr

Mainz 05 liegt gegen die Frankfurter Eintracht schon 0:2 zurück, gewinnt noch 4:2 und muss dann eine halbe Stunde lang auf den Ausgang der Partie in Wolfsburg warten, ehe alle Dämme brechen.

Der Mainzer Trainer Martin Schmidt ist am Samstagabend aus den Interviews gar nicht mehr rausgekommen. Es hatte ein Drama gegeben, erst im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, dann in der halbstündigen Wartezeit, ehe die Partie in Wolfsburg beendet war, wo es in der 79. Minute wegen eines Unwetters eine Unterbrechung gegeben hatte.

Erst, als um 17.51 Uhr feststand,  dass der VfL Wolfsburg nur 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach gespielt hatte und die Mainzer nach ihrem 4:2 nach 0:2-Rückstand gegen Eintracht Frankfurt somit den Klassenerhalt geschafft hatten, brachen alle Dämme, tausende Fans kletterten über den Zaun und rannten vor Freude aufs Spielfeld, und am Ende, als die letzten Anhänger noch vorm Spielertunnel „Oh wie ist das schön“ sangen, sagte der Trainer: „Mir ist  sehr viel von den Schultern abgefallen, aber ich glaube, noch mehr den Spielern und den Vereinsverantwortlichen für die Finanzen.“

Denn ein möglicher Abstieg am letzten Spieltag in Köln, der nun nur bei einer Niederlage mit mehr als neun Toren in der Domstadt theoretisch möglich ist, hätte den Nullfünfer mal eben rund 30 Millionen Euro gekostet.

Dass es soweit nicht kommen wird, haben die Rheinhessen weniger ihrer Qualität, als vielmehr ihrer Mentalität zu verdanken. Denn nachdem Eintracht Frankfurt kurz nach der Pause 2:0 in Führung gegangen war, schien für einen Moment auch der Glaube, dieses Spiel noch wieder drehen zu können, verloren gegangen zu sein. „Da“, gab Schmidt hinterher zu, habe ich gedacht: ,Oh mein Gott….´“ Aber dann rannte Mittelstürmer Jhon Cordoba, aus sehr abseitsverdächtiger Position allerdings,  gegen die aufgerückte Frankfurter Abwehr plötzlich und unerwartet alleine auf das Eintracht-Tor zu, und der Kolumbianer schoss das 1:2 in der 60. Minute.

Zwei Minuten später machte Kapitän Stefan Bell per Kopf das 2:2, in der 76. Minute traf der eingewechselte Japaner Yoshinori Muto zum 3:2, ebenfalls per Kopf nach einer Klasseflanke von Bojan Krkic, der sein mit Abstand bestes Spiel für Mainz 05 machte. „Und dann war es nur noch die pure Ekstase“, wie Sportdirektor  Rouven Schröder später am Abend bei einem kühlen Pils beschied.

Zuvor, gab Schröder zu, sei ihm so einiges durch den Kopf gegangen, „es war grausam“. Das Szenario, dass es im letzten Spiel bei Europa-League-Anwärter Köln um alles gehen würde, war beileibe kein schönes. Und auch nach dem 4:2 in der Schlussminute durch einen an Muto verursachten Strafstoß von Pablo de Blasis war noch nicht klar, ob die Mainzer nun gerettet sein würden.

„Wir hatten dann die Information, dass Schalke das 2:1 gegen den HSV gemacht hat“, berichtete Schröder, „aber ich habe dann weitergegeben, dass es noch keinen Grund gibt, vor Freude in die Knie zu gehen.“ Bald stellte sich heraus, dass der Treffer in Gelsenkirchen nicht zählte und der HSV die Mainer somit noch einholen könnte. Und dann begann das lange Warten auf dem Platz.

