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Spanischer Jubel nach dem 3:1-Auftaktsieg gegen Südafrika, angeführt von Torjägerin Jennifer Hermoso (Mitte).

Frauenfußball-WM

Spanierinnen auf der Überholspur

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Die Spanierinnen sind auf einem guten Weg, den Frauenfußball in ihrem Land zu stärken.

Im Bistrot de Charles, am putzigen Kreisverkehr gleich vor dem Stade du Hainaut von Valenciennes, haben sie den Spielplan dieser Frauen-WM penibel studiert. Über die Markise des Ladens mit seiner steinernen Fassade sind säuberlich die Flaggen der hier nahe der belgischen Grenze vorspielenden Nationen angebracht. Zuerst die von Italien und Australien, dann liegen die von Spanien und Deutschland nebeneinander. Was ja auch irgendwie gut zur Beschreibung passte, die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg für die zweite WM-Begegnung unweit der belgischen Grenze abgab: „Das wird ein Spiel absolut auf Augenhöhe.“

Nur eine knappe Stunde später stellte der spanische Nationaltrainer Jorge Vilda die Kräfteverhältnisse etwas anders dar: „Wir spielen gegen den Favoriten auf den WM-Titel. Wenn wir es schaffen, wäre es historisch.“ Nun ist es nicht so, dass Frau Voss-Tecklenburg und Señor Villa nicht auf einer Wellenlänge liegen; ganz im Gegenteil: Sie betonte, „dass wir uns mögen und schätzen“. Er beteuerte, dass sie eine „gute Trainerin und guter Mensch“ sei. Erst kürzlich haben sich beide am Rande der Halbfinals der Women’s Champions League zwischen dem FC Bayern und FC Barcelona (0:1, 0:1) ausgetauscht.

Der erstmalige Finaleinzug der Katalanen war Beleg, wie sehr sich die Nationen im Frauenfußball angeglichen haben. Und weil Bayern mit sieben und Barcelona gar mit zehn Akteuren jeweils den größten Anteil am WM-Kader stellen, ist auch ein gewisser Rückschluss auf die Nationalteams erlaubt. „Es hat sich im Nachwuchs enorm viel getan. Es ist schön zu sehen, dass eine Nation wie Spanien, in der Frauenfußball lange eine untergeordnete Rolle spielt, solch eine Entwicklung nimmt“, lobte Voss-Tecklenburg.

„Bis tief in die Nacht“, erzählte ihr Co-Trainer Patrik Grolimund, hat sich die mit der Gegnervorbereitung beauftragte Assistentin Britta Carlson mit den Spanierinnen beschäftigt. Grolimund: „Der spanische Stil ist immer der gleiche. Deren Erfolgs-DNA kennen wir aus deren Nachwuchsbereich. Sie sind extrem offensiv, haben eine hohe spielerische Qualität.“

Dazu hilft den einheimischen Nationalspielerinnen eine neue Wertschätzung für die heimische Liga: Das Topspiel zwischen Atletico Madrid gegen dem FC Barcelona verfolgten im Frühjahr 60 739 Zuschauer im neuen Metropolitano. Das meiste waren zwar Freikarten, aber so viele Menschen strömten zu einem Frauen-Ligaspiel nirgendwo auf der Welt. Zehn Ligapartien wurden in dieser Saison in Männerstadien ausgetragen, weil sonst die Kapazitäten nicht ausgereicht hätten.

Der erst 37-Jährige Vilda achtet seit Amtsantritt auf die Fortschritte im Ganzen. Sein Vater Angel war in den 90er-Jahren Fitnesscoach beim FC Barcelona, als Johan Cruyff die bis heute gültige Prägung beibrachte. Er schult Tiki-Taka auf die weibliche Art. Torjägerin Jennifer Hermoso oder Kapitänin Marta Torrejon pflegen eine Herangehensweise wie die Männer: haufenweise Kurzpässe, viel Ballbesitz.

Das Ensemble von Vilda, das in der Qualifikation acht Siege in acht Spielen verbuchte, verhaspelt sich nur noch zu oft im Abschluss. Zum WM-Auftakt brauchte es gegen Südafrika (3:1) zwei diskussionswürdige Strafstöße für den späten Sieg. Daher bat Jorge Vilda am Dienstag darum, nicht gleich zu viel zu erwarten: „Wir müssen realistisch bleiben. Wir versuchen, eines Tages das gleiche Niveau wie Deutschland zu erreichen.“

Der Mann hätte jedoch gar nichts dagegen, würde ein Überholmanöver bei den Frauen schon unweit jenes Kreisverkehrs in Valenciennes erfolgen, den die spanische und deutsche Fahne so einträchtig verzieren.

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