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Für Norwegen in der Startelf, bei Borussia Dortmund zunächst auf der Bank: Erling Haaland (rechts), hier im Zweikampf mit dem Nordiren Corry Evans.

Nicht nur der Hoffenheimer Rosen beschwert sich

Frustfaktor Länderspiele

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Weil vermehrt Bundesligaprofis infiziert oder überlastet von der Nationalmannschaft zurückkehren, schlägt die Liga Alarm.

Anfragen nach Interviews beantwortet Alexander Rosen mitunter mit der Begründung abschlägig, dass es den Sportchef der TSG Hoffenheim nicht zwingend in die Öffentlichkeit zieht. Tatsächlich werkelt der gebürtige Augsburger, der als Profi seine ersten Gehversuche bei Eintracht Frankfurt unternahm, am liebsten im Hintergrund. Daher steckte Kalkül dahinter, dass der Macher aus dem Kraichgau am Samstagnachmittag eine öffentlichkeitswirksame Brandrede für die gesamte Bundesliga formuliert. Die jüngste Abstellungsperiode für die Nationalspieler lieferte dazu allen Grund: Sein Klub musste bei der Heimniederlage gegen Borussia Dortmund (0:1) auf Torjäger Andrej Kramaric, Pavel Kaderabek und Kasim Adams verzichten, die sich nach der Reise zu ihren jeweiligen Nationalteams in Corona-Quarantäne befinden und weitere Pflichtspiele in Europa League und Bundesliga verpassen.

Der Kroate Kramaric und der Ghanaer Adams haben sich mit dem Virus infiziert, der Tscheche Kaderabek wurde als Kontaktperson ausgemacht. Rosen schreckte am Sky-Mikrofon selbst vor der ultimativen Drohung nicht zurück. „Boykott ist ein großes Wort“, sagte der 41-Jährige, „aber es ist an der Zeit, ein Ausrufezeichen zu setzen. Zur Not müssen wir intensiver darüber nachdenken, die Jungs nicht gehen zu lassen.“ Neben den drei Coronafällen habe die TSG zwei weitere Stammspieler, nämlich Christoph Baumgartner und Munas Dabbur, nicht einsetzen können, „weil diese Jungs drei Länderspiele hatten. Beim BVB fehlt Erling Haaland, also was soll das Ganze?“

Mit seiner Wut auf den Weltverband Fifa und die Europäische Fußball-Union Uefa geht es um Grundsätzliches. Während die Bundesligisten und die deutsche Nationalmannschaft für extrem hohe Hygienestandards garantieren, sind andere Verbände offenbar deutlich laxer. Rosen: „Die Klubs bezahlen die Spieler und arbeiten mit allem daran, dass die Abläufe ordnungsgemäß durchgeführt werden. Und dann hat man das Gefühl, dass es den übergeordneten Verbänden einfach egal ist – Hauptsache durchgedrückt.“ Sein Fazit: „So wie es gelaufen ist, geht es definitiv nicht. Es ist einfach unverantwortlich.“

Die Coronaansteckungen bei den Nationalmannschaften haben sich gehäuft. Bei Dortmund hat es den Schweizer Manuel Akanji getroffen, bei RB Leipzig den für Mali spielenden Amadou Haidara. Rosen sieht eine Fürsorgepflicht, darüber nachzudenken, „denn das ist nur ein Thema der Klubs, sondern auch die Jungs haben keine Lust auf lange Reisen und auf so viele Spiele.“ In diesem Punkt widersprach der Mainzer Trainer Jan-Moritz Lichte, der berichtete, dass seine Akteure überaus gerne im Auftrag für ihre Nationalteams unterwegs sind.

Die Ansteckungsgefahr ist das eine Problem, die Überbelastung das andere: Trainer Peter Bosz von Bayer Leverkusen äußerte Unverständnis vor allem über die Freundschaftsspiele, die als Entgegenkommen für die ausgefallenen Begegnungen aus dem Frühjahr anberaumt sind: „Das verstehe ich nicht. Die Freundschaftsspiele waren völlig unnötig. So viele Spiele in kurzer Zeit: Die Belastung ist unglaublich.“ Er wisse aber schon: „Es geht ums Geld.“ Die Werkself verlor in Mainz mit dem wegen einer Muskelverletzung ausgewechselten Charles Aranguiz einen Leistungsträger.

Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche will sich unter diesen Umständen „Gedanken machen“, ob eine Abstellung in der nächsten Periode im November, wenn wieder drei Länderspiele angesetzt sind, „Sinn macht“. Wenn die Klubs keine Auseinandersetzungen mit der Fifa riskieren wollen, sind ihre Optionen allerdings begrenzt. Denn die Regularien sagen: Die Vereine müssen ihre Auswahlspieler nur dann nicht bereitstellen, wenn am Ort des Vereins oder am Ort des Länderspiels „eine zwingende Quarantäne oder Selbstisolation von mindestens fünf Tagen“ einzuhalten ist.

Mit dieser Begründung holte der SV Werder den Japaner Yuya Osako nach einem Länderspiel aus Utrecht zurück und untersagte einen Einsatz vergangenen Dienstag gegen die Elfenbeinküste. Bremer Behörden ordnen selbst nach einem negativen Test noch eine fünftägige Quarantäne an. Osako trainierte deshalb allein auf Laufband und Ergometer, erschien erst am Freitag zum Abschlusstraining – und wurde für den Kader beim Auswärtsspiel in Freiburg (1:1) gestrichen. Ein kurioser Fall, der nur Verlierer kannte: den Nationalverband, den Verein, den Spieler.

Das nächste Problem steht schon vor der Tür. Bald fliegen die sechs deutschen Europacupteilnehmer quer durch Europa. In drei aufeinanderfolgenden Wochen werden die Gruppenphase in Champions League und Europa League durchgepeitscht. Auf Reisen geht aus dem Champions-League-Quartett zuerst nur die Borussia aus Dortmund, die am Dienstag bei Lazio Rom antritt. In Italien schnellen die Zahlen ebenfalls nach oben, die Ewige Stadt ist dabei aber (noch) kein Corona-Hotspot. BVB-Trainer Lucien Favre warnt: „Diese Reiserei ist gefährlich. Ich denke, wir müssen sehr aufpassen. Es werden mehr Fälle kommen.“ (mit sid/dpa)

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