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Anstrengend: Moussa Niakhate stand bisher in allen Mainzer Bundesligapartien in der Startelf.

FSV Mainz 05

Abwehrspezialisten im Toreland

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Vor allem dank des französischen Top-Einkaufs Moussa Niakhate hat Mainz 05 die beste Defensive der Bundesliga.

s ist schon erstaunlich, die so oft gescholtene Bundesliga. Sie ist derzeit die aufregendste Eliteklasse im europäischen Vergleich der fünf führenden Nationen – zumindest wenn man eine Statistik heranzieht, die nicht unwesentlich verknüpft ist mit dem Unterhaltungswert fürs Publikum: die der Tore. Exakt drei fielen im Schnitt pro Partie an den ersten sieben Spieltagen der Bundesliga. Weder die Klubs in England, Spanien, Frankreich oder Italien können da mithalten. Zum Vergleich: Die Premier League kommt bisher auf 2,81 Buden pro Spiel. Die Fans der spanische La Liga müssen sich gar mit 2,41 Treffern begnügen. Kurzum: Die Bundesliga ist spitze in Europa, und das, um es spöttisch zu formulieren, trotz eines Klubs wie dem FSV Mainz 05. 

Die Nullfünfer, das ist nicht ganz neu und hat den Verein auch während der Länderspielpause beschäftigt, erzielten bisher nur vier Tore. Der Ligatiefstwert, über den sich Sandro Schwarz viele Fragen hat gefallen lassen musste. Fehlt es den Stürmern an Qualität? Funktioniert das Offensivkonzept nicht? Woran hapert’s? Der Mainzer Trainer antwortete gewohnt freundlich, sagte, dass sein Team bald mehr Tore schießen werde, weil es sich ausreichend Chancen erspiele. Auch, dass er sich keine Sorgen mache. Und dann folgte der entscheidende Satz: „Wir haben ja auch erst vier Gegentreffer kassiert.“ Wie wahr.

Dass die Mainzer vor dem schwierigen Auswärtsspiel am Sonntag (18 Uhr) bei Borussia Mönchengladbach mit gerade vier erzielten Toren dennoch Tabellenachter mit neun Punkten sind, das hat zuvorderst mit der starken Defensive zu tun. Mit Torhüter Florian Müller, der einen grundsoliden Part zwischen den Pfosten abgibt, keine gravierende Fehler macht und ab und an auch mal einen schwierigen Ball rausfischt. Mit den Außenverteidigern Phillipp Mwene, rechts, und Aaron Martin, links, die weder besonders auf- noch abfallen. Und vor allem mit den starken Innenverteidigern. Da ist zum einen Kapitän Stefan Bell, 27 Jahre alt, bereits seit 2011 in Mainz. Er ist der Ruhepol des Teams, der trotz eines Tempodefizits viel mit Auge und Erfahrung löst, dazu ein gutes Kopfballspiel besitzt und im Viererabwehrriegel das Sagen hat. Und da ist zum anderen Moussa Niakhate, gerade mal 22, französischer Juniorennationalspieler, das größte Talent in Reihen der Rheinhessen. 

Am Dienstag noch war Niakhate mit dem U21-Nachwuchs des Weltmeisters gegen Slowenien gefordert (1:1). An der Seite von Dayot Upamecano (RB Leipzig) und Abdou Diallo (Borussia Dortmund) stand der Linksfuß 90 Minuten auf dem Rasen, verteidigte nahezu fehlerfrei, eigentlich so wie immer. Denn trotz seiner jungen Jahre wirkt Niakhate abgezockt wie ein Alter.

Niakhate wie einst Diallo

Mit seinem beim Sprinten auffällig aufrechten Oberkörper läuft er viele Attacken des Gegners locker ab. Das sieht nicht immer spektakulär aus, ist aber effektiv. Im Zweikampf agiert der junge Mann zudem ohne Furcht, wirft sich mit allem, was er zu bieten hat – das sind immerhin 1,90 Meter – in die Duelle. 

Einzig beim Spielaufbau würde ihm ab und an ein bisschen mehr Gelassenheit nicht schaden. Findet auch Kollege Bell: „Er hat großes Potenzial, das ist offensichtlich. Vielleicht nimmt er zu oft den langen Ball anstatt über den Torhüter die Seiten zu wechseln. Aber das ist ein Lernprozess.“ Ein Lernprozess, der bei Moussa Niakhate längst nicht abgeschlossen scheint. Der im nordfranzösischen Roubaix geborene Sohn von senegalesischen Eltern ist ein Paradebeispiel für die derzeit so fluffig laufende Talentausbildung im Weltmeisterland. Niakhate wurde beim OSC Lille fußballerisch geschult, schlug dann noch einmal einen kurzen Umweg über den kleineren Klub ES Wasquehal ein, ehe er später vom Zweitligisten Valenciennes FC verpflichtet wurde. Niakhate durchlief die französische U19, U20 und ist nun fester Bestandteil der U21.

Mainz war dieses Potenzial im Sommer sechs Millionen Euro wert, der FSV stattete den jungen Mann, der gerade mit dem FC Metz in Liga zwei abgestiegen war, mit einem Fünfjahresvertrag aus. Es ist wahrscheinlich, dass die Nullfünfer dennoch ein gutes Geschäft gemacht haben - ähnlich wie bei Niakhates Vorgänger, Abdou Diallo, den sie für fünf Millionen geholt und nach einer Saison für 28 Millionen an den BVB verkauft hatten. Freilich, Niakhate scheut den Vergleich, auch ist er noch nicht ganz so weit in seiner Entwicklung wie Diallo, eine feste Stütze in Mainz ist er aber allemal. „Ich kannte Mainz vorher nicht, war nie zuvor in der Stadt“, sagte Niakhate vor der Saison in einem „FAZ“-Interview, aber ihn habe das Projekt überzeugt. „Es ist mir wichtig, dass der Verein seit ein paar Jahren schon in der Bundesliga spielt, eine Geschichte hat.“ 

Die Verbindung zu Trainer Schwarz, ohnehin ein Mann, der es versteht, das kickende Personal hinter sich zu bringen, war sofort da. Und das, obwohl eine sprachliche Barriere besteht. „Ich spreche ein wenig Englisch und der Trainer spricht ein wenig Englisch. Ich spreche kein Deutsch, ich spreche Französisch. Wichtig ist, wir sprechen beide Fußball“, so Niakhate. Offenbar reicht das, um die FSV-Defensive zur statistisch gesehen besten der Liga zu machen.

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