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Diese Aufmerksamkeit ist alles, aber kein Zufall.

Turnen

Frauenpower in Klein-Krotzenburg

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Eine kleine Turnerschaft in der hessischen Provinz hat sich radikal verjüngt und verweiblicht – und ist so zum Vorbild geworden.

Romina Rizzo kann sich noch an ihre allererste Vorstandssitzung erinnern, damals, als die Zeiten noch gänzlich andere waren bei der Turnerschaft 1882 Klein-Krotzenburg. „Voll oldschool“ sei es zugegangen bei dem Treffen, und den Vorsitz hatte ein Mann, dessen Name die 28-Jährige zwar nicht mehr parat hat, aber sie weiß noch: „Es war ein sehr alter Mann.“ Bei der Erinnerung lacht Romina Rizzo freundlich, sie lacht wie ein Mensch, der mit milder Verwunderung auf eine entfernte Vergangenheit blickt. Es ist gerade einmal sieben Jahre her. Doch eine kleine Ewigkeit.

Wenn die Turnerschaft heute irgendwo hinkommt, ist ihr die Aufmerksamkeit der anderen Sportvereine gewiss. „Alle schauen immer auf uns“, sagt Rizzo, die mit zwölf in den Verein kam, zum Tanzen. Die Fragen der anderen sind immer die gleichen, erzählt die Lehrerin: „Warum seid ihr so viele Frauen? Warum seid ihr so jung? Die meisten finden das faszinierend. Für uns ist das normal. Aber irgendwie ist es wohl aufsehenerregend.“

Diese Aufmerksamkeit ist alles, aber kein Zufall. Mit seinem 2014 ins Leben gerufenen Konzept „Gib uns Dein Talent!“ ist es dem Verein aus der hessischen Gemeinde Hainburg gelungen, die Tendenz zur Überalterung und Übermännlichung, unter der viele Sportvereine leiden, aufzuhalten. Und umzukehren. Die Turnerschaft wird heute mehrheitlich von Frauen geführt. Im Gesamtvorstand ist der Frauenanteil von 50 Prozent 2017 auf inzwischen 70 Prozent gestiegen, im geschäftsführenden Vorstand von 66 Prozent auf 75 Prozent. Der Altersschnitt ist von über 60 Jahre auf unter 40 gesunken in den Vorständen, und die Mitgliederzahl im Verein ist in den vergangenen drei Jahren von 1078 auf 1346 gestiegen.

Der Gesamtvorstand der TKK 1882 bei der Verleihung des Schlappekicker-Preises im Römer. 

Und weil all diese Zahlen genau entgegengesetzt zur allgemeinen Entwicklung laufen, dass Vereine immer größere Probleme haben, ehrenamtliche Funktionsträger und vor allem Funktionsträgerinnen zu gewinnen, hagelt es Auszeichnungen für die Turnerschaft Klein-Krotzenburg: 2018 den „Stern des Sports“ in Gold vom Deutschen Olympischen Sportbund DOSB für den dritten Platz im Bundesfinale, 2018 zudem den Zukunftspreis des hessischen Sports, und im vergangenen Jahr schließlich auch der Schlappekickerpreis der Frankfurter Rundschau.

All das ahnte Thomas Petzold nicht, als er 2014, ein Jahr nach seinem Amtseintritt als Vereinsvorsitzender, das Projekt „Gib uns Dein Talent“ ins Leben rief. Er wusste auch nicht, dass die Sportentwicklungsberichte schon seit langem zeigen, dass Vereine mit höherem Frauenanteil im Vorstand weniger existenzielle Probleme beklagen. Aber wenn er sich bei den Vorstandssitzungen der TKK umsah, an denen er auch acht Jahre lang als Beisitzer teilgenommen hatte, wusste er: zu alt, zu viele Männer. „Uns zu verjüngen und mehr Frauenpower in den Vorstand zu bringen war ein ganz pragmatischer Gedanke, eine Notwendigkeit“, erklärt Petzold, 53 Jahre alt.

Das Projekt „Gib uns Dein Talent!“ nahm schnell Fahrt auf. Jugendliche wurden direkt angesprochen und gefragt, ob sie Lust hätten, ihre Stärken bei der TKK einzubringen. Wenn Petzold mal wieder von anderen Vereinen gefragt wird, wie es den Klein-Krotzenburgern gelungen ist, so viele junge, ehrenamtliche Trainerinnen zu engagieren, antwortet er immer: „Der Schlüssel ist wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe, wenn die sich ernst genommen fühlen und begleitet werden auf ihrem Weg, dann zollen die einem das mit hohem Einsatz zurück. Gerade die Mädchen“, sagt Petzold, der hofft, dass etwa die Hälfte der jungen Trainerinnen auch in den Vorstand gehen, sobald sie 18 sind.

Petra Tzschoppe, 60, war dabei, als die Turnerschaft 2018 bei den „Sternen des Sports“ ausgezeichnet wurde. „Ich war begeistert von dem Konzept im Allgemeinen sowie dem Slogan ‚Gib uns Dein Talent!‘ im Speziellen“, sagt die Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung beim DOSB und Fachgebietsleiterin Sportsoziologie an der Universität Leipzig. Ein entscheidender Punkt sei, „dass Frauen sehr viel stärker über direkte Ansprache und Ermutigung dafür gewonnen werden können, Verantwortung zu übernehmen“. Im Gegensatz zum „Hoppla, hier bin ich, und ich kann das auch“ vieler Männer neigten Frauen eher dazu, an sich selbst zu zweifeln, sagt Tzschoppe: „Was selbstverständlich auch damit zusammenhängt, dass ihnen auch in der Fremdeinschätzung weniger Führungskompetenz zugetraut wird oder es heißt: Trainer, das ist Männersache.“ Umso wichtiger sei also, wie auch die Erfolge der Turnerschaft Klein-Krotzenburg zeigen, Frauen direkt anzusprechen, ihnen Vertrauen zu signalisieren und Unterstützung zu geben und somit auch ihr Selbstvertrauen zu stärken, erklärt Tzschoppe.

So ist es der Turnerschaft in Klein-Krotzenburg gelungen, sich für die Zukunft zu rüsten, und positive klimatische Effekte gibt’s obendrauf. „Das Arbeitsklima im Vorstand hat sich verändert, es ist sehr positiv“, stellt Petzold fest. Deutlich ruhiger und sachlicher gehe es nun im Umgang miteinander zu mit dem größeren Frauenanteil. Das Vorgehen sei insgesamt zielorientierter. Romina Rizzo findet, dass das Besitzstandsdenken, das noch vor ein paar Jahren im Verein vorherrschte, dieses „Das haben wir aber immer so gemacht“ im Zuge des Verjüngungsprozesses abgenommen habe. „Jeder kann jetzt seine eigene Meinung einbringen, alle Ideen werden ernst genommen, egal von wem, egal welches Alter.“

Petra Tzschoppe hat keinen Zweifel daran, dass das Konzept auch außerhalb der hessischen Provinz tragen würde. „Das kann und sollte auch ein Vorbild für andere, auch größere Vereine sein, und es kann genauso für Verbände funktionieren“, sagt die Funktionärin, die seit 2006 beim DOSB ist. Oldschool soll ja auch anderswo ein Ding der Vergangenheit werden. Nicht nur in Klein-Krotzenburg.

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