Zittern nach dem Spiel

Manche Spieler telefonierten mit ihren Frauen, die vor dem Fernseher daheim saßen, einige Assistenztrainer schauten die letzten Minuten der Partie in Wolfsburg am TV in der Kabine, Schmidt und Schröder blieben mit der Mannschaft draußen auf dem Feld. „Wir haben dann auch entschieden, das Spiel aus Wolfsburg nicht über die Videowände laufen zu lassen“, erläuterte Schröder, „wir haben dabei an die Meister der Herzen aus Schalke gedacht. Eine ähnliche Situation wie damals wollten wir vermeiden.“

Aber dank der modernen Kommunikationsmittel und dank einer W-Lan-Leitung, die Mainz 05 eigens für den Bereich der Ersatzbänke eingerichtet hat und die schon während des Spiels viel stabiler war als irgendwo anders im ausverkauften Stadion, waren alle miteinander in Echtzeit über das Geschehen in Wolfsburg informiert. Innenverteidiger Leon Balogun berichtete später, wie er während der Wartezeit seine Mitspieler beruhigt hatte: „Das ist wie auf den Zug warten, er kommt vielleicht zu spät, aber er kommt!“

Und dann tanzten sie wie die Kinder im Kreis herum, der Präsident Harald Strutz nach seinem letzten Heimspiel als amtierender Klubchef  nach fast drei Jahrzehnten Amtszeit mittendrin. Das waren schöne Bilder für alle, die Mainz 05 mögen. „Was wir hier miteinander erreicht haben, ist größer als die Euro-League-Qualifikation in der vergangenen Saison“, befand Schmidt. „Ich hatte dem Team schon vorher gesagt: ,Wenn wir das schaffen, gibt es eine größere Feier als letztes Jahr.´“ Und ganz egal, wie groß die Feier dann ausfiel, alle miteinander waren sich einig, wie Balogun zusammenfasste: „10:0  in Köln verlieren wir nicht, es sei denn, wir sind dann noch alle besoffen, aber das werden wir nicht sein.“

Mainz 05 ist es damit hauchdünn gelungen, seit dem Wiederaufstieg 2009 kein einziges Mal auf einem Relegations- oder Abstiegsplatz gestanden zu haben. Aber so knapp wie in dieser Saison mit dem personell besten Kader, den der Klub wohl je beisammen hatte, zudem in einer Spielzeit, in der die Mannschaft von großen Verletzungen weitgehend verschont blieb und am Ende tatsächlich fast alle Spieler beisammen hatte, ist es noch nie gewesen.

Entsprechend viel Gesprächsbedarf für die Zukunft gibt es nun. Martin Schmidt geht fest davon aus, dass er seinen Vertrag bis 2018 nunmehr erfüllen wird. „Wir haben schon in den vergangenen Wochen parallel im Hintergrund für die Zukunft geplant. Das werden wir jetzt verstärkt angehen.“

Und der gerade 50-Jährige  räumte ehrlich ein, wie schwierig die vergangenen Wochen auch für ihn persönlich gewesen sind: „Da dieses Zittern, dieses Unwohlsein mit Bauchschmerzen, es zerreißt dich fast.“ Er habe jedoch immer darauf geachtet, bei sich zu bleiben: „Ich bin kein einziges Mal laut geworden gegenüber der Mannschaft. Dieses Team funktioniert nur, indem man ihm Vertrauen gibt.“ Dieses Vertrauen habe er umso überzeugender weitergeben können, nachdem auch Sportchef Schröder ihm Mitte April nach einem 0:1 in Freiburg öffentlich das Vertrauen für den Rest der Saison ausgesprochen habe. 

Schröder seinerseits brachte seine Hoffnung  zum Ausdruck, dass dieses gemeinsam Erlebte, gerade im schon verloren geglaubten Spiel gegen die Frankfurter Eintracht, dem in dieser Saison nicht nur auf dem Fußballplatz arg gebeutelten Verein Kraft für die Zukunft geben kann. „Wir brauchen eine Aufbruchstimmung. Es kommen jetzt neue Gesichter. Diese Begeisterung, die wir heute erlebt haben, da müssen wir wieder hinkommen.“ Nicht nur einmal im Jahr.

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