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Fleißbiene auf dem Eis

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Von: Günter Klein

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Strahlender Sieger: Nico Schulz mit der Trophäe.
Strahlender Sieger: Nico Schulz mit der Trophäe. © AFP

Malocher Nico Sturm gewinnt mit Colorado den Stanley Cup.

Fünf Minuten und 43 Sekunden hat Nico Sturm am Sonntagabend gespielt. Das ist ein überschaubarer Anteil an den 60 Minuten netto im Eishockey. Trotzdem gebührt ihm die gleiche Anerkennung wie seinen Kollegen, die über zwanzig Minuten Eiszeit abgerissen haben. Denn so funktionieren erfolgreiche Teams: Jeder respektiert die Rolle des anderen. Bei der Colorado Avalanche weiß ein Superstar wie Nathan McKinnon, dass er deswegen glänzen kann, weil ihm eine Fleißbiene wie Nico Sturm die belastende Drecksarbeit abnimmt. Gute Eishockeytrainer sind auch längst davon abgekommen, ihre Blöcke hierarchisch durchzunummerieren. „Der vierte Sturm“ ist eine Bezeichnung, die von den Rängen kommt, die Coaches sprechen von der „Energy Line“.

Durch den Erfolg von Nico Sturm mit Colorado war nun zum siebten Mal ein deutscher Spieler am Gewinn des Stanley Cup beteiligt. Auf fünf Akteure verteilen sich die Titel. Uwe Krupp als Siegtorschütze 1996 mit Colorado und Dennis Seidenberg als Konditionswunder der Boston Bruins 2011 hatten tragende Rollen, bei den anderen zeigte sich, dass man opferbereit sein muss: Tom Kühnhackl spielte sich schon seit fünfeinhalb Jahren durch die nordamerikanischen Minor Leagues, ehe die berühmten Pittsburgh Penguins ihn zu sich holten – drüben musste der Mann mit dem in Deutschland wohlbekannten Eishockey-Namen als Nobody anfangen. Er war am Cup-Gewinn 2016 und 2017 beteiligt. Philipp Grubauer triumphierte 2018 – als zweiter Torhüter in Washington, der in den Playoffs nur noch zu zwei Einsätzen kam.

Die deutschen Spieler profitieren vom System des Profisports in Nordamerika. Keine Mannschaft kann ein reines All-Star-Team sein (wie im europäischen Fußball FC Bayern, Real Madrid, Paris Saint-Germain), sondern muss neben den Stars auch die Arbeiterklasse beschäftigen – es ist eine Struktur, die sich aus den Etat-Beschränkungen ergibt und die hilft, den Wettbewerb zu wahren. So kann auch ein individuell nicht gesegneter Spieler seinen Platz in einer Erfolgsgeschichte finden.

Natürlich ist Leon Draisaitl der mit Abstand beste deutsche Eishockeyspieler. Er ist unersetzbar, er prägt seinen Klub, die Edmonton Oilers. Nico Sturm ist austauschbar – aber in diesem Sommer 2022 ein glücklicherer Spieler als all die Promis, für die die NHL-Finalserie nur TV-Erlebnis war. Draisaitl würde mit ihm tauschen wollen.

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