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Wieder auf dem Parkett: Niklas Kiel.

Niklas Kiel

Wie ein Kind im Süßwarenladen

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Skyliners-Profi Niklas Kiel ist nach drei Gehirnerschütterungen und sehr langer Reha wieder zurück auf dem Parkett

Niklas Kiel kann sich nur noch an das Geräusch erinnern. Sein Kopf, der auf die Fliesen knallt. Dann wird alles dunkel. Im vergangenen Juli wartet der Profi der Frankfurt Skyliners auf den Aufzug, seine Wohnung in der Nordweststadt ist im achten Stock. Der Fahrstuhl kommt und kommt nicht, also entschließt sich Kiel die Treppen hochzulaufen. Die Hitze macht ihm zu schaffen, er verliert die Balance, stürzt und wacht irgendwann wieder mit starken Kopfschmerzen auf. Wenig später die bittere Diagnose: Gehirnerschütterung - zum dritten Mal innerhalb weniger Monate. „Es war schwer zu glauben. Manchmal passieren im Leben unvorhersehbare Dinge. Ich habe lange gebraucht, um das zu realisieren“, sagte Kiel.

316 lange Tage nach seinem letzten Bundesligaspiel am 17. Mai in den Playoffs gegen den FC Bayern München stand der 21-Jährige am Freitag endlich wieder auf dem Parkett. Zwar konnte der 2,07-Meter-Mann die 80:100-Niederlage gegen Rasta Vechta nicht verhindern, für den gebürtigen Herforder war das wichtigste aber, überhaupt wieder professionell Basketball zu spielen. „Er war wie ein Kind, das zum ersten Mal in den Süßwarenladen kommt“, freute sich Cheftrainer Gordon Herbert über das Comeback.

Die Nervosität wollte Kiel nicht verhehlen. „Ich habe sehr wenig geschlafen und war selten so aufgeregt.“ Als die Nummer 41 von Hallensprecher Mark Geberth-Hindermeyer in die Ballsporthalle gerufen wurde, brandete großer Jubel auf. Und als er dann nach 6:18 Minuten das erste Mal an diesem Abend das Feld betrat, wurde es noch ein bisschen lauter. Balsam für die Seele des jungen Mannes, der mit 16 aus der Paderborn als größtes Talent auf seiner Position an den Main kam und ein klares Ziel vor Augen hatte: die NBA. Im Februar 2015 war er seinerzeit als einziger Deutscher beim NBA-Camp Basketball Without Borders im Rahmen des Allstar-Wochenendes in New York.

Seine erste richtige Saison als Profi spielte Kiel dann 2016/2017, kam auf 27 Einsätze, davon 14 von Beginn an, erzielte im Schnitt 6,4 Punkte und sammelte 3,0 Rebounds. Nach der Schnuppersaison wollte er voll angreifen, doch mitten in der Saisonvorbereitung bekam er am 12. September 2017 von Mitspieler Mike Morrison den Ellenbogen an die Schläfe, die erste Gehirnerschütterung. Knapp zwei Monate später erfolgte das erste Comeback. Doch schon in der dritten Partie gegen Bremerhaven passierte das nächste Unglück. Gegenspieler Carl Baptiste traf Kiel beim Kampf um den Ball unglücklich mit dem Ellenbogen am Kopf, der daraufhin minutenlang auf dem Parkett in der Ballsporthalle liegenblieb. Die zweite Gehirnerschütterung, diesmal dauerte es vier Monate bis zum zweiten Comeback. Es folgten sieben Einsätze, dann war Sommerpause. Kiel ruhte sich nur kurz aus, stieg sofort wieder ins Training ein, machte in den Minicamps der Skyliners einen hervorragenden Eindruck - bis der zu heiße Sommertag kam.

„Dann begann wieder alles von vorne“, erzählt Kiel. Er musste monatelang in abgedunkelten Räumen bleiben, zog in der Zeit zu seinen Eltern nach Herford. „Ohne sie“, sagt er, „wäre ich nicht klargekommen.“ Da sein Gleichgewichtsorgan einen Schaden abbekommen hatte, konnte er manchmal gar nicht richtig stehen.

Gehirntraining mit Athletiktrainer Wellm

In Frankfurt machte sich derweil Athletiktrainer Dennis Wellm viele Gedanken darüber, wie er Kiel helfen kann. „Ich habe mich schlau gemacht und bin dann auf neurozentriertes Athletiktraining gestoßen, was es schon länger gibt, aber im Profisport noch sehr jungfräulich ist“, berichtet der Diplom-Sportwissenschaftler, der seit Sommer 2012 bei den Skyliners ist. Sechs Bücher paukte er durch, hörte sich zahlreiche Vorträge an und konsultierte Experten. Einer davon war Niko Romm in Bonn. Gemeinsam machten sie ein sogenanntes Screening von Kiel, um festzustellen, welche Hirnareale einen Schaden abbekommen hatten. Neben dem Gleichgewichtsorgan war das Riechorgan beschädigt, das Sichtfeld war eingeschränkt, außerdem hatte Kiel massive koordinative und physische Defizite. Diese Nervenvernetzungen wieder herzustellen, das hat sich Wellm seit Oktober zur Aufgabe gemacht.

„Es ging vor allem um einen sensorischen Input. „Wir haben am meisten das visuelle System beansprucht: sehen, riechen und hören“, erzählt Wellm. Er hat zum Beispiel mit dem Finger geschnipst und Kiel musste mit geschlossenen Augen sagen, wo das Schnipsen herkommt. Anfangs war das genauso wenig möglich, wie unterschiedliche Gerüche zuzuordnen. „Wir haben mit einer geringen Dosis angefangen und geschaut, was kann er, wo reagiert er über. Und dann spielst du mit der Dosierung.“

Jeden Tag stand Wellm mit Kiel in der Halle, zunächst morgens früh um 7.30 Uhr, wenn noch niemand da und das Gehirn noch frisch und bereit war, immer neue Sachen aufzunehmen.“ Sechs Monate später ist Kiel wieder in der Lage, Basketball zu spielen. Entsprechend nervös war Wellm am Freitag. Die ist erst nach ein, zwei Einwechslungen gewichen. „Niklas ist einer der wenigen Sportler, die in der Lage sind, einem gescheit zu sagen, wie es ihm gerade geht und der hungrig ist. Er ist einfach ein Musterathlet“, sagt Wellm.

Der Gepriesene ist dem Athletiktrainer „sehr dankbar“, für die viele Zeit, die dieser mit ihm verbracht hat. „Er ist mittlerweile ein Experte auf dem Gebiet“, sagte Kiel, der vor drei Wochen wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen war. Der 21-Jährige fühlt sich wieder richtig gut. „Ich habe keine Zweifel mehr. Jetzt geht es immer geradeaus.“

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