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Redete am Samstag umsonst auf sein Team ein: Cheftrainer Sebastian Gleim (Mitte). hübner

Frankfurt Skyliners

Skyliners zerfallen in Einzelteile

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Frankfurter Basketball-Bundesligist kassiert herbe Pleite gegen Bayreuth und ist nach der Rückkehr von Spielmacher Anthony Hickey auf der Suche nach der Identität.

Immerhin für die Fotos mit den Fans der Frankfurt Skyliners konnte Lamont Jones nach Spielschluss lächeln. Auch wenn es nicht aus tiefstem Herzen kam, sondern der Professionalität geschuldet war, wirkte es zumindest echt. In der Analyse nach dem unterirdischen Auftritt vor nur 3700 Zuschauern in der Ballsporthalle gegen Bayreuth (74:88) war Jones hingegen schonungslos offen. „Wir haben scheiße gespielt“, sagte der Topscorer der Hessen (20 Punkte). „Wir haben in der Offensive nicht so gespielt, wie wir sollen. Wir haben in der Defensive nicht so gespielt, wie wir sollen. Und dafür haben sie uns in den Hintern getreten.“

Genauso war es. Nach einem guten Start (9:2) sind die Skyliners in ihre Einzelteile zerfallen. Dabei war laut Cheftrainer Sebastian Gleim das Training „besser als je zuvor.“ Die Stimmung war nach den ersten zwei Saisonsiegen gegen Hamburg und Ulm sowieso gut und dann zeichnete sich am Mittwoch auch das Debüt vom schmerzlich vermissten Point Guard Anthony Hickey ab. Doch mit so einem Spielverlauf hatte in Frankfurt niemand gerechnet. „Vielleicht dachten einige, dass es geht, auch wenn man nicht den Ball passt. Dann trifft Bayreuth, wir werden schwächer, in der Verteidigung undisziplinierter und das war’s dann“, analysierte Gleim und war ratlos.

Der 35-Jährige versuchte, in den Auszeiten vergebens dagegenzusteuern. Zur Pause stand es 31:51. Aber selbst die Halbzeitansprache zeigte überhaupt keine Wirkung. Nach drei Minuten (37:61) nahm Gleim die erste Auszeit der zweiten Hälfte und ließ sein Team einfach nur sitzen, ohne etwas zu sagen. Am Spiel änderte sich nichts, im Schlussviertel betrieben die Skyliners gegen ein Gang zurückschaltende Bayreuther etwas Ergebniskosmetik. Quantez Roberston gelang in der Partie übrigens sein 1000. Assist in der BBL, eine Randnotiz.

Gegen Ende verletzte sich zu allem Übel noch Center Leon Kratzer, der beim Kampf um den Rebound unglücklich landete und sich dann an den Oberschenkel griff. Ob es nur ein Krampf oder doch etwas muskuläres war, soll heute beim Arzt geklärt werden. „Wir hoffen, dass es nichts Dramatisches ist“, sagte Gleim. Ein Ausfall des 2,11-Meter-Mannes wäre ein herber Rückschlag für die Skyliners, die gerade nach der Rückkehr von Hickey gehofft hatten, sich jetzt endlich in der Wunschformation einspielen zu können.

Den Ausfall eines Leistungsträgers können die Hessen kaum kompensieren. Nach der Zwangspause von Hickey (Muskeleinriss im Fuß) vor dem Saisonstart musste Gleim einen Großteil seiner Pläne über den Haufen werfen, denn das Spiel ist auf den wendigen und schnellen Point Guard zugeschnitten. „Er ist ein integraler Bestandteil des Teams. Ihn zu integrieren wird härter, als einige erwarten“, sagte Jones, der in Hickeys Abwesenheit die meiste Zeit den Point Guard gab.

Die Rollen müssen jetzt neu verteilt und die Systeme angepasst werden. Es wird einige Wochen dauern, bis die Rädchen ineinandergreifen – und dann erst wird sich zeigen, wohin der Weg dieses Teams führt und ob es die Idealvorstellungen von Gleims Basketball erfüllen kann: harte Defensive und schnellen Tempobasketball mit viel Ballbewegung.

Schon vor Saisonstart war klar, dass der Prozess hin zu dieser Identität steinig wird und bei den Skyliners immer alles zusammenpassen muss, damit sie ein Spiel gewinnen. Warum? Erstens sind die Hessen mit lediglich fünf, statt der pro Spiel erlaubten sechs Ausländer in die Saison gegangen. Ein Risiko. Zudem sind Shaquille Hines und Matthew McQuaid noch nicht die Faktoren, die sich Gleim wünscht und die er vor allem in Kombination mit dem Spielstil von Hickey auserkoren hatte. Auch die zwei deutschen Neuzugänge, Adam Waleskowski und Daniel Schmidt sind nicht die erhofften Verstärkungen. Schmidt, als Backup-Spielmacher geholt, kam am Samstag gar nicht zum Einsatz. Schon in der Abwesenheit von Hickey spielte er kaum. Auch Waleskowski, als 36-Jähriger ohnehin über seinen Zenit hinaus, kann noch nicht so eingesetzt werden, wie Gleim sich das ausgemalt hat, weil sich die Spiele in andere Richtungen entwickelt haben. Das sind in der Summe zu viele Puzzleteile, die noch nicht passen.

Zweitens waren die Stärken und Schwächen schon vor der Saison ein offenes Buch. Es gibt keine stabilen Dreierschützen im Team, der eine Quote von 40 Prozent oder besser garantiert und die guten Freiwerfer sind ebenfalls an einer Hand abzuzählen. Nach sechs Spieltagen haben die Skyliners die viertschlechteste Dreierquote (31,3 Prozent) und die zweitschlechteste Freiwurfquote (68,1 Prozent) aller 17 BBL-Teams. Ergo kommt es bei diesen offensichtlichen Schwächen besonders darauf an, den Ball gut zu bewegen. „Die Abhängigkeit zwischen Ballverlusten und Assists entscheiden, wie die Spiele laufen“, sagt Gleim. Gegen Bayreuth waren es zwölf Vorlagen bei zwölf Ballverlusten. Zu wenig.

Und drittens war klar, dass sich Sebastian Gleim als Cheftrainer-Novize den Respekt des Teams erarbeiten muss. „Wir müssen auf den Coach hören“, sagte Anthony Hickey, der bei seinem Debüt auf drei Zähler kam. Am Samstag hat das Team das nicht. Gleim muss die Mannschaft jetzt wieder in die Spur bringen und ihr einschärfen, dass er so einen Auftritt nicht akzeptieren kann. Inwieweit er zu den Spielern durchdringt, wird sich schon am Freitag beim Mitteldeutschen BC aus Weißenfels zeigen.

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