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Höhepunkt des Jahres für den deutschen Frauenfußball: der Olympiasieg in Rio.

Interview mit Siegfried Dietrich

„Die Frauen-Bundesliga kann sich warm anziehen“

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Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, über die Erwartungshaltung an Steffi Jones, Integration im Verein und neue Konkurrenz aus England. (FR+)

Siegfried Dietrich gilt als einer der einflussreichsten Strippenzieher im deutschen Frauenfußball. Sein Verein, der 1. FFC Frankfurt, dessen Geschicke Dietrichs Agentur Sidi-Sportmanagement lenkt, hat sportlich zwar den Anschluss an die Spitzenteams in Deutschland verloren, aber der 59-Jährige beobachtet aufmerksam die nationalen und internationalen Entwicklungen und spart im FR-Interview kein Thema aus.

Sie sind über den Jahreswechsel oft in Kapstadt, sitzt der Manager des 1. FFC Frankfurt dann in der Sonne und lässt die Seele baumeln?
Ich werde nicht viel sitzen, sondern mich bewegen. Strandspaziergänge, Wandern, Golf spielen, ohne an das Geschäft zu denken. Das bringt frische Energie. Ich habe eine Tradition, dass ich mich am 1. Januar direkt am Kap der guten Hoffnung aufhalte, einen Stein oder eine Münze ins Wasser werfe, da bin ich ein bisschen abergläubisch. Diesmal werde ich auch wieder einen Satz Trikots nach Südafrika mitnehmen und einer Township-Mannschaft zur Verfügung stellen.

Wenn man im Jahresrückblick auf den Frauenfußball schaut, fällt einem zuerst der Olympiasieg der Frauen ein. Aber nicht das DFB-Team, sondern das Beachvolleyball-Team ist zur Mannschaft des Jahres gewählt worden. Stimmt der Eindruck, dass vom ersten Olympiasieg nicht die Strahlkraft wie beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2003 oder 2007 ausging?
Die Weltmeisterschaften haben natürlich ein Alleinstellungsmerkmal. Bei den Olympischen Spielen gibt es andere Sportarten. Und die Nationalmannschaft sowie die Vereine in Deutschland haben schon viele Titel gewonnen – ich finde es normal, dass nicht immer der Fußball im Rampenlicht steht, der sowieso 90 Prozent der Wahrnehmung im Sport einnimmt. Das schmälert aber nicht den Olympiasieg. Der war wichtig und zeigt die Kontinuität und Konstanz, die die Frauennationalmannschaft beim Gewinnen von Titeln an den Tag legt.

Steffi Jones, eine ihrer längsten Wegbegleiterinnen, hat die Mannschaft anschließend übernommen …
… alle Aufgaben, die Steffi Jones jemals in die Hand genommen hat, ob das Fußballspielen, soziale Projekte oder der Posten als OK-Chefin der WM 2011, sind gelungen.

Hat sich die Atmosphäre mit den Vereinen, die unter Silvia Neid bei der WM 2015 teilweise – auch von Ihrer Seite – kritikwürdig war, verbessert?
Ich habe mit Silvia Neid immer einen besseren Draht gehabt, als sich das teilweise angehört hat. Steffi Jones ist ein Typ einer anderen Kommunikations-Generation. Das lebt sie auf sehr, sehr hohem Niveau. Sie ist eine, die Probleme und Perspektiven gerne ausspricht. Das ist die Chance für die neue Nationalmannschaft, enger mit der Liga zusammenzuarbeiten.

Im neuen Jahr ist die EM in den Niederlanden, Silvia Neid hat durch den Olympiasieg und die sechs EM-Titel einen Riesenrucksack hinterlassen – kann Jones den Erwartungen in irgendeiner Form vorbauen?
Jeder Wettbewerb beginnt bei null. Steffi wird das als Ansporn sehen, sie kennt die Nationalmannschaft und den Anspruch. Es geht darum, die Nationalmannschaft jetzt mit neuen Ideen und jungen Spielerinnen weiterzuführen – und dabei erfolgreich zu bleiben.

Im Fifa-Programm 2.0 steht geschrieben, dass statt 30 Millionen in den nächsten zehn Jahren 60 Millionen Mädchen und Frauen Fußball spielen sollen?
Man braucht nur in irgendeine Schule zu gehen: Es spielen immer mehr Mädchen Fußball. Man muss entsprechende Voraussetzungen in den Verbänden, Vereinen und Schulen schaffen, damit dieses Interesse gefördert wird. Dementsprechend wünsche ich mir von jedem Verband, dass Frauenfußball in der Gesamtausrichtung eine zweite Marke darstellt. Bei der Fifa soll es eine Abteilung geben, die weltweit den Frauenfußball weiterentwickelt. Wenn man dafür 300 Millionen Euro ausgibt, wird das auch Ergebnisse bringen.

