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Völlig losgelöst: Joshua Zirkzee trifft mit seiner ersten Ballberührung in der Bundesliga entscheidend für den FC Bayern.

Joshua Zirkzee

In 104 Sekunden zum Tor

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Der blutjunge Joker Joshua Zirkzee entzückt die Bayern und die Bundesliga, muss aber noch viel lernen.

Nein, der Mannschaftsbus der Bayern hat auf der nächtlichen Heimreise nicht an einer Tankstelle halten müssen, damit Joshua Zirkzee seinem Team eine Runde Kaltgetränke spendieren kann. „Hier gibt’s doch nicht zu kaufen“, sagte David Alaba lachend nach dem 3:1 in Freiburg, bei dem der Bursche Zirkzee, 18 Jahre und 210 Tage jung, die Bayern in der Nachspielzeit zum Sieg geschossen hatte. Weil die große Einstandsparty auf der Autobahn also ausfiel, hatte das Sturmtalent gute vier Stunden Zeit, die Geschehnisse des Abends erst mal in Ruhe zu verarbeiten.

Seine Sicht der Dinge durfte Jungprofi Zirkzee noch nicht schildern, da ist die Medienabteilung streng. Man sah dem 1,93-Mann aber auf dem Weg aus der Kabine an, wie er sich fühlte. Einen besseren Einstand als jenen als Last-Minute-Siegtorschütze kann man sich ja nicht vorstellen. Gerade 104 Sekunden benötigte der Niederländer, um sich in die Geschichtsbücher der Bundesliga einzutragen. Als jüngster Torschütze der Saison gilt er jetzt schon, zudem reihte er sich hinter Roque Santa Cruz (18 Jahre, 12 Tage) und Alphonso Davies (18 Jahre, 135 Tage) in die Liste der jüngsten Knipser der Bayern ein. Das Urteil von David Alaba: „Geil, das hat er sich verdient.“

Verdient hat sich der Stürmer, der wegen seines Lockenschopfs in Holland mit Pierre van Hoojdonk verglichen und von dem Ex-Bremer Mikael Silvestre beraten wird, den Erfolg in den vergangenen Wochen. Seit dem Trainerwechsel von Niko Kovac auf Hansi Flick ist er einer der Jugendspieler, die dauerhaft bei der Profimannschaft trainieren. Zum Einsatz kam er in der laufenden Saison schon in drei Teams: In der zweiten Mannschaft ist er noch ohne Treffer und zweite Wahl. Internationale Erfahrung sammelt er mit der U 19 in der Youth League. Und bei den Profis lässt er sich halt mal kurz einwechseln und schießt sie in Windeseile zum Sieg beim renitenten SC Freiburg.

„Ein richtig guter Junge“

„Das ist ein richtig guter Junge, eines der größten Talente in unserer Akademie“, sagte Hasan Salihamdizic, der den Auftritt als Bestätigung sah, dass der FC Bayern Campus „auf dem richtigen Weg“ ist. Zirkzee selbst attestierte der Sportdirektor „große Qualität, gute Ballbehandlung, Technik und viel Kraft“. Seine Prognose: „Er wird sich zu einem Spieler großer Klasse entwickeln.“ Ein großes „Aber“ schwang bei den Lobreden aus allen Seiten allerdings auch mit.

Salihamidzic umschrieb das Manko des wuchtigen Torjägers, der 2017 aus Rotterdam nach München kam und dort einen Profivertrag bis 2023 besitzt, wie folgt: „Er könnte sich noch mehr bewegen, verlässt sich manchmal auf seine Qualitäten.“ Deutlicher wurde da Hansi Flick. Zirkzee mache seine Sache im Training „ganz gut“, es finde „eine Entwicklung“ statt. Der Trainer fügte aber hinzu: „Es ist noch ein weiter Weg.“ Im Klub hört man nicht nur aus dem Campus, dass Zirkzee persönlich noch einiges fehlt, um ein Vollprofi zu sein. Larifari sagt man ja gerne zum Verhalten, das manche Jugendspieler an den Tag legen. Es heißt, er können noch deutlich besser sein, wenn er an sich arbeite.

Flick hofft nun, dass es Zirkzee „Mut macht, wenn man reinkommt und direkt ein Tor schießt“. An solchen Tagen sieht man, „dass es klasse ist, jeden Tag an sich zu arbeiten und dazuzulernen.“ Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass die Party im Bus ausfiel. Zirkzee soll schön auf dem Boden bleiben.

Deutlich weiter ist da schon Alphonso Davies, 19 Jahre alt. Wer zwölf Mal hintereinander in der Startelf steht, darf beim FC Bayern als Dauerbrenner bezeichnet werden – und man konnte dem Kanadier auch nach dem Auftritt inklusive Assist beim 3:1 in Freiburg eine insgesamt solide Leistung attestieren. Allerdings ging bei allem Lob für den überragenden Alleingang vor Robert Lewandowskis frühem Führungstreffer nicht unter, dass der Verteidiger sich in der Defensive einige Fehlerchen erlaubte. „Das darf man ihm zugestehen“, sagte Hasan Salihamidzic. Der Sportdirektor sieht seinen „Phonsie“ auf einem guten Weg, sagte aber: „Er muss auch die Balance zwischen Offensive und Defensive finden.“

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