Fordert „aggressiven“ Basketball: Sebastian Gleim.
+
Fordert „aggressiven“ Basketball: Sebastian Gleim (in der Hocke).

Basketball

Frankfurt Skyliners: „Playoffs wären ein riesiger Erfolg“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
    schließen

Sebastian Gleim spricht über sein erstes Jahr als Cheftrainer der Frankfurt Skyliners, seine Basketball-Philosophie, die Spielersuche und Ziele in ungewissen Zeiten.

Herr Gleim, was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse und Lernprozesse in Ihrem ersten Jahr als BBL-Headcoach?

Der erste Schritt war, ein Netzwerk aufzubauen, das weltweit gewisse Märkte abdeckt. Das hat enorm viel Zeit in Anspruch genommen, drei bis vier Monate Fulltime-Work, um von A nach B zu kommen. Häufig haben Agenturen nicht nur einen Agenten, sondern bis zu 20 Ansprechpartner für die verschiedenen Länder. Im jetzigen Sommer ist die Situation natürlich anders. Das Netzwerk ist riesig geworden, weil ich auch während der Saison viel Zeit investiert habe. Recruiting ist das A und O, um einerseits das Beste rauszuholen. Andererseits will man so wenig Zeitverlust wie möglich haben, um nicht der Letzte in der Kette bei interessanten Spielern zu sein. Der zweite Punkt waren die Abläufe mit dem Spielplan...

Der war ja höchst unterschiedlich vergangene Spielzeit.

... Der war definitiv anders als ein Rhythmus mit einem Spiel die Woche. Wir hatten mal vier Wochen nichts, dann drei Spiele in kurzer Zeit – dazu noch mit Verletzten. Der Umgang damit war sehr lehrreich. Genauso wie das Finalturnier mit einem Spiel alle zwei Tage. Und der letzte Punkt war das Improvisieren, Justieren und Kompensieren dieser schwierigen Verletzungen.

Das hat sich ja die gesamte Saison durchgezogen.

Das fängt mit Niklas Kiel an und zieht sich dann durch mit immer wieder neuen kleinen und größeren Verletzungen. Es war extrem anspruchsvoll, das immer wieder neu auszurichten, Positionen zu verändern und ohne Point Guard zu spielen. Darauf würde ich gerne nächste Saison verzichten. Am Ende haben wir nicht so viele Siege geholt, wie wir uns das vorgestellt haben. Trotzdem haben wir es in einigen Spielen geschafft, besser zu spielen, ob mit oder ohne Sieg, als man das so erwarten konnte aufgrund unser Personalsituation. Das mag ein Außenstehender nicht ganz so sehen, ich sehe das auch im Nachhinein so. Ich bin mit dem Abschneiden des Finalturniers aufgrund der Umstände und Hindernisse sehr zufrieden.

Lassen Sie uns über Ihre Spielphilosophie sprechen. Was sind die zentralen Elemente auf die Sie Wert legen?

Das zentrale Element wird immer Verteidigung sein. Das ist die Komponente, mit der man das Spiel am größten beeinflussen kann. Offensiv brauchst du Talent. Du brauchst Spieler, die produzieren und da ist es ganz klar meine Idee, dass wir aggressiv und schnell spielen und viele Spieler haben, die Pick and roll spielen. Früher haben wir immer gesagt: Du musst deinen Mann stoppen können, du musst deinen Mann ausboxen können und du musst den Ball bewegen können. Ich habe das konkretisiert.

Wie?

Für mich ist, du musst deinen Mann stoppen können und ausboxen können, ein Punkt. Das zweite ist: Du musst den Ball im Pick and roll spielen und bewegen können. Im Basketball musst du Vorteile herstellen können, nicht nur für dich selbst, sondern im Fünf gegen Fünf. Der dritte Punkt ist: Du musst dem Team etwas geben. Vor allem Dinge, die nicht auf dem normalen Statistikbogen wiederzufinden sind. Für mich steht das Team an erster Stelle. Der vierte Punkt ist, dass man werfen kann. Das sind meine vier Punkte für die Zukunft. Zum einen für die Spielerausbildung. Zum anderen für das Spiel in der BBL. Leon Kratzer als Center schließe ich dabei immer ein bisschen aus. Das ist ein spezieller Spieler, der woanders Vorteile schafft.

Werden wir nächste Saison also noch mehr small-ball von den Skyliners sehen?

Länge kostet Geld und wenn du das nicht haben kannst, brauchst du Physis und Skills. Und dann wirst du eben kleiner.