Es scheint ein Problem, dass es im Frauenfußball nicht so selbstverständlich wie bei den Männern gelingt, Menschen mit Migrationshintergrund zum Fußball zu bringen. Steffi Jones hat deshalb mit der Berufung der türkischstämmigen Nationalspielerin Hasret Kayikci ein Zeichen setzen wollen. Was macht konkret der 1. FFC Frankfurt?
Man muss Mädchen die Möglichkeit aufzeigen, wie sie sich in Sachen Fußball integrieren können. So führen wir gemeinsam mit Lotto Hessen die jährliche Aktion „Integration gewinnt“ durch, mit der wir in hessische Schulen gehen und gemeinsam mit Weltmeisterin Nia Künzer und aktuellen Nationalspielerinnen den Mädels mit Migrationshintergrund aufzuzeigen, wie schön Fußball ist. Steffi Jones ist das beste Beispiel: Sie war schon zu Zeiten der SG Praunheim unser „Pilotprojekt“. Außerdem haben wir zum Beispiel aktuell eine türkische U15-Nationalspielerin. Ich weiß aber nicht, wie viele Spielerinnen mit Migrationshintergrund gerade im Verein spielen, wir machen da auch keinen Unterschied. Für uns ist jedes Talent willkommen.

Haben Sie den Eindruck, dass bei Eltern aus dem muslimischen Kulturkreis dicke Bretter gebohrt werden müssen, weil die Mädchen sonst gar nicht in den Fußballverein kommen?
Den Eindruck habe ich nicht, ganz im Gegenteil: Ich habe häufig Eltern hier sitzen, die von sich aus kommen uns fragen: „Was können wir tun?“ Da gibt es viele Gespräche, da haben wir extra einen Jugendkoordinator, der sich eigens darum kümmert, solche Integrationsanliegen zu realisieren.

Wie viele Frauen- und Mädchenmannschaften gibt es eigentlich beim FFC?
Drei Frauenteams und dann U17, U16, U15. Alle spielen in der höchstmöglichen Liga. Wenn sie jünger sind, spielen sie entweder noch bei Jungsmannschaften oder bei Klubs, die jüngere Mädchenmannschaften haben.

Stichwort Nachwuchs: Ab 2018 wird es nur noch eine eingleisige zweite Frauen-Bundesliga geben. Und für ihre zweite Mannschaft gilt eine U20-Beschränkung mit nur drei älteren Spielerinnen. Ist das richtig?
Es ist der richtige Zeitpunkt, um die Qualität und Leistungsdichte in den beiden oberen Ligen anzunähern. Wenn ich mir unsere zweite Mannschaft ansehe, entspricht sie schon jetzt dem vorgegebenen Altersprofil. Nach wie vor ist es für die Topteams der Frauen-Bundesliga sehr wichtig, dass die besten Talente höchstmöglich spielen können.

Turbine Potsdam ist überraschend Herbstmeister vor den Favoriten VfL Wolfsburg und FC Bayern. Die Liga wirkt derzeit sehr ausgeglichen – trotz erheblicher finanzieller Unterschiede.
Das spricht dafür, dass nicht nur Geld Tore schießt. Langfristig aber werden Mannschaften wie Bayern und Wolfsburg, sicherlich auch Freiburg, die erste Geige spielen. Umso mehr freue ich mich allerdings, dass Potsdam nach einer Saison in der unteren Tabellenhälfte aktuell sogar ganz oben steht. Sie sind damit momentan für uns ein Vorbild, wie eine Mannschaft einen Umbruch hinbekommt. Bayern und Wolfsburg erleben gerade das, was wir zehn Jahre lang erlebt haben: drei Wettbewerbe plus Nationalmannschaft, da kommt ein gewisser Druck auf. Zwischen Platz drei und Platz sieben kann man noch nicht sagen, wer am Schluss welche Position einnimmt. Das spricht für mich für die stärkste Liga der Welt.

Ist das Investment der Männerlizenzvereine im Frauenfußball eher Fluch oder Segen?
Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es ein Segen ist und in Zukunft ein noch größerer Segen wird. Jeder Verein aus dem Männerbereich, der sich ernsthaft im Frauenfußball engagiert, ist ein positiver Schub für die Liga. Der Fluch ist, dass man sich dem stellen muss.

Wird diese Kluft aber nicht noch größer? Momentan spielen sieben Männerlizenzvereine in der ersten Liga.
Ich gehe sogar soweit, dass die Männervereine irgendwann Abteilungen aufbauen, die den Frauenfußball unternehmerisch betrachten und anstreben, eine zweite Marke im Verein zu etablieren. Wenn dann das reine Investment in den Hintergrund tritt, haben auch die traditionellen Frauenfußballvereine wie wir im Wettbewerb um die Sponsoren wieder eine Chance. Denn wir können die Sponsoren ohne Rücksicht auf bestehende Partnerschaften im Männerbereich präsentieren. Dafür wird es aber in Zukunft extrem wichtig sein, dass es weiter regelmäßige Fernsehzeiten gibt. Und wir brauchen für die Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit wieder mehr Gesichter wie Nia Künzer, Steffi Jones oder Birgit Prinz. Dieser Entwicklungsprozess muss von den Vereinen und vom DFB gelebt werden.

