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Muss noch ein Spiel aussetzen: der gesperrte Marco Reus.

Borussia Dortmund

„Dem BVB fehlt ein richtiger Leader“

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Der Sportpsychologe Matthias Herzog über die Gründe des Dortmunder Einbruchs.

Borussia Dortmund hatte die Meisterschaft auf dem Silbertablett – und steht nun zwei Spieltage vor Schluss mit vier Punkten Rückstand hinter dem FC Bayern München auf dem zweiten Platz. Ein Grund dafür: Der BVB hat einfach zu oft Führungen verspielt. „Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle“, meint Sportpsychologe und Mentaltrainer Matthias Herzog.

Der 42-Jährige hat schon viele Sportler beraten. Er weiß, wie es im Profigeschäft zugeht. Bezeichnend etwa für die Dortmunder Saison: Das 3:3-Unentschieden am 21. Spieltag gegen die TSG 1899 Hoffenheim – nach einer Drei-Tore-Führung. Mentaltrainer Herzog sieht für einen solchen Einbruch drei Ursachen:

1. „Es ist auch immer eine taktische Vorgabe des Trainers: Verwaltet erst mal, ihr müsst nicht gleich nachsetzen.“

2. „Spieler fahren die Energie herunter, wenn sie führen, und strengen sich vielleicht nicht mehr so an. Da fehlt dann der Killerinstinkt wie bei RB Leipzig oder den Bayern früher. Man muss dem Gegner einfach den Todesstoß verpassen wollen.“

3. „Beim BVB ist das Problem leider bei einem Unentschieden oder Gegentor, dass die Spieler nervös werden. Das ist ein Déjà-vu-Effekt: Hoffentlich passiert uns das nicht wieder. Das Problem an der Sache: Das Wort ‚nicht‘ kann unser Kopf nicht verarbeiten. Wenn wir daran denken, nicht zu verlieren, dann verlieren wir“, meint Herzog.

Matthias Herzog ist Sportpsychologe und Mentaltrainer. Der 42-Jährige berät viele Sportler.

Um dem entgegenzuwirken, braucht es auf dem Platz einen Anführer. Herzog stellt eine gewagte These auf: „Dem BVB fehlt ein richtiger Leader“, sagt er. Marco Reus spielt zwar die wohl beste Saison seines Lebens und ist ein begnadeter Fußballer. „Er kann aber noch keine großen Erfolge vorweisen“, so Herzog. Der bisher einzige große Erfolg des 29-jährigen Reus ist der DFB-Pokalsieg mit den Dortmundern 2017. Herzog: „Reus ist keiner, der seine Mannschaft nach vorne treibt. Du brauchst einen extrovertierten Anführer, der vorangeht. Es sind alle etwas ‚weichgespült‘ – wie etwa auch bei der deutschen Nationalmannschaft.“

Experte Herzog geht noch einen Schritt weiter, zweifelt gar an der Vorbildfunktion des BVB-Kapitäns. „Wenn du noch viele junge, unerfahrene Spieler hast, gucken die auf Reus – und der sitzt, ohne es zu dürfen, mit einer Rotsperre neben der Bank oder ist ohne Führerschein Auto gefahren“, sagt der Sportpsychologe. Zugegeben: Eine provokante Aussage. Denn: Reus hat sich als Spieler und als Kapitän positiv entwickelt.

Einen Vorschlag hat Herzog allerdings, um den Anführer-Mangel zu umgehen. „Du musst die Position des Leaders aufteilen“, sagt er. In anderen Sportarten sei das bereits üblich. Der 42-Jährige unterscheidet dabei vier Typen innerhalb einer Mannschaft: „Es muss einen emotionalen Leader geben, der auf dem Platz vorangeht. Dann braucht man Spaßtypen, wie etwa Thomas Müller bei den Bayern oder Lukas Podolski früher in der Nationalmannschaft – diese lockeren Kerle eben. Dann brauchst du Unterstützertypen, die wie Mutter Theresa auf dem Platz agieren und in Ruhe sich um alles kümmern. Bestes Beispiel ist und war Philipp Lahm. Dann brauchst du die Strategen – ich nenne sie die Schnürsenkel-Bügler – auf dem Platz. Gerade bei den Abwehrspielern sind solche Typen gefragt, die die Ketten verschieben und hinten die Ordnung halten.“

Wenn all das umgesetzt wird, bleibt aber noch eine weitere Hürde zu überwinden. In der Bundesliga dominiert der FC Bayern München. „Du weißt, du bekommst nicht so oft die Chance, den Titel zu holen. Da ist der Druck einfach noch größer“, erklärt Herzog. Und wie lässt sich damit umgehen? „Sie müssen die Gegner platt spielen. Ich habe keine Ahnung, warum Spieler überhaupt das Spielen einstellen. Die Partie geht 90 Minuten, und dann darf man eben erst nach Abpfiff abschalten“, sagt der Sportpsychologe. Sein Tipp für die Borussia: „Verwalten und sich defensiv zurückziehen ist nicht die Art des BVB. Es ist wie bei Kindern: Du kannst sie nicht spielen lassen und dann mittendrin sagen, dass sie sich hinsetzen sollen und die Klappe halten müssen – sie müssen sich stattdessen weiter austoben.“

Dann wäre aus dem 3:3 gegen Hoffenheim vielleicht ein 6:0 für den BVB geworden – und die Aussichten auf eine schwarz-gelbe Meisterschaft wären größer.

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