Zur Person

Sebastian Gleim , 36, ist seit Mai 2019 Cheftrainer der Frankfurt Skyliners. Zuvor war er fünf Jahre lang im Nachwuchs des hessischen Basketball-Bundesligisten tätig. Der gebürtige Bad Hersfelder hat seinen Diplomtrainer an der Trainerakademie in Köln absolviert hat und ist nebenbei auch noch Bachelor der Sportwissenschaften. FR

Was sind Ihre Ideen, damit die Skyliners wieder ein Klub werden, der regelmäßig um die Playoff-Plätze mitspielen kann?

Wenn wir vergangene Saison die sechs Spiele, die wir mit einem Punkt verloren haben, gewonnen hätten, würden wir jetzt alle sagen, die Saison war überraschend gut. Du musst immer deine Aufgabe so gut es geht machen. Wir haben noch kein Budget. Wenn du es hast, musst du es so effektiv wie möglich einsetzen. Wir haben mit Len Schoormann, Bruno Vrcic und Maxi Begue Spieler im Kader, die langfristig Profis werden und kleine Rollen übernehmen können. Wenn sie sich so entwickeln, wie wir uns das vorstellen.

Wie ist das Scouting aufgeteilt?

Ich bin die Schnittstelle zwischen Gunnar Wöbke und dem Trainerteam. Ich habe in jedem Land Scouts, mit denen ich mich austausche, die mich als Scout in Deutschland nutzen für Spieler von der Pro B bis zum NBA-Perspektivspieler. Im Gegenzug bekomme ich dann Infos aus anderen Ligen. Dann gibt es Trainer, mit denen ich mich austausche und verteile dann die Aufgaben an meinen Co-Trainer Klaus Perwas und früher Danny (Herbert, Anm. d. Red., ehemaliger Assistenztrainer).

Wie konkret sind die Listen?

Die Zahl der Spieler, die bei uns infrage kämen, ist ungefähr bei 100. Die Hälfte davon ist komplett analysiert. Sprich: Verletzungen, Charakter, Stärken, Schwächen, Ziele. Konkret habe ich mit vier Spielern gesprochen. Das geht jetzt jeden Tag so. Aus der Liste geht dann auch wieder ein Spieler raus und wieder rein. Das ist sehr komplex. Du hast zum Beispiel einen Rookie vom College, den du dir angucken willst, aber dessen Agent die Vorstellung hat, dass er in die NBA geht. Dann geht er die G-League, schafft den Schritt nicht und ist plötzlich ein billiger Bundesligaspieler. Das ist ein Prozess, den man stetig begleiten muss.

Was sind die entscheidenden Statistiken, wenn Sie nach Spielern schauen?

Pick-and-roll-Fähigkeit. Nicht nur auf den kleinen, sondern auch auf den großen Positionen. Die Spieler müssen den Ball bewegen wollen, also einen gewissen Basketball-IQ mitbringen. Das ist das Idealbild. Für mich ist Kreativität nicht, der macht etwas, das künstlerisch endet, aber ineffektiv ist, sondern er kann kreieren und einen Vorteil herstellen. Der Spieler muss in der Lage sein, defensiv stabil zu sein. Du kannst dir heutzutage keinen Spieler erlauben, der defensiv im Minus ist. Und dann ist mir wichtig, gute Charaktere in der Mannschaft zu haben.

Warum werden die Skyliners mehr Spiele gewinnen als vergangene Saison?

Ich denke immer positiv. Ich glaube, dass die Liga völlig ungewiss ist. Keiner weiß, was wirklich passiert, wie die Kader aussehen werden. Ich glaube schon, dass wir aus den letzten Jahren gewisse Lehren gezogen haben und auf jeden Fall einfach auch besser spielen wollen. Ich tue mich schwer, nicht weil ich es wegreden will, zu sagen: Wir bilden Len, Bruno und Maxi aus und gewinnen mehr Spiele. Sie können trotzdem durch Leidenschaft, Wille und kleine Aufgaben auf dem Feld zu jedem Sieg beitragen. Das sind Dinge, die wir immer von ihnen erwarten. Den größeren Anteil, um Spiele zu gewinnen, erwarten wir von den erfahreneren Spielern.

Was sind die Ziele für nächste Saison?

Im nächsten Jahr wird es eine große Aufgabe sein, erstmal stabil zu spielen. Wir sind jetzt im Jahr 2020 und nicht 2009. Die Bundesliga hat sich verändert. Die Playoffs wären ein riesiger Erfolg. Dennoch müssen wir andere Wege finden, dieses Ziel zu erreichen. Wir bleiben uns treu, junge Spieler auf das BBL-Niveau zu bringen.

Interview: Timur Tinç

Kommentare