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Fragwürdige Praxis

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Von: Frank Hellmann

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Yasemin Can aus Kenia startet für die Türkei und holt Gold.
Yasemin Can aus Kenia startet für die Türkei und holt Gold. © dpa

Etikettenschwindel bei der Leichtathletik-EM. Die Siegerin über 10 000 Meter, Yasemin Can, hieß früher Vivian Jemutai. Der Kommentar.

Konstanze Klosterhalfen, das spürten die Zuschauenden unter dem Zeltdach des Olympiastadions am Montagabend genauso wie am Fernseher, hatte wirklich alles aus sich herausgeholt. Sie wollte zum Abschluss des ersten Leichtathletik-Tages eine Medaille erlaufen, obwohl die 10 000 Meter nicht ihre Paradedisziplin sind. Trotzdem reichten ihre 31:05,21 Minuten nur zu Platz vier.

Ihre Enttäuschung war groß, die Tempoverschärfung nicht mitgehen zu können. Der 25-Jährigen zogen zwei Athletinnen davon, die gar nicht aus Europa stammten. Gold ging an die Türkin Yasemin Can, Bronze an Lonah Chemtai Salpeter aus Israel – und beide stammen aus Kenia. Yasemin Can hieß früher Vivian Jemutai. Seit März 2015 lebt die 25-Jährige in der Türkei, die Einbürgerung erfolgte flott zwei Monate später. Namenswechsel inklusive. Ähnlich geht gerne auch Israels Leichtathletik-Verband vor. Wobei es an der Vita von Lonah Chemtai Salpeter nichts auszusetzen gibt: Die 33-Jährige kam bereits 2008 nach Israel, um als Kindermädchen für einen Diplomaten der kenianischen Botschaft zu arbeiten. Sie lernte ihren späteren Trainer Dan Salpeter kennen, den sie 2014 heiratete.

Ihre Verbindung ist also ähnlich fest wie die vom deutschen Marathonläufer Amanal Petros, der 2012 als Flüchtling aus Äthiopien nach Deutschland kam. Der gebürtige Eritreer läuft für den Deutschen Leichtathletik-Verband als Musterbeispiel für Integration voran. Doch es gibt viele Gegenbeispiele, in denen der Nationenwechsel nur dazu dient, um gegen gutes Geld das Medaillenkonto aufzustocken. Man kennt das von der Handball-WM 2017 in Katar, als der Gastgeber mit fürstlich entlohnten Legionären aus Osteuropa gegen Deutschland gewann. Kasachstan geht in der Leichtathletik genauso vor: So gewann die gebürtige Kenianerin Norah Jeruto kürzlich in Eugene nämlich WM-Gold über 3000 Meter Hindernis für Kasachstan – und kassierte dafür angeblich 250 000 Dollar. Wäre sie für ihr Heimatland gelaufen, wären es 8000 Dollar gewesen. Auch Schwester Daisy Jepkemaei streift sich das blau-gelbe Trikot für die ehemalige Sowjetrepublik über. Oder die Langstreckenspezialistin Caroline Chepkoech Kipkirui.

Alle Athletinnen leben und trainieren übrigens weiterhin in Kenia. Wenn es keinerlei Bezug gibt, gehört die Einbürgerung aus solchen Motiven kritisch hinterfragt. Sonst handelt es sich bei einer Europameisterschaft irgendwann um Etikettenschwindel.

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