Nur ein Luftballon oder ein Positionspapier mit Zukunft? Der FC St. Pauli hat konkrete Vorschläge, um die Bundesliga zu reformieren.
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Nur ein Luftballon oder ein Positionspapier mit Zukunft? Der FC St. Pauli hat konkrete Vorschläge, um die Bundesliga zu reformieren.

TV-Gelder

FC St. Pauli plant Revolution

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Zweitligist schlägt in einem Positionspapier völlig neue Verteilung der TV-Gelder zugunsten der finanzschwächeren Klubs vor, um den Spitzenkampf wieder spannend zu gestalten.

Früher war es spannender in der Fußball-Bundesliga. Warum? Schauen wir 28 Jahre zurück. In der Saison 1992/93 nahm Meister VfB Stuttgart insgesamt umgerechnet etwa 10,3 Millionen Euro ein (davon zwei Millionen vom Fernsehen), Europapokalsieger Werder Bremen 13,3 Millionen Euro (2,5 vom TV), der FC Bayern München, der die Vorsaison als Zehnter (!) abgeschlossen hatte, 16,5 Millionen Euro (wie Werder 2,5 vom Fernsehen). Die Differenzen waren derart gering, dass Klubs wie Bremen, Frankfurt, Stuttgart, Köln Kaiserslautern oder gar Freiburg (1996 Dritter mit nur drei Punkten Rückstand auf Meister BVB) neben Dortmund, Leverkusen und Schalke durchaus Chancen besaßen, um den Titel mitzuspielen oder diesen sogar zu holen.

Die deutsche Eliteklasse war seinerzeit noch weit davon entfernt, dass es, wie der FC St. Pauli jetzt in einem bemerkenswert dezidierten 16-seitigen Positionspapier rügte, „Etatunterschiede von bis zu ca. 1000 Prozent innerhalb der Bundesliga gibt“. Die Probleme des Systems seien „nicht durch die Corona-Pandemie verursacht, sondern treten vor diesem Hintergrund nur umso deutlicher zutage“, argumentieren die Autoren des Positionspapiers. Der Klub und seine Fanszene diagnostizieren für den Bundesligabetrieb ganz grundsätzlich eine „Entfremdung von den Fans“.

1991 begann der Sky-Vorgänger Premiere mit der Übertragung eines Topspiels im Pay TV, in der Saison 1992/93 erfand die Uefa die Champions League, die fortan die Schere immer weiter auseinandergehen und die Umsätze explodieren ließen. Die Bayern setzen inzwischen eine Dreiviertelmilliarde Euro um, Absteiger FC Paderborn knapp 50 Millionen. Aber auch der Abstand der Bayern zu den unmittelbaren Verfolgern ist fundamental. Grob überschlagen 750 (Bayern) zu 500 (Dortmund) zu 300 Millionen Euro (Leipzig). Da Geld Tore schießt, wurde der FC Bayern nun achtmal in Folge Meister. St. Pauli will das neue Nachdenken in der Corona-Krise nun vorantreiben und schreibt: „Es darf in einer international so renommierten Liga wie der Bundesliga nicht sein, dass die Frage nach der Meisterschaft schon vor dem ersten Spieltag zur Nebensächlichkeit gerät.“

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Das sehen viele Fans, die nicht dem FC Bayern zugeneigt sind, ähnlich. Und auch die nationalen Medienpartner (Sky, Dazn, ARD, ZDF, Sport1) wie auch die internationalen TV-Stationen hätten dringlich lieber einen spannenderen Wettbewerb. Experten sind sicher, dass nicht nur Corona Schuld daran ist, dass für die Saison 2021/22 nur noch 1,2 Milliarden Euro aus nationaler und internationaler Vermarktung an die Bundesliga fließen werden.

Allein für das Spieljahr 2020/2021 hatten vor der Pandemie ursprünglich noch gigantische 1,65 Milliarden Euro (1,4 Milliarden national, 250 Millionen international) vom Fernsehen und Streamingdiensten an die Deutsche Fußball-Liga überwiesen werden sollen. Derart heftige Umsatzeinbußen ist man im deutschen Profifußball seit der Kirch-Krise kurz nach der Jahrtausendwende nicht mehr gewohnt.