Wenn man international sieht, was in England einige Vereine planen, dann könnte es sein, dass die Vormachtstellung der deutschen Vereine in der Women’s Champions League bald vorbei ist.
Ich denke, die Frauen-Bundesliga darf und kann sich warm anziehen. Die Champions League beginnt spannender und interessanter zu werden. Wenn jetzt auch englische Vereine wie zuvor Paris und Lyon hohe Summen bei den Frauen verteilen: Für die ist es ein Fingerschnippen – und eine Dimension, mit der wir aktuell auf keinen Fall mithalten können.

Die Chelsea Ladies haben bereits Ramona Bachmann vom VfL Wolfsburg verpflichtet. Sie soll ein fünfstelliges Monatsgehalt kassieren. Haben Sie Bauchschmerzen bei diesen Summen?
Ich würde mir wünschen, dass die Spielerinnen in Zukunft alle mehr Geld verdienen, weil ich gerne Profis sehe, die Fußball denken, die Fußball leben. Ich denke, in Lyon gibt es auch Spielerinnen, die Beträge in diesen Dimensionen verdienen. Das ist eigentlich eine positive Entwicklung, auch wenn viele Vereine hier noch nicht mithalten können. In Deutschland haben allerdings viele Fußballerinnen klugerweise weiterhin den Blick auf die duale Karriere.

Der FFC hat im Sommer Dzsenifer Marozsán verloren, weil er finanziell nicht mit Lyon mithalten konnte. Werden zukünftig auch Nationalspielerinnen wie Melanie Leupholz, Sara Däbritz oder Leonie Maier vielleicht in England spielen?
Das kann sehr schnell passieren. In Europa ist mittlerweile viel möglich – auch im Frauenfußball.

Im Heimspiel-Magazin des 1. FFC Frankfurt hat Duisburgs Trainerin Inka Grings gesagt, der FFC hätte in seinen erfolgreichen Jahren seine Nachwuchsarbeit vernachlässigt.
Die Intensität unserer intensiven Talentförderung war von außen eher schwer zu beurteilen: Wir haben immer gute Nachwuchsarbeit geleistet – mit dem Unterschied, dass die jungen Spielerinnen keine Chance hatten, weil wir als Nummer eins in Deutschland auf Europa ausgerichtet waren. Das hat sich jetzt geändert, aus finanziellen Gründen, aber auch weil die Qualität von den Nachwuchsspielerinnen mittlerweile so groß ist, dass man sie sehr gut einbauen kann. Gerade hier im Rhein-Main-Gebiet. Wir haben die Eliteschule des Fußballs, die Carl-von-Weinberg-Schule, mit mehr als 40 Schülerinnen, die bei uns Fußball spielen.

Vor der Saison haben Sie gesagt, man werde versuchen, mehr Fans über soziale Medien einzubinden. Die Websites vieler Vereine wirkten allerdings veraltet.
Die tägliche Arbeit in den sozialen Netzwerken muss wie die Entwicklung der Gesamtstrukturen professionalisiert werden. Beim FFC kümmern sich zwei, drei Angestellte meiner Agentur regelmäßig auch um die Pflege der Onlineauftritte – der Facebook-Ticker ist ein Alleinstellungsmerkmal. Live-Videos von Testspielen oder Videos von Spielerinnen außerhalb des Spielbetriebs wollen wir weiter ausbauen. Das saugen die Fans auf. Es reicht nicht mehr, nur gute Spielerinnen zu haben.

Wann wird es nach dem Rücktritt von Bodo Adler einen neuen Präsidenten geben?
Momentan werden die Geschäfte ja von vier sehr engagierten Stellvertreterinnen bestens geführt. Im neuen Jahr wird sich der Vorstand zusammensetzen, und wir werden gemeinsam nach einer geeigneten Person suchen.

Und wie lange werden Sie noch beim FFC sein?
Ich spüre momentan wieder neue große Motivation. Irgendwie macht einen das noch einmal richtig heiß, den FFC in ein neues Fahrwasser für eine stabile und wettbewerbsfähige Zukunft zu bringen. Aktuell fühle ich mich noch jung genug, um weiterhin einiges zu bewegen. Dass man irgendwann auch noch mal andere Lebensqualitäten genießen will, das steht außer Frage, aber das ist für mich noch kein Dauerprogramm.

Würde Kapstadt dann Ihr Altersruhesitz werden?
Ich lebe wahnsinnig gerne in Deutschland – und ich liebe Kapstadt. Dort Kraft zu tanken und dann wieder herkommen, das ist meine Lebensqualität. Ich werde sicherlich irgendwann statt einem Monat, zwei, drei Monate am Kap der guten Hoffnung sein – aber mein Altersruhesitz wird in Deutschland sein.

Interview: Paul Schönwetter und Frank Hellmann

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