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Wer hat den Ball? Die Skyliners-Spieler Lamont Jones (links) und Shaquille Hines (rechts) im Spiel gegen die Crailsheim Merlins.

Frankfurt Skyliners

Ein Klub am Scheideweg

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Bei den Frankfurt Skyliners klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Vor dem Hessenderby in Gießen hakt es beim Basketball-Bundesligisten an mehreren Stellen.

Gunnar Wöbke hat sich schon immer hohe Ziele gesetzt. Als er 1999 die Basketball-Bundesliga-Lizenz von Rhöndorf nach Frankfurt brachte und die Skyliners aus der Taufe hob, wollte er den Klub zu einem Spitzenverein in Europa formen. Dazu, und das wurde schon damals bei der Unterzeichnung des Mietvertrags festgehalten, sollte so schnell wie möglich eine neue Multifunktionshalle gebaut werden. 21 Jahre später sind die Hessen weit davon entfernt, ein europäisches, geschweige denn ein deutsches Spitzenteam zu sein. Eine neue Arena lässt weiter auf sich warten. Auch wenn sich die Stadt Frankfurt in Verhandlungen mit dem Bieterkonsortium Langano befindet, der sich in der Ausschreibung für das Kaiserlei-Gebiet von vor vier Jahren als einer von zwei möglichen Investoren herauskristallisiert hatte.

Das Hallenthema hat eine bleierne Schwere über den Standort Frankfurt gelegt. Der geschäftsführende Gesellschafter Wöbke setzte in den vergangenen Jahren immer auf die Karte „neue Spielstätte“, wurde aber von den langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie und Politik enttäuscht.

Während andere Standorte sich stetig weiterentwickeln, stagnieren die Hessen bei ihrem Budget, das bei etwas mehr als fünf Millionen Euro liegen dürfte. Genaue Zahlen nennt Wöbke nie, auch nicht, wie viel davon in den Spielerkader fließt. In dieser Kategorie gehören die Hessen jedoch ins untere Drittel der Basketball-Bundesliga (BBL), weil nicht alle Klubs einen Unterbau haben von Profiteam bis in die U14 wie die Frankfurter.

Seit der erfolgreichen Saison 2015/2016 mit BBL-Halbfinale und dem Gewinn des viertklassigen Fiba Europe-Cups, reiht sich eine Übergangssaison an die nächste. Bis auf Urgestein Quantez Robertson spielte in den vergangenen drei Jahren kein ausländischer Spieler länger als ein Jahr in Frankfurt. Die Playoffs erreichten die Hessen seitdem nur noch in der Spielzeit 2017/2018.

Mit Trainer-Novize Sebastian Gleim (35) spielen die Hessen ihre schlechteste Saison seit sieben Jahren, haben sechs Partien in Folge verloren und stecken tief im Abstiegskampf. Nur vier Punkte trennt sie vom Tabellenletzten, den Hamburg Towers, aktuell liegen die Skyliners auf Rang 14. Am Samstag (18 Uhr) kommt es in Gießen zum Hessenderby gegen den Tabellen-13. Das einzig Gute ist, dass in dieser Spielzeit nur ein Team absteigt und drei andere Klubs noch hinter den Frankfurter Korbjägern stehen.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen in Frankfurt so weit auseinander wie bei keinem anderen BBL-Klub. „Wir versuchen, jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, um in der Saison 2021/2022 Meister zu werden und im Jahr 2022 in der neuen Multifunktionshalle in der Euroleague zu spielen“, tönte Gunnar Wöbke noch im vergangenen Mai, um wenige Monaten später zu sagen, dass alles optimal laufen müsse, um in die Playoffs einzuziehen.

Die Frankfurt Skyliners sind ein Klub am Scheideweg. Eine neue Halle, selbst wenn alles schnell geht, würde frühestens in drei, eher vier Jahren stehen. Und wenn nicht, könnte sich alles um weitere Jahre verzögern – wenn die Arena denn überhaupt kommt. Die Hessen brauchen dringend ein Konzept, das sie in den kommenden Jahren sportlich wettbewerbsfähig hält, sonst verlieren sie auch ihre treuesten Anhänger. Im Vorjahr kamen nur 4094 Fans im Schnitt in die 5000 Zuschauer fassende Ballsporthalle.

Mitte des vergangenen Jahrzehnts haben sich die Skyliners als Ausbildungsklub einen Ruf in der Liga erarbeitet. Talente wie Konstantin Klein, Danilo Barthel und Johannes Voigtmann haben sich zu Nationalspielern entwickelt. Isaac Bonga hat im Sommer 2018 sogar den Schritt in die nordamerikanische Profiliga NBA geschafft. Doch längst haben andere Standorte in dieser Hinsicht aufgeholt und auch überholt.

Im aktuellen Bundesligakader stehen als junge Deutsche Richard Freudenberg (21) und Leon Kratzer (23), die ordentliche, aber keine herausragenden Spielzeiten spielen. Aus dem Pro-B-Team werden Len Schoormann (17) und Bruno Vrcic (19) der Sprung ins Bundesligateam zugetraut. Der einst als Toptalent seines Jahrgangs geltende Niklas Kiel (22) befindet sich seit Sommer in der Reha. Ob er nach drei Gehirnerschütterungen noch einmal Basketball spielen kann, ist ungewiss.

Ohnehin haben die Skyliners seit Jahren mit Verletzungssorgen zu kämpfen – auch in dieser Saison. Ex-Trainer Gordon Herbert beklagte fast jedes Jahr, dass er so etwas noch nie erlebt habe. Pech ist das eine, die Fehler in der Kaderplanung das andere. Seit Kamil Novak im Oktober 2012 zum Weltverband Fiba gewechselt ist, haben die Skyliners keinen Sportdirektor mehr, der als Bindeglied zwischen Team und Klubführung agiert. Gunnar Wöbke managt das in Personalunion selbst.

Bei den ausländischen Spielern hat Herbert mit seinem Netzwerk, das er sich über die Jahre aufgebaut hat, die Spieler ausgesucht. Doch auch der Kanadier hatte zuletzt kein glückliches Händchen mehr und lag öfter falsch, als richtig. Trotzdem hatte der Meistertrainer von 2004 noch die Autorität, um Wöbke kontra zu geben. Die kann Sebastian Gleim gar nicht haben und muss sich mit dem Budget begnügen, das Wöbke ihm für Transfers vorgibt. Schließlich hat er die Chance bekommen, seine ersten Schritte in der BBL zu machen. Der Kader wurde in dieser, der nächsten Übergangssaison, noch stärker als zuvor auf Kante genäht – und schon mit der Verletzung des etatmäßigen Spielmachers Anthony Hickey vor dem ersten Spiel fiel die ganze Planung wie ein Kartenhaus zusammen.

Im Sommer steht den Skyliners in allen Bereichen ein großer Umbruch bevor. Aus dem aktuellen BBL-Kader besitzen nur Freudenberg und Robertson einen Vertrag über dieses Jahr hinaus. Ob Gordon Herbert, der die kanadische Nationalmannschaft bis 2021 betreut, zurückkehren wird, ist offen. Gunnar Wöbke steht vor wegweisenden Entscheidungen, die er selbst in die Hand nehmen kann. Beim Hallenthema kann er es nicht.

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