Nicht nur der gut 20-prozentigen Rückgang der TV-Erlöse, der für Mittelklasseklubs rund acht bis zehn Millionen Euro fehlender Einnahmen pro Saison ausmacht, führt nun dazu, dass der Kampf um die Verteilung ab 2021 härter denn je ausgetragen werden dürfte. Um einer Eskalation vorzubeugen, hat das DFL-Präsidium beschlossen, drei Regionalkonferenzen zum Thema zu veranstalten. „Diese sollen den Klubs der Bundesliga und Zweiten Bundesliga als Möglichkeit zum Austausch dienen“, heißt es aus dem Hause DFL.

Der Mainzer Finanzboss Jan Lehmann hat dazu im „Kicker“ einen Vorschlag unterbreitet. Er will, dass die zu erwartenden rund 1,2 Milliarden Euro aus nationaler UND internationaler Vermarktung ab 2021 an alle Erstligisten zu gleichen Teilen ausgezahlt werden und nicht - wie zuletzt - die Bayern rund das Vierfache des Tabellenletzten überwiesen bekommen. Auch die zweite Liga soll laut Lehmann künftig mehr als die aktuellen 20 Prozent der Gesamtmedienerlöse verbuchen. Allen voran Werder Bremen, Fortuna Düsseldorf und der FC St. Pauli schließen sich dem Mainzer gedanklich öffentlich an. Sie verweisen dabei auch darauf, dass der nationale Dominator Bayern aus der Champions League Jahr für Jahr trotz zuletzt frühen Ausscheidens mehr als 80 Millionen Euro allein aus Uefa-Töpfen kassierte. „Die TV-Gelder aus den internationalen Wettbewerben sind Gift für die Wettbewerbsfähigkeit in den nationalen Ligen“, sagt Düsseldorfs Vorstandschef Thomas Röttgermann. Denn die Reichen werden dadurch immer reicher, die Ärmeren neigen dazu, überzuinvestieren, um international dabei zu sein und sich damit schamlos zu überheben (siehe Schalke 04).

St. Pauli fordert deshalb, dass die Uefa-Prämien gar nicht an die Teilnehmer ausgeschüttet werden, sondern komplett an die Ligen, um dort „gleichmäßiger und wettbewerbsschonender verteilt“ zu werden. Bayern, Dortmund und Leipzig haben bereits durchblicken lassen, dass sie von solchen Ideen nichts halten.. Sie wollen ihre Leistung und ihren Marktwert weiter in den TV-Erlösen abgebildet sehen. „Ohne den FC Bayern und ohne Borussia Dortmund würden wir diese Ergebnisse bei den TV-Geldern gar nicht erzielen“, argumentiert etwa Leipzigs Boss Oliver Mintzlaff.

Der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Grindel hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt und ist zu der Erkenntnis gelangt: „Eine Gleichverteilung der TV-Gelder greift zu kurz.“ Die Abstände seien derart gravierend, „dass man mit 30 oder 40 Millionen, die man den Bayern von den Fernsehgeldern abziehen könnte, zwar deren Wettbewerbsfähigkeit auf europäischer Ebene schwächt, aber in der Bundesliga keinen entscheidenden Effekt erzielen würde.“ Ergo, so Grindel: „Es muss vermieden werden, dass die Versuche, für mehr Wettbewerbsbalance zu sorgen, am Ende nur die Wettbewerbsfähigkeit unserer Topklubs auf europäischer Ebene schwächen, aber nicht für mehr Spannung in der Meisterschaft führen.“

Der FC St. Pauli mit dessen Vordenker, Präsident Oke Göttlich, an der Spitze, hält komplett gegen diese Argumentation: „Die DFL muss eine Haltung entwickeln, die sich auch eine Regulierung und Orientierung abseits des ewigen Dogmas der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zutraut.“ Die Kernfrage ist nun: Kann sich DFL-Präsidiumsmitglied Göttlich in dem Gremium, das bis Jahresende eine Entscheidung herbeiführen soll, durchsetzen? Und: Welchen Einfluss wird die im September zu gründende Taskforce Zukunft Profifußball haben, in der auch Fans, externe Experten und Medien mitreden sollen? Dient sie womöglich nur als Papiertiger? Welche Rolle wird der mächtige DFL-Boss Christian Seifert einnehmen, der sich in der Vergangenheit deutlich an die Seite der Topklubs gestellt und gegen St. Pauli positioniert hat?

Der Zweitligist macht im Angesicht von Covic-19 deutlich: „Dass viele Vereine in dieser Krise in existenzielle Nöte geraten sind, muss eine Warnung sein und gleichzeitig Anlass für umfassende Veränderungen. Unkontrollierte Geldzuflüsse in das System Profifußball lösen die bestehenden Probleme nicht, sondern sind vielmehr in vielen Fällen ursächlich dafür.“ Die Unterstützung von Klubs wie Leverkusen oder Wolfsburg durch Mutterkonterkonzerne, aber auch das Konstrukt RB Leipzig ist dem weit überregional ausstrahlenden Hamburger Stadtteilklub ein Dorn im Auge, in Corona-Zeiten werde das noch deutlicher: „Während z.B. Werksklubs durch ihre externe Finanzierung eine hohe Planungssicherheit haben und Strukturen erhalten können, stehen insbesondere eigenständige Vereine vor existenziellen Problemen... In besonderem Maße absurd wirkt hier, dass gewachsene Traditionsvereine, die durch ihre regionale Bindung und eine große fankulturelle Basis wesentlich zum hohen Interesse an der Bundesliga und damit zu starken Quoten und Reichweiten beitragen, dadurch indirekt die Klubs unterstützen, die sich finanzieller Sonderwege bedienen. Hier muss es zu einer Neuausrichtung und -bewertung kommen.“

Der eingetragene Verein FC St. Pauli hat einen „Vertrauensverlust des Sports bei Fans und Öffentlichkeit“ ausgemacht, „die ihm in seiner professionellen Ausprägung häufig auch zu Recht mit Argwohn und Skepsis begegnen“. Das sei auch durch den Umstand zu erklären, „dass die Fans als diejenigen, die den Sport mit Leben und Bedeutung füllen und letztlich auch die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs darstellen, von echter Teilhabe und Mitbestimmung in aller Regel ausgeschlossen sind“.

Zudem heißt es: „Durch Förderung eines fairen Wettbewerbs muss die sportliche Integrität, die Glaubwürdigkeit, die gesellschaftliche und fankulturelle Akzeptanz und die wirtschaftliche Stabilität des Profifußballs gesteigert werden... Wir fordern solide Strukturen, die nicht nur auf schnelle Erfolge abzielen und weitestgehend unabhängig von externen Geldern funktionieren.“

Dem Klub geht es aber noch um mehr als bloß ums Geld. Er schlägt eine „verpflichtende Gemeinwohlbilanz aller Klubs zur Dokumentation der gesellschaftlichen Wirkung auf Basis ökonomischer, ökologischer und sozialer Kriterien“ vor. Zudem die „Gründung eines Fanbeirats, der zu allen fanrelevanten Themen vom DFL-Präsidium angehört wird und Empfehlungen abgibt“. Zudem möchte er, dass „die Jugendarbeit und Ausbildung von Talenten bei der Verteilung der Einnahmen stärker“ gewichtet und umfassender reglementiert werden.

Um die nächste Krise stabiler meistern zu können, empfiehlt der FC St. Pauli die „Schaffung eines Zukunfts- und Sicherungsfonds“, mit dem „das Ligensystem wirtschaftlich stabilisiert werden soll“, um besser vor Pandemien, Erdbeben, oder Störfällen in Atomkraftwerken vorbereitet zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was von dem Papier am Ende des ersten Corona-Jahres noch übrig sein wird. Der Ausblick sei gewagt: nicht viel! Die Kraft des Kommerzes und der Branchenriesen dürfte größer bleiben als die der Veränderung.

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