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Sandro Schwarz in Frankfurt.
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Sandro Schwarz in Frankfurt.

Ex-Trainer

„Der Rauswurf war überflüssig“

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Sandro Schwarz über fehlendes Vertrauen beim FSV Mainz 05, seine Liebe zu Frankfurt, sein Aha-Erlebnis auf dem Roten Platz in Moskau und die Abende im Dynamo-Trainingszentrum.

Sandro Schwarz kommt vorbildlich mit FFP-2-Maske über Mund und Nase zum Termin an den Holbeinsteg. Der Schneeregen hört pünktlich auf und fängt nach dem anderthalbstündigen Spaziergang am Main erst wieder an. Seit Oktober ist er Cheftrainer des russischen Erstligisten Dynamo Moskau – bisherige Bilanz: vier Siege, ein Unentschieden, drei Niederlagen, Platz sechs. Zum Weihnachtsurlaub kehrte der 42-Jährige erstmals zu Frau und den beiden kleinen Kindern nach Frankfurt und zu den Eltern nach Mainz zurück. Am Montag düst Schwarz direkt ins dreieinhalbwöchige Trainingslager in die Türkei nach Belek. Die russische Winterpause endet erst am 20. Februar.

Herr Schwarz, dort drüben die Skyline, hier gleich der Main. Fühlen Sie sich als gebürtiger Mainzer und Wahl-Moskauer zumindest ein bisschen zu Hause in Frankfurt?

Absolut! Sogar mehr als nur ein bisschen.

Sie wohnen in Sachsenhausen. Was, außer Frau, fünfjährigem Sohn und dreijähriger Tochter, lieben Sie noch in Frankfurt?

Frankfurt ist ein Stück weit Heimat geworden. Wir sind mit den Kindern oft oben am Goetheturm auf dem Spielplatz.

Was ist in Mainz besser als in Frankfurt?

Ich will lieber nicht vergleichen. Mainz ist meine Geburtsstadt, dort wohnen die Eltern, dort bin ich aufgewachsen. Aber auch dort gibt es Ecken, wo man im Dunkeln lieber nicht unterwegs sein sollte (lacht).

Sie sind gerade im Urlaub aus Moskau hier, die Familie ist sonst mehr als 2000 Kilometer weit weg. Ist das Nomadenleben ein Zukunftsprojekt für einen Fußballtrainer?

Für mich ist es die erste Erfahrung mit einer solchen Entfernung. Ich vermisse die Familie manchmal schon sehr. Aber jetzt wollte ich raus und bin erst mal allein nach Moskau übergesiedelt. Die Kinder sind ja noch nicht schulpflichtig, wir sind also noch sehr flexibel – jedenfalls, sobald Corona überstanden ist.

Sie wohnen auf dem Trainingsgelände von Dynamo Moskau zehn Kilometer außerhalb der Stadt. Klingt verdächtig nach der Gefahr von Lagerkoller.

Gar nicht! Es fühlt sich völlig anders an. Nicht nur ich, sondern auch die Spieler sind in einer riesigen Trainingsbase untergebracht. Jeder hat sein Apartment dort. Es gibt viele Sportangebote, ich gehe regelmäßig schwimmen. Es gibt sogar eine Bücherei. Man läuft sich immer mal wieder über den Weg, etwa abends in der Kantine. Ich lerne manchen Spieler dort noch mal ganz anders kennen.

Im Zentrum von Moskau sind Sie sicher eher selten?

Man fährt, wenn viel Verkehr ist, statt 30 Minuten zwei Stunden in die Stadt. Ich war zweimal da: einmal zum Frisör und einmal zum Besuch des Roten Platzes. Wenn du dort stehst und dich umschaust, weißt du, dass du ein Trainer in einer Weltstadt bist.

Wie gehen die Menschen in Russlands Hauptstadt mit der Corona-Pandemie um?

Ähnlich wie in Deutschland. Sie tragen Maske und halten Abstand, es ist wenig Betrieb, es gibt kein Nachtleben. Bei uns im Klub geht es sehr diszipliniert zu. Wir sind im Trainingszentrum unter uns und werden pro Woche fünfmal getestet. Die Kontrolle ist sehr strikt: Wer draußen war und wieder rein will, braucht einen Schnelltest.

Wie ist der Umgang mit den Medien bei Dynamo?

Persönlichen Kontakt zu russischen Journalisten hatte ich wegen der Corona-Bedingungen noch nicht. Es läuft alles über Videokonferenzen. Die Fragen sind sehr inhaltlich. Das finde ich gut.

In Mainz waren Sie praktisch für alle der Kumpel Sandro. Sogar für die meisten Journalisten.

Ich vermute im Umgang mit den Medien nicht hinter jedem Busch eine Gefahr. Und ich begegne den Menschen gern mit Respekt. Das wird für mich immer wichtig bleiben. Aber deshalb bin ich noch lange nicht der Kumpeltyp.

Das Image stört Sie? Sie fühlen sich in eine Schublade gesteckt?

Ein respektvoller und offener Umgang mit Menschen, mit denen ich viel zusammen bin, hat nichts damit zu tun, dass ich zu nett oder zu weich bin. Natürlich gibt es nicht nur für die Spieler auch klare Ansagen, wenn ich spüre, dass etwas falsch läuft. Anders geht es gar nicht.

Sie haben nach Ihrem Rauswurf in Mainz fast ein Jahr nicht gearbeitet. Haben Sie dabei Seiten an sich entdeckt, die Sie noch gar nicht kannten? Phasen der Traurigkeit zum Beispiel?

Solche Phasen hatte ich vor allem als Spieler nach meinen schweren Verletzungen. Und ja, ich habe auch nach der Beurlaubung in Mainz anfangs ein Gefühl der Traurigkeit und Enttäuschung in mir verspürt. Es war ein schmerzhaftes Erlebnis. Aber ich habe es mit etwas Abstand nicht mehr als Niederlage empfunden. Null! Und ich habe Kraft daraus gesaugt.

Im Frühjahr, nachdem Sie Ihre Erfahrungen als Cheftrainer von Mainz handschriftlich in einem Buch zusammengefasst hatten, sagten Sie selbstkritisch, Sie hätten mit der Mannschaft zu viel gewollt. Wie meinten Sie das?

Meine Ungeduld war größer als der Entwicklungsstand der Mannschaft. Ich habe die Situation nicht richtig erfühlt. Es wäre besser gewesen, uns auf die einfachen Dinge zu konzentrieren.

Sie wollten aus Mainz eine bessere Fußballmannschaft machen. Darauf hätten Sie verzichten sollen?

Natürlich nicht. Aber in dieser bestimmten Situation hätte ich den Schwerpunkt mehr auf Aggressivität gegen den Ball legen sollen als auf spielerische Lösungen. Die Ergebnisse hatten die Mannschaft verunsichert, der Schlüsselspieler Mateta war verletzt, da hätte ich eine andere Priorität setzen müssen.

In Mainz spielt fast identisch noch die Mannschaft, die Sie angeleitet haben. Sind Sie von der Entwicklung enttäuscht?

Enttäuscht wäre das falsche Wort. Ich kann Ihnen mit voller Überzeugung sagen, dass diese Mannschaft absolut in der Lage ist, ein Wir-Gefühl zu entwickeln und Bundesligaspiele zu gewinnen. Das ist in der Summe zwar keine ganz einfache, aber auch keine schwierige Mannschaft.

Würden Sie mit Abstand sagen: Ihr Rauswurf war überflüssig?

Ehrliche Antwort: Ja. Ich glaube, dass das mit der Entwicklung, die der Klub genommen hat, inzwischen nicht nur ich so empfinde. Aber ich habe deshalb keine Ressentiments mehr, es ist für mich gut so, wie es gekommen ist. Außerdem ist man im Rückblick immer schlauer.

In Mainz kommen gerade wieder viele alte Bekannte zusammen: Christian Heidel, Martin Schmidt, Bo Svensson.

Ja, und diese drei wissen, wie der Verein funktioniert. Ich hoffe, dass sich dann der eine oder andere im Klub wieder darauf besinnt, wie man miteinander umgehen sollte.

Der gerade zurückgetretene Sportvorstand Rouven Schröder hatte sich nach einer Heimniederlage gegen Union Berlin im November 2019 mit Ihrer Beurlaubung auch dem Druck aus Aufsichtsrat und Vorstand gebeugt.

Wenn die handelnden Personen, die seinerzeit schon da waren und jetzt noch da sind, …

… Aufsichtsratsboss Detlev Höhne, Vorstand Stefan Hofmann…

… vom Mainzer Weg sprechen, dann sollten sie sich erinnern, was Mainzer Weg bedeutet: schwierige Situationen gemeinsam zu meistern.

So wie es gleichzeitig Werder Bremen mit Florian Kohfeldt getan hat?

Schönes Beispiel. So geht es auch.

Bei Mainz 05 ist es ja nicht erst unruhig, seit Sie nicht mehr da sind. Wie haben Sie das empfunden?

Der Mainzer Weg wurde schon lange verlassen, nicht erst vor drei Wochen oder vor einem Jahr bei meiner Beurlaubung. Schon als ich im Sommer 2017 als Cheftrainer anfing, herrschte zum Teil eine riesige Unruhe und an manchen Stellen fehlendes gegenseitiges Vertrauen.

Es wurde ein neuer Präsident gewählt, der sich bald als hoffnungslos überfordert entpuppte. Es ging geraume Zeit ziemlich drunter und drüber.

Ich finde, wir haben das dann zumindest sportlich in eine vernünftige Bahn gelenkt.

Sie und Rouven Schröder?

Definitiv.

Können Sie Schröders Rücktritt nachvollziehen?

Nachvollziehen ja, bewerten nicht. Er hat in Mainz in einer schwierigen Zeit viel bewegt. Deshalb fand ich die Entwicklung einfach schade. Auch was mit Trainer Jan-Moritz Lichte passiert ist. Er war in der Öffentlichkeit schon gefühlt vier Tage lang beurlaubt und musste dann noch im DFB-Pokal an der Seitenlinie stehen. Als Trainer fühle ich da mit.

Samstag spielt Mainz gegen Eintracht Frankfurt. Schauen Sie sich das an oder wählen Sie die Konferenz?

Klar schaue ich das Einzelspiel Mainz gegen Frankfurt. Und ich bin sehr gespannt, wie die Mainzer gegen eine spielerisch sehr gut entwickelte Eintracht auftreten werden.

Was trauen Sie Mainz 05 noch zu nach der bisher völlig verkorksten Saison?

Ich traue Bo Svensson zu, dass er es mit dem Team hinkriegt. Im Abstiegskampf wird einiges davon abhängen, ob Mittelstürmer Jean-Philippe Mateta regelmäßig trifft. Der Junge ist im Grunde ein guter Kerl. Seine Tore sind wahrscheinlich unverzichtbar.

Interview: Jan Christian Müller

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