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Die Aufregerszene: Pierre Kunde Malong zeigt seinen Unmut, Achim Beierlorzer ist wenig erfreut. 

Fußball-Bundesliga

Beierlorzer lässt Milde walten

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Wie der Trainer des FSV Mainz 05 mit seinem Spieler Pierre Kunde Malong umgeht, der zur Unzeit den Handschlag verweigert. Im Abstiegskampf braucht es mehr Geschlossenheit.

Es kommt nicht alle Spieltage vor, dass ein Fußballprofi unverletzt bereits während der ersten Halbzeit vom Feld geholt wird. In der Regel geschieht das, weil bereits in der Anfangsphase so viel schiefgegangen ist, dass der Trainer entsprechende Konsequenzen zieht. Ein früh ausgewechselter Spieler kann das entweder dankbar als Erleichterung von ständiger Überforderung empfinden (selten) oder aber als besonders böse Demütigung (meistens). Denn die Bereitschaft zur Selbstkritik ist in derlei emotionalen Phasen eher gering. Im Fall des Mainzer Mittelfeldspielers Pierre Kunde Malong galt erwartungsgemäß also Letzteres. Die Episode erzählt die Geschichte des Spiels des FSV Mainz 05 beim 1:3 (1:3) gegen den FC Bayern.

Die strauchelnden Gastgeber lagen bereits nach 26 Minuten gegen den neuen Tabellenführer 0:3 zurück, Zweimal war der kurze Zeit später ausgewechselte 24-Jährige im Zentrum der Mitverantwortung. Einmal hatte er einen Ball in der Vorwärtsbewegung preisgegeben, einmal hatte er im Zweikampf mit dem Münchner Thiago als gedrungene Slalomstange gedient. Insgesamt war der Kameruner überhaupt nicht ins Spiel gekommen. Auffälligste Szene bis dahin: Nach dem unangenehmen Slalomstangen-Erlebnis vorm 0:3 hatte er frustriert seine Handschuhe ins eigene Netz geworfen, wobei man sich ohnehin fragen musste, weshalb er bei Temperaturen jenseits der zehn Grad Celsius überhaupt Handschuhe zum kurzärmligen Trikot trug.

Die noch auffälligere Szene folgte bald: Als Kunde seine Nummer 14 zur Auswechslung gegen Danny Latza leuchten sah, war ihm der Unmut bereits anzusehen. Die ausgestreckte Hand seines Trainers missachtete der in der Jugend bei Atletico Madrid ausgebildete Profi dann derart auffällig ignorant, dass auch die Missbilligung des Sportpädagogen Achim Beierlorzer weithin sichtbar war. Mainz 05 stabilisierte sich in der Folge, schaffte immerhin noch ein Tor und verhinderte so einen Untergang wie beim 0:6 im Hinspiel in München mit entsprechend schwerwiegenden Folgen fürs ohnehin angeknackste Selbstvertrauen.

Rein fußballfachlich war Beierlorzers Entscheidung also richtig gewesen. Ein Reporter warf dem Fußballlehrer hinterher dennoch vor, er habe dem in den letzten Spielen noch zu den besseren Mainzer Profis gehörenden Kunde „die Eier abgeschnitten“. Was natürlich, etwas ungebührlich, im übertragenen Sinne gemeint war. Hätte Beierlorzer Kunde die Demütigung ersparen sollen? „Nein“, sagte der Trainer, „wir sind hier im Profifußball. Ein Spieler muss das verarbeiten.“ Wie es weitergeht, werde nun auf dem Trainingsplatz entschieden. „Derjenige, der reingekommen ist, wird da jetzt sowas von Gas geben, weil er in der Mannschaft bleiben will“, erwartet Beierlorzer. „Und derjenige, der wegen einer schwachen Leistung ausgewechselt wurde und sich dann auch noch danebenbenommen hat, muss dann mehr bringen.“ So funktioniert Leistungssport.

Der Trainer, dem die zahlenmäßig überschaubare Niederlage ansonsten nicht besonders wehtat, hatte zudem natürlich wahrgenommen, dass sich Kunde unmittelbar nach Schlusspfiff bei ihm persönlich entschuldigte: „Er ist ohnehin ein guter Junge.“ Aber Respekt sei keine Einbahnstraße. „Wir tun hier alles für die Spieler, da ist doch klar, dass ich als Trainer auch respektvoll behandelt werden will.“ Sportchef Rouven Schröder ergänzte, Kunde habe bemerkt, „dass er mit seinem klaren Fehlverhalten auf dem Holzweg war“ und sei „feinfühlig genug“ gewesen, dem Trainer nach Spielschluss entschuldigend die Hand zu reichen.

Insgesamt hat der FC Bayern trotz Dauerregens einen beschaulichen Nachmittag verbracht und sich für die bevorstehende Pokalaufgabe gegen die TSG Hoffenheim (Mittwoch) und das folgende Bundesliga-Spitzenspiel gegen RB Leipzig (Sonntag) aktiv ausruhen können. Die Tore durch Robert Lewandowski, Thomas Müller und Thiago fielen fast von selbst, der Gegentreffer nach einer Ecke durch Jeremiah St. Juste passierte kurz vor der Pause nur, weil Leon Goretzka unglücklich abgefälscht hatte. Es gab noch einen Mainzer Pfostenschuss, eine gute Parade von Manuel Neuer. Das war’s. Die Bayern wurden nicht wirklich gefordert.

Der Mainzer Verteidiger Daniel Brosinski merkte an, man habe – ganz im Gegensatz zum halben Dutzend Gegentreffer im Hinspiel – immerhin „das Gesicht gewahrt“, Klubchef Stefan Hofmann monierte zu Recht und bestimmt nicht zum ersten Mal „viel zu einfache Gegentore“, und Torwart Robin Zentner, der Mann für den Klartext, ärgerte sich mal wieder darüber, „dass wir zu oft zwei Gesichter zeigen“. Dieses idealtypische „Mainz-05-Gesicht“ sei dabei zu selten zu sehen. Kämpfen, beißen, den Rasen umpflügen, „auch mal dazwischenhaun“. Die Bayern mögen dafür der falsche Maßstab sein. Aber wenn Mainz 05 die Primärtugenden des Abstiegskampfes nicht entschiedener lebt, wird es unangenehm bleiben.

Pierre Kunde Malong ist bis zum vermaledeiten Bayern-Auftritt einer derjenigen gewesen, der diese Spielart am ehesten verinnerlicht hatte. Der junge Mann mit der auffälligen Frisur wird also vermutlich noch gebraucht. Der Trainer hat ihm schon fast vergeben: „Ich kann die Enttäuschung ja nachvollziehen“, und: „Ich bin nicht nachtragend.“

Wie der Trainer von Mainz 05, Achim Beierlorzer, mit dem Mainzer Kunde umgeht, der bei der Auswechslung seinen Handschlag missachtet